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Eine Darstellerin als Ereignis: Helena Zengel als Benni.

„Systemsprenger“

Draußen vor der Tür – „Systemsprenger“ im Kino

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Nora Fingscheidts meisterhaftes Drama „Systemsprenger“ führt an die Grenzen behördlicher Jugendhilfe.

Das Deutsche fabriziert sich immer wieder recht hässliche Wörter. „Systemsprenger“ gehört zweifellos dazu, aber es bezeichnet auch nichts Schönes. Gemeint sind damit verhaltensauffällige Menschen, an denen die Institutionen der deutschen Kinder- und Jugendhilfe versagen. So werden sie entweder von Einrichtung zu Einrichtung herumgereicht oder fallen völlig aus dem sozialen Netz heraus. Es ist ein Wort, aus dem vor allem Hilflosigkeit spricht, indem es das systemische Versagen den Schutzbedürftigen in die Schuhe schiebt: das Kind als Sprengstoff. Aber natürlich sind diese Kinder oft auch eine Gefahr für die anderen, es ist ein Dilemma, das das übliche Schul- und Betreuungssystem an seine Grenzen führt.

Nora Fingscheidt, eine preisgekrönte Dokumentarfilmerin, erzählt in ihrem gleichnamigen Spielfilmdebüt – als deutscher Kandidat nun auch im Oscar-Rennen – fiktional, aber auf der Basis jahrelanger Recherche von der Odyssee der neunjährigen Benni. Im Namen scheint anzuklingen, dass die Mehrheit dieser „Schwierigsten“, wie eine andere Behelfsbezeichnung in der Jugendhilfe lautet, männlich ist. Doch mit einem Jungen als Protagonisten wären Konventionen in der filmischen Darstellung verbunden. Die Filmgeschichte ist reich an Geschichten über schwer erziehbare Jungen, allein Truffaut drehte „Sie küssten und sie schlugen ihn“ und „Wolfsjunge“. Fingscheidt streift Erwartungen geschickt beiseite, ebenso wie sie eben keine narrativen Muster wählt, die auf ein erwartbares Ende zusteuern, sei es glücklich oder tragisch.

So unstet wie das Leben des Kindes, das von einer überforderten Mutter in behördliche Fürsorge gegeben wurde, ist naturgemäß die filmische Struktur: Von der Sonderschule verwiesen, von Pflegefamilien retourniert, wird die Zwischenlösung einer Obhutsannahmestelle zum wiederkehrenden Aufenthaltsort, zur unmöglichen Heimat. Die zentralen Nebenfiguren sind eine außerordentlich liebevolle Mitarbeiterin des Jugendamtes (Gabriela Maria Schmiede) und der Anti-Gewalt-Trainer Micha (Albrecht Schuch). Ein wiederkehrendes Bild ist aber auch das festgeschnallte Kind in der Psychiatrie, wo es nach Gewaltausbrüchen immer wieder landet.

Der in einem unprätentiösen, aber konsequenten Realismus gehaltene Film wird bereits durch die Darstellerin der Neunjährigen zum Ereignis: Wie es Helena Zengel gelingt, das plötzlich ausbrechende Gewaltpotential des Mädchens zu vermitteln, aber ebenso die Verlustängste oder die aufblitzende Intelligenz, ist sensationell. Doch genauso imponierend ist Fingscheidts Weigerung, für ein komplexes Phänomen einfache Lösungen anzubieten – so sehr Filmdramaturgien scheinbar danach rufen. Man führt sich an einen wegweisenden Klassiker des modernen deutschen Films erinnert, Roland Klicks „Bübchen“.

Systemsprenger.D 2019. Regie: Nora Fingscheidt. 119 Min.

Es ist ein Film, der keine Gefangenen macht und sein Publikum in jenen Strudel aus Hoffnungen und Enttäuschungen stößt, den jeder erlebt, der mit solchen Menschen zu tun hat. Diese Achterbahnfahrt lässt die Konventionen des für ähnliche Stoffe bewährten Semidokumentarismus weit hinter sich. Man versteht sofort, warum dies ein künstlerischer Spielfilm werden musste und nichts anderes. Auch der diskreteste Dokumentarfilmer hätte unwillkürlich eine Rolle gespielt im Leben eines solchen Kindes, hätte sich eingereiht in das Kommen und Gehen sogenannter Vertrauenspersonen.

Auf der vergangenen Berlinale, wo ihr Film im Wettbewerb lief, erklärte die Filmemacherin einer vom Schicksal des hochintelligenten und feinfühligen Mädchens erschütterten Presse, die Realität sei noch um einiges schlimmer. Allein eine solche Fallgeschichte weiter zu erzählen, hätte die Perspektive wohl verdüstert. Viele sogenannte Systemsprenger werden obdachlos oder straffällig. Man könnte diesen Film gut in einem Doppelprogramm mit Agnès Vardas Obdachlosenstudie „Vogelfrei“ zeigen und bekäme eine Vorahnung von dem, was Menschen wie Benni im schlimmsten Fall droht.

Doch Fingscheidt pathologisiert auch nicht, gerade die poetischen letzten Szenen wecken noch einmal Verständnis für das Besondere von Bennis Wesensart.

Auch wenn das Unwort „Systemsprenger“ noch nicht im Duden steht, ist das Problem dank dieses meisterhaften Films nun vielleicht etwas höher platziert auf der Agenda. Und ebenso eine großartige junge Filmemacherin, die abseits aller Melodramatik mitten ins Herz trifft. Liest man den langen Abspann, tauchen die Namen einiger der besten deutschen Filmemacher auf, die sie wohl teils schon während der Drehbucharbeit um Rat gefragt haben muss – Hans-Christian Schmid, Thomas Schadt, Andreas Dresen. Doch erst die bewundernswerte Darstellerführung, eine punktgenaue Montage und Klanggestaltung machen diesen erstaunlichen Film unvergesslich.

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