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„#dreckshure“ in Arte: „Hasskommentare laufen besser als Katzenvideos“

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Von: Daland Segler

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Die Journalistinnen Myriam Leroy (links) und Florence Hainaut (rechts) machen in ihrer TV-Doku #dreckshure deutlich, was Frauen alles ertragen müssen.
Die Journalistinnen Myriam Leroy (links) und Florence Hainaut (rechts) machen in ihrer TV-Doku #dreckshure deutlich, was Frauen alles ertragen müssen. © Romain Garcin

Ein Dokumentarfilm über die Versuche, Frauen im Netz mit Gewalt zum Schweigen zu bringen.

Frankfurt - Sie vergewaltigen gerne. Auch Analverkehr gehört zu ihren bevorzugten Methoden. Jedenfalls in ihren Fantasien: Männer, die Frauen im Internet nachstellen, beleidigen, bedrohen. Denn es sind fast ausschließlich Männer, meistens welche mit rechtsextremer Gesinnung. Und dabei oft „der nette Mann von nebenan“, schildern die beiden Autorinnen Florence Hainot und Myriam Leroy in ihrem Film „#dreckshure“. Sie lassen einige der Frauen, die diese Erfahrung machen mussten, zu Wort kommen.

Anfangs lesen sie Zitate aus den Postings im Internet vor. Da ist man schon geneigt abzuschalten, weil man diese unflätigen Sätze nicht hören will. Aber die betroffenen Frauen mussten sie ertragen, weil der Unrat ihre Accounts bei Twitter, Facebook etc. überflutete. Nicht einmal, sondern bisweilen wochen-, monate-, jahrelang. Warum? Weil sie es gewagt hatten, sich öffentlich zu äußern. Oder auch nur: weil sie Frauen sind. Fast drei Viertel aller Frauen im Netz wurden Opfer von Cybermobbing – weltweit. Auch eine globale Epidemie ...

„#dreckshure“ (Arte): Tief sitzende Frauenverachtung

In ihrem ruhigen, klar strukturierten Film belegen die Autorinnen diese trotz „MeToo“ weitgehend ignorierte Ungeheuerlichkeit mit Aussagen von Betroffenen, Expert:innen und Statistiken. Und fragen nach den Gründen. Einer ist die in der patriarchalisch geformten Gesellschaft tief sitzende Frauenverachtung. Die werde durch die sozialen – besser: asozialen – Medien deutlich verstärkt, weiß Emma Jane, die in Australien zu Misogynie forscht. Facebook, Twitter & Co sind auf Aufmerksamkeit angewiesen, der Skandal ist deshalb ihr Geschäftsmodell; auch damit werden Leute wie Mark Zuckerberg steinreich. „Hasskommentare laufen besser als Katzenvideos“, berichtet Anna Lena von Hodenberg von der Organisation Hate Aid, die Opfer von Hetze im Netz unterstützt.

Dabei wird die Strafverfolgung oft durch unwillige Exekutive oder Justiz – für gewöhnlich von Männern dominiert – erschwert. Die Unternehmerin Alice Barbe hatte 360 Anzeigen erstattet, von denen gerade sieben zu Anklagen und nur sechs zu Verurteilungen gegen die Männer führten. Und im Fall der Politikerin Renate Künast urteilte ein deutscher Richter, „Drecksvotze“ sei keine Beleidigung, sondern eine „Meinungsäußerung“. Es dauerte lange, bis Künast Recht bekam. Sie hatte zum Beispiel nach einem Auftritt bei der Talkshow „hart aber fair“ 217 Hasskommentare registrieren müssen.

#dreckshure
RegieFlorence Hainaut, Myriam Leroy
ProduktionKWASSA Films Production
ProduzentinAnnabella Nezri
GenreDokumentation
HerkunftArte, RTBF
LandBelgien
Jahr2021

„#dreckshure“ (Arte): Frauen sollen zum Schweigen gebracht werden

Der Zweck solcher Attacken ist erkennbar: Frauen sollen zum Schweigen gebracht werden. Dabei sei das Netz „der wichtigste öffentliche Raum, den wir haben“, formuliert Anna Lena von Hodenberg. Wenn die Stimmen der Frauen aus diesem Raum rausgedrängt würden, dann siegte in der öffentlichen Debatte zuletzt das Recht des Stärkeren – das Ende des demokratischen Diskurses.

Etwa 76 Prozent der Frauen haben nach Gewaltandrohungen ihre Netzaktivität verändert, fast ein Drittel ist nach Hass-Attacken im Netz verstummt.

„#dreckshure“

Mittwoch, 27. Juli, Arte, 21.50 Uhr, in der Mediathek bis 25. August 2022 abrufbar

Dieser Befund muss bedenklich stimmen. Aber die Berichterstattung in den Medien ist oft geprägt von der „false balance“: Den Hasskommentaren oder Skandalisierungen wird dabei eben soviel Raum eingeräumt wie dem Kampf dagegen – obwohl erstere nur einen kleinen Teil des Diskurses ausmachen. Denn die „Hater“ sind eben keine „schweigende Mehrheit“, sondern eine pöbelnde Minderheit. (Daland Segler)

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