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„Dr. Strange in the Multiverse of Madness“: Eine Hexe namens Wanda

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Von: Daniel Kothenschulte

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Die klassische Disney-Schurkin: Elizabeth Olsen als Wanda Maximoff. Foto: Marvel Studios/Walt Disney Studios/dpa
Die klassische Disney-Schurkin: Elizabeth Olsen als Wanda Maximoff. © dpa

Sam Raimis surrealer Blockbuster überrascht mit unterschwelliger Romantik

In der goldenen Zeit der Filmtheater konnten ihre Namen nicht genug Größe ausstrahlen. Sie hießen „Schauburg“, „Capitol“ oder gar „Universum“. Größer als die Unendlichkeit des letzteren ist nur noch das „Multiversum“ der Marvel-Welten, eine der genialsten Erfindungen des medialen Franchise – erlaubt es doch, die teuer eingekauften Stars als Doppelgänger ihrer eigenen Charaktere gleich mehrfach zu besetzen. Oder, besser noch, verstorbenen Heldinnen und Helden zweite Leben zu bescheren oder dabei vielleicht sogar in eine verwandte Serie zu spinksen. „Black holes“ dienen dabei als Schlupflöcher, wenn man sie denn findet.

Sam Ramis Fortsetzungsfilm „Dr. Strange in the Multiverse of Madness“ macht nun mit einer jungen Superheldin bekannt, deren besondere Begabung das beliebige Flanieren zwischen den Multiversen darstellt. Xochitl Gomez spielt diese den Comic-Fans bereits vertraute America Chavez. Im Jahr 2011 debütierte sie bei Marvel als erste lateinamerikanische LGBTQ+-Figur, doch ihre Identitäten und sexuellen Orientierungen sind in diesem Film noch kaum ein Thema.

Nur einmal betritt sie in einem alternativen New York die „Memory Lane“, einen Erinnerungs-Parcours, der ihr ein paar Kindheits-Splitter entlockt: Die utopische Parallelwelt, in der sie aufwächst, wird gerade von feindlichen Mächten angegriffen. Ihre beiden Mütter opfern sich dabei selbstlos, um die schwarzen Löcher zu verstopfen.

Die Waise macht sich daraufhin auf eine einsame Odyssee durch Zeiten und Welten, doch auch diesen Teil ihrer Comic-Biografie müssen wir uns dazu denken. Umso merkwürdiger, einer Persönlichkeit des 21. Jahrhunderts, die selbst mehrere Universen in ihrer Identität vereint, etwas so Altmodisches wie einen väterlichen Freund an die Seite zu stellen.

Dem charismatischen Dr. Strange (Benedict Cumberbatch), dem ersten Zauberkünstler, der auch wirklich zaubern kann, begegnet sie noch, bevor der Film richtig begonnen hat. Im Schlaf erlebt er in einer Auseinandersetzung mit ihr, wie es scheint, seinen eigenen Tod, nur um erst später in der Geschichte zu erfahren, dass Träume in multiplen Universen keine Schäume sind. Da kann er dann nur noch möglichst unauffällig die eigene Leiche bestatten.

Das Wiedersehen mit America in der ihm vertrauten Wirklichkeit gestaltet sich umgehend. Als Hochzeitsgast der noch immer geliebten Ex Christine (Rachel McAdams) sorgt der Auftritt eines einäugigen Monsters für die dringend benötige Ablenkung. Das ist offensichtlich der Nachwuchsheldin auf den Fersen und verleitet den passionierten Lebensretter zum beherzten Sprung vom Balkon der Party-Location, einem New Yorker Wolkenkratzer. Doch auch das glibbrigste Monster in einem Marvel-Film ist nie so gefährlich wie die Superheldin, die im Hintergrund die Strippen zieht. Es handelt sich um Wanda Maximoff, auch bekannt als Scarlett Witch.

Wer sich oft fragte, was Disney und Marvel (abseits von Wirtschaftsverflechtungen) eigentlich verbindet, erlebt in Elizabeth Olsens Darstellung das ideale Bindeglied zwischen beiden Universen: Sie ist eine klassische Disney-Schurkin, getrieben von tragischer Sehnsucht. Dabei jagt sie die jugendliche Superheldin mit der gleichen zerstörerischen Phantasie wie die böse Königin ihr Schneewittchen oder Malefiz das unschuldige Dornröschen. Als Türöffnerin in die Metaversen steht America Chavez an der Schnittstelle zu einem parallelen Leben, dem die Hexe auf ihrem dunklen Lebensweg entsagen musste.

Dass es auch in dieser Vorgeschichte um Mutterschaft und bescheiden weltliche Glücksmomente jenseits aller Superkräfte geht, fügt sich in ein übergeordnetes romantisches Narrativ: „Bist du glücklich?“, wird Dr. Strange schon von Christine am Rande ihrer Hochzeit gefragt, was er nur etwas unglaubhaft bejahen kann.

Die märchenhaften Schauplätze, die sie im Folgenden mit America Chavez bereist, gleichen Sehnsuchtsorten alter Filme. Es gibt ein Bergkloster wie aus „In Fesseln von Shangri-La“, eine Treppe, die in den Himmel führt, wie in „Irrtum im Jenseits“ („A Matter of Life and Death“) oder ein weißes Zimmer wie in Stanley Kubricks „2001“. Nur zögerlich vertraut America ihrem Gefährten, denn in einer anderen Welt trachtete ihr ein anderer Doktor Strange schon nach dem Leben. Kurzauftritte von Raimis frühem Star Bruce Campbell oder Patrick Stewart verorten diesen überraschend altmodischen Abenteuerfilm in der Filmgeschichte.

Sam Raimi ist einer der größten Virtuosen des Genrekinos. Als Pionier des Splatterfilms erkannte er schon bei seinen „Evil Dead“-Filmen die enge Verwandtschaft des Genres zum Slapstick. Den liebten ja auch die Surrealisten um André Breton, weil er eine Tür zum Unbewussten und in die Kindheit öffnet. Und was wäre surrealistischer als das Spinnennetz des Spider Man? In einem kleinen Selbstzitat macht sich Doctor Strange Gedanken darüber, aus welchem Körperteil des Helden wohl der Spinnenfaden kommt. Dieses Geheimnis wollen wir allerdings natürlich weder im noch außerhalb des Kinos gelüftet wissen, sonst kommt die Spoiler-Polizei.

Doctor Strange in the Multiverse of Madness. USA 2022. Regie: Sam Raimi. 126 Min.

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