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Claes Bang als Dracula.

„Dracula“ auf Netflix

Blutsauger reloaded

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Der Netflix-Serie „Dracula“ gelingt die Gratwanderung zwischen blutrünstiger Grausamkeit auf der einen und klassisch-britischem Charme auf der anderen Seite. Die Serienkolume „Nächste Folge“.

Das Corona-Virus ist angekommen, Ungewissheit und Ängste grassieren, und die nasse Winterkälte hält Deutschland hartnäckig im Griff. Es gibt viele Gründe, sich auf der heimischen Couch zu verkriechen. Warm eingepackt und dank Hamsterkäufen, Dosenfrüchten und Lieferdiensten grundversorgt, lässt sich die geneigte Streaming-Kundin auf das Angebot ein – und findet, genau, bloß weitere Katastrophen. Immerhin solche, die sie auf dem Kuschelsofa niemals einholen können.

Netflix präsentiert derzeit die klassischsten aller fiktiven Bedrohungen am Fließband: Vampire, Zombies, Hexen. Stunde um Stunde könnte man ihnen zusehen, Erwachsenen, Teenies, Toten, Lebenden, Unentschiedenen. So vielfältig das blutige Programm gerne sein würde, die meisten dieser Produktionen sind es nicht wert, die eigene Lebenszeit an sie zu verschwenden. Eine Ausnahme gibt es aber doch.

Netflix-Miniserie „Dracula“ führt den Grafen in die Gegenwart

Die Miniserie „Dracula“ erzählt vor allem den Kampf eines ziemlich einsamen jahrhundertealten Vampirs mit seiner Gegenspielerin: der glaubensfrustrierten Nonne Schwester Agatha van Helsing. Kennen Sie von irgendwoher? Richtig. In drei Teilen orientiert sich die Co-Produktion von BBC und Netflix allerdings bloß punktuell am Handlungsfaden des Bram-Stoker-Klassikers

Obwohl „Dracula“ dutzendfach filmisch adaptiert, interpretiert und aus- und umgestaltet wurde, finden die für die BBC-Serie „Sherlock“ mit Benedict Cumberbatch bekannten Drehbuchautoren Mark Gatiss und Steven Moffat einen neuen Zugang. Sie scheuen sich nicht davor, mit der weiblichen Besetzung Van Helsings (Dolly Wells) mit Zuschauererwartungen zu brechen und das Ringen zwischen Protagonist und Antagonist um die Facette Geschlecht zu erweitern.

Wenn Draculas Reise den Grafen ins England der Gegenwart führt, verdrehen Gatiss und Moffat die düstere Welt des Grafen endgültig. Sie lassen den Blut-Connaisseur ein Smartphone klauen, sich damit die Tinder-affine Schönheit Lucy als perfekte Begleiterin anlachen und Anwalt Renfield per Skype mandatieren. Dabei gelingt Dracula (Claes Bang) die Gratwanderung zwischen blutrünstiger Grausamkeit auf der einen und klassisch-britischem Charme auf der anderen Seite.

„Du bist sterblich. Du stirbst schon seit der Geburt“, erklärt der Graf seinem Opfer mit der Weisheit von Jahrhunderten des untoten Lebens. So gesehen, wird es Zeit, die Couch zu verlassen, keine Serie, keine Hamsterkaufvorräte halten ewig – und ohne Vampire stirbt es sich so schnell auch wieder nicht.

„Dracula“läuft auf Netflix.

Zuvor bei der „Nächsten Folge“:

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