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Dortmund-Tatort „Liebe mich“: Wenn Mütter nicht genug lieben

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Von: Sylvia Staude

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Bönisch und Faber und das ausgebrannte Auto ihrer Kollegin Herzog. WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost
Dortmund-Tatort: Bönisch und Faber und das ausgebrannte Auto ihrer Kollegin Herzog. WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas

Der neue dunkle und übel endende Dortmund-Tatort „Liebe mich“ in der ARD erzählt von Gefühlskälte und ihren Verheerungen.

Dortmund – Wer regelmäßig Umgang mit Toten hat, wer einer Toten zum Beispiel hingebungsvoll und ohne Scheu die langen Haare kämmt, der tut doch auch leichter den Schritt, jemanden gleich selbst ums Leben zu bringen – oder? Einen solchen Hintergedanken glaubt man jedenfalls Jan Pawlak anzusehen, der dem Chef eines Bestattungsunternehmens die üblichen polizeilichen Fragen stellen muss. Für das Unternehmen arbeiten im jüngsten Dortmund-Tatort in der ARD einige der Verdächtigen.

Die erstmal nur verdächtig sind, weil sie Zugang zu einem Fahrzeug und einem „Versteck“ gehabt hätten: In einem Friedwald, in dem eigentlich nur Urnen gestattet sind, wurden zwei ermordete Frauen vergraben. Die beiden Wald-Plätze wurden angeblich bar bezahlt – aber bei Bestattungen Ihle will sich keiner daran erinnern können, wer da bar bezahlt hat. Außerdem gibt es unter Namen und Adresse des Käufers – niemanden.

Tatort „Liebe mich“ (ARD): Ermittlerteam scheint ein wenig schwer von Begriff zu sein

Das Ermittlerteam ist ein wenig schwer von Begriff im Tatort „Liebe mich“ von Jürgen Werner, Buch, und Torsten C. Fischer, Regie. Denn die ermordeten und begrabenen Frauen waren Mitte 40 und tragen das gleiche altmodische Kleid, sodass sich Krimierfahrenen bald eine beliebte Serienmörder-Motiv-Variante geradezu aufdrängt: Ungeliebter Sohn rächt sich an seiner „Mutter“, sucht sich Stellvertreterinnen als Opfer. Die Mutter scheint außerdem Martina Bönisch verflixt ähnlich zu sehen bzw. gesehen zu haben, denn es wird allgemein bemerkt, dass die Ermordeten vom gleichen blonden Typ sind, sogar die Haare gleich tragen.

Kommissarin Bönisch, Anna Schudt, hat indessen weiterhin Stress mit dem Pathologen Haller, Tilmann Strauß. Nein, sie will ihrer kurzen Beziehung keine „zweite Chance“ geben. Sie ist nervös, wütend, „nehmt mir die Waffe weg“, sagt sie, allerdings nicht im Ernst. Aber wehe, Faber, Jörg Hartmann, nimmt ihr den Termin beim Pathologen-Stalker ab. Auch das weckt ihren Zorn.

Allerdings: Bönisch und Faber kommen sich näher. Mindestens auf Kussnähe (ob zwischen Abend und Morgen noch mehr passiert: wer weiß). Man denkt an den Rostock-Polizeiruf mit den nach Jahren der Zusammenarbeit plötzlich entflammten Bukow und König. Aber, so viel sei verraten, wie bei diesen beiden wird auch in Dortmund nichts aus der zarten Pflanze Ermittlerliebe werden.

Dortmund-Tatort in der ARD: Kind erfährt von Oma, dass Mutter im Gefängnis ist

Pawlak, Rick Okon, wird dafür weiterhin von seinen privaten Problemen sehr in Anspruch genommen. Die Frau (drogensüchtig und kriminell, wir erinnern uns) sitzt in Untersuchungshaft. Die kleine Tochter hat’s von der Oma erfahren, dass Mama nicht „verreist“, sondern im Gefängnis ist, und möchte also wissen, warum der Papa gelogen hat. In Dortmund sind inzwischen die Verhältnisse fast umgekehrt als zum Start des Faber-Teams: Unter lauter Beziehungsgeschädigten, fast schon Heillosen ist der einsame Wolf nun der ruhende Pol, der Einzige einigermaßen geheilte.

Zwar schien Rosa Herzog, Stefanie Reinsperger, gelegentliche geduldige Hüterin von Pawlaks Tochter, bisher keine privaten Probleme zu haben (eine gute Abwechslung in Dortmund, fand die Kritikerin) – familiär begründetes, womöglich lebensgefährliches Unheil aber kündigt sich diesmal an: In Gestalt ihrer Mutter, die bei der Roten Armee Fraktion war und offenbar noch ist, denn diese fordert jetzt Ausstiegs-Hilfe unbestimmter Art bei ihrer Tochter ein. Unbestimmter Art, denn ehe sich das erklären kann (nur ein Handy wird vorerst von Mama Herzog übergeben), wird Rosa entführt. Die Kollegen finden nur noch ihr ausgebranntes Auto.

Hier ist der „Tatort: Liebe mich“ zu sehen:

Wo? ARD-Fernsehen oder in der Mediathek

Wann? Sonntag, den 20.02.2022, um 20.15 Uhr

Tatort „Liebe mich“: Zwischen Klischees und bedeutungsschwangeren Sätzen

Das Tempo, ohnehin hoch, zieht nochmal an. Offene Enden flattern, aber so ist das Leben. Klischees werden bemüht, das leuchtet nicht immer ein. Bedeutungsschwangere Sätze fallen und werden ironisch zurückgewiesen.

Eine Nummer kleiner, entspannter geht es wohl nicht in Dortmund. Es geht wohl nicht ohne SEK, in Gefahr geratende Ermittlerinnen, einen schlimm verpassten Anruf, einen bösartigen Pathologen, einen vermurksten Einsatz. Ein großer, dunkler Spannungsbogen entsteht, und nur der Friedwald ist noch einigermaßen friedlich. (Sylvia Staude)

Zuletzt spielte der Tatort „Saras Geständnis“ in Freiburg.

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