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"Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" atmet in der Bearbeitung des Grimm?schen Märchens "Aschenputtel", das ja genrebedingt auf den erzählerischen Modus der Wiederholung ("Es war einmal?") setzt, den Geist der Modernität.

TV-Wiederholungen an Weihnachten

Drei Haselnüsse für Sissi

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"Tatsächlich... Liebe", "Die Feuerzangenbowle", die "Sissi"-Trilogie: Warum wir uns zu Weihnachten am liebsten von Wiederholungen unterhalten lassen.

Zu den Dingen, die ich während der Weihnachtsfeiertage auf keinen Fall versäumen werde, gehört der Film „Tatsächlich… Liebe“. Vielleicht nicht in voller Länge, ich habe den aus dem Jahr 2003 stammenden Film von Richard Curtis schon sehr oft gesehen. Hugh Grant spielt darin den frisch gewählten britischen Premierminister, der, so hat es den Anschein, nicht wegen seiner politischen Agenda gewählt wurde, sondern weil er so gut aussieht wie Hugh Grant. Tatsächlich ist er ein Schwerenöter, der sich in seine Hausangestellte Nathalie (Martine McCutcheon) verliebt und um sie zu kämpfen beginnt, nachdem er meint, sie in flagranti mit einem

amerikanischen Präsidenten erwischt zu haben. Absurde Handlung, oder? Heute muss man dabei sofort an Donald Trump denken, der zu dieser Zeit selbst häufig als etwas alberner Gastschauspieler in diversen Filmen auftrat. 

„Tatsächlich… Liebe“ spielt ein paar Tage vor Weihnachten in London und zeigt Menschen, die sich nach etwas Geborgenheit sehnen, Glück erleben, in ihren Beziehungen scheitern oder nicht aufgeben, zu hoffen. Drama, Kitsch, Verrat – falsche und echte Gefühle, wer will das schon so genau wissen? Es ist temporeich erzählt, voller Selbstironie, realistisch und völlig unwahrscheinlich. Eine Gala auftretender Stars: Emma Thompson, Liam Neeson, Kira Knightley, Colin Firth, Heike Makkatsch, Claudia Schiffer und viele andere sind mit dabei.

Aber warum berichte ich das? Sie wissen es wahrscheinlich selbst, man kann dem Film in der Weihnachtszeit kaum entgehen. Ich nehme mir auch gar nicht vor, ihn zu sehen. Lieber falle ich irgendwann beim Zappen hinein und bleibe für ein paar Momente dabei, nicht ohne an den immer gleichen Stellen gerührt zu sein. Über den kleinen Sam zum Beispiel. Sein Stiefvater macht sich Sorgen, dass er den Krebstod seiner Mutter nicht verkraftet. 

Wiederholungen im Fernsehen lösen Wohlgefallen aus

Tatsächlich aber ist er unglücklich verliebt in die amerikanische Austauschschülerin Joanna, die der Schwarm der ganzen Schule ist, älter und größer sowieso. Um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, lernt Sam Schlagzeugspielen und bewirbt sich für die Schulband, in der sie singt. Ach.

Ich würde mich nicht dagegen wehren, wenn jemand meine Begeisterung für den Film als regressive Tendenz wertet.   Im Jargon der Kulturkritik früherer Tage hätte man ihn ein Surrogat genannt. In dem Wohlgefallen, das Wiederholungen im Fernsehen auslösen, verhält man sich unbedingt affirmativ zum Gesehenen, man ist völlig einverstanden damit. In „Die Feuerzangenbowle“ (1944) nach dem Roman von Heinrich Spoerl ist die Regression gewissermaßen das Kernmotiv. Vier ältere Herren erzählen sich ihre Heldengeschichten aus der Schulzeit und beschließen, den äußerlich jung gebliebenen Schriftsteller Johannes Pfeiffer als Hans Pfeiffer wieder in eine Oberprima einzuschleusen. Es ist der sanft ausformulierte Traum von der Prüfungsangst oder der unverhofften Rückkehr in die Schule, der wohl die meisten Erwachsenen nie ganz verlässt. 

Heinz Rühmann gibt den Rebellen in einer Zeit, in der die nationalsozialistische Revolution von oben verordnet worden war. „Bis in die Montageprinzipien hinein, bis in die Kostüme und Bauten vermittelt der Film das Glück einer emotionalen Rückwärtsbewegung, eines erlösten Verschwindens“, schrieb das Branchenmagazin epd-Film in einer nachträglichen Kritik von 1994. „Er vermittelt eine Strategie des Vergessens, der sich niemand vollständig entziehen kann; sie entfernt von der historischen Wirklichkeit ebenso wie von den wirklichen Erfahrungen der Institution Schule, wie von dem Ärger, den wir heute Morgen im Büro hatten.“ 

Den Nazis war der Film suspekt. Heinz Rühmann, der die heute gezeigte Version produziert hatte, machte einige inhaltliche Konzessionen und reiste mit der bereinigten Fassung eigens zur Wolfsschanze, um ihn Hitler und Goebbels zu zeigen, der den Film schließlich freigab. Die Lust an der Wiederholung rührt aber wohl auch daher, dass die Schulszenen trotz oder gerade wegen ihre zeitlichen Entrücktheit die Schulerfahrung eines jeden zu berühren vermögen. Erinnern, wiederholen, durcharbeiten, das freud’sche Motto der Traumaverarbeitung gilt in besonderer Weise für die leicht und locker geschlagenen Kulturproduktionen. Man lässt sich gewissermaßen hineinfallen in die „Feuerzangenbowle“ und blendet deren historische Rolle aus.

Zu den regressiven Weihnachtsklassikern gehört natürlich auch die Sissi-Trilogie. Sie ist heute vielfach codiert. Wir betrachten den Film nicht nur als Film, sondern auch als integralen Bestandteil der tragischen Lebensgeschichte der Romy Schneider, die inzwischen selbst vielfach verfilmt worden ist und in Wiederholungen durchs Programm gereicht wird. 

Eine anhaltende Faszination löst der Film natürlich auch durch die naive Erzählhaltung eines 50er-Jahre-Melodrams aus. Es zeigt einer Teenager-Liebe der Zeit mit den Mitteln des Kostümfilms. Die fällige Rebellion gegen die Generation der Eltern, die etwa zur selben Zeit James Dean verkörperte, wird in den Sissi-Filmen in ein Rührstück getaucht, das die Unterordnung der Backfisch-Gefühle in die royale Ordnung darstellt und dem zeitgenössischen Zuschauer zugleich den Verlust derselben vor Augen führt. In der Wiederholung genießen wir die souveräne Distanz zum mitgeschleppten Zeitkolorit. Man mag sich von alldem anrühren lassen, bleibt aber doch der Beobachter aus einer anderen Zeit.

Das Motiv der Heimkehr macht Blockbuster weihnachtlich

Die CSSR/DDR-Koproduktion „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (1973) atmet in der Bearbeitung des Grimm’schen Märchens „Aschenputtel“, das ja genrebedingt auf den erzählerischen Modus der Wiederholung („Es war einmal…“) setzt, den Geist der Modernität. Aschenbrödel (Libuse Safrankova) ist hübsch und aufmüpfig, die sphärischen Klänge des tschechischen Komponisten Karel Svoboda, der auch Hits wie „Einmal um die ganze Welt“ für Karel Gott geschrieben hat, tendieren leicht ins Jazzige und rauen so das rein Märchenhafte der Erzählung auf. Zum wärmenden Gefühl, das das Bedürfnis nach Wiederholung begleitet, passt paradoxerweise auch der Umstand, dass der Film in Winterlandschaften gedreht wurde. Heute vermittelt das die Assoziation eines Winters, den es schon lange nicht mehr gibt. Für Zuschauer, die in der DDR sozialisiert wurden, repräsentiert der Film auch die Erinnerung an eine künstlerisch wertvolle, inzwischen verlorene Medienproduktion ganz eigener Prägung.

Es gibt sie natürlich nicht, die typische Weihnachstwiederholung. Mitunter sind es echte Kino-Blockbuster wie „Gladiator“ von Ridley Scott oder „Der Herr der Ringe“ von Peter Jackson. Was sie anschlussfähig macht für die weihnachtlichen Gefühle ist das Motiv der Heimkehr. In beiden Epen geht es um große, gefährliche Abenteuer, die überstanden werden müssen, ehe der Lohn der Ankunft winkt. Aber davon handelt große Kunst oft genauso wie die vielen kleinen Surrogate: Es geht um das gute Gefühl, nach Hause zu kommen. Auch wenn man später halt wieder los muss.

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