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Dortmund-Tatort „Du bleibst hier“ (ARD): Eher verblüffend als mitreißend

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Von: Judith von Sternburg

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Rosa im Salon von Martin: Stefanie Reinsperger (vorne) mit Andreas Schröders.
Rosa im Salon von Martin: Stefanie Reinsperger (vorne) mit Andreas Schröders. © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas

Im Dortmund-Tatort „Du bleibst hier“ müssen Faber und seine Leute schauen, wie es ohne Frau Bönisch weitergehen soll.

Dortmund – Das Dortmunder Tatort-Team besteht gegenwärtig aus Hinterbliebenen. Ohne die in der vergangenen Folge erschossene Frau Bönisch ist es schlimm, aber es muss weitergehen. Faber, Jörg Hartmann, wohnt in seinem Manta, hat einen langen Bart und springt ins Herdecker Speicherbecken. Jan Pawlak, Rick Okon, denkt, er könne seine Frau aus dem Gefängnis abholen und alles wäre wie früher. Rosa Herzog, Stefanie Reinsperger, warnt ihn sensibel vor, wird allerdings zugleich von der terroristischen Vergangenheit ihrer Mutter eingeholt. Familie, eine ewige Hoffnung und ein Fluch, wie das Drehbuch zu „Du bleibst hier“ durchexerziert.

Dortmund-Tatort im Ersten

„Tatort: Du bleibst hier“, ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

Der auch schreibende Schauspieler und nun Drehbuch-Debütant Hartmann hat es zusammen mit dem Dortmund-Tatort-erfahrenen Jürgen Werner verfasst. Man muss die Figuren sehr lieben, um es nicht etwas bescheuert zu finden, zu viel von allem, zumal selbst die vernünftige Rosa Herzog beim Leichentransportexperiment im Schlafsack schließlich die Nerven verliert. Eben hat sie noch einen glänzenden Witz gemacht und zu Pawlak gesagt, er solle sich einen Parka anziehen, dann wisse er, wie das abgelaufen sei. Jetzt zappelt auch sie und nervt. Ein bisschen. Das passt aber zum Thema Familie. Das Publikum sieht den überspannten Kommissar Faber und seine Leute nicht seltener als Tante P., eigentlich häufiger.

Dortmund-Tatort „Du bleibst hier“ in der ARD: Die Erschütterung ist groß

Die Erschütterung ist groß, das Drehbuch zelebriert sie und klemmt einen Kriminalfall dazwischen, der sich mehr oder weniger von selbst lösen muss, weil die Figuren viel zu abgelenkt sind durch das eigene Leid. Natürlich geht es auch dabei um die Familie. Valery Tscheplanowa, wie schön, sie zu sehen, spielt eine Frau, deren Sohn nach dem Konsum von gepanschtem Ecstasy schwer beeinträchtigt ist. Eine Tragödie, die hier nebenbei mitlaufen muss, auch wenn Valery Tscheplanowa eh nie nur nebenbei mitläuft. Wütend stopft sie gerade das störrische Bettsofa wieder zusammen, auf dem sie in der Miniwohnung übernachtet.

Ihr Mann ist ein Immobilienhai, der sie vor die Tür gesetzt hat, als ihm klar wurde, dass der unglückliche Sohn nicht von ihm ist. Nun ist der Mann, den auch wir vor dem Bildschirm automatisch hassen werden, verschwunden, eine aufgefundene Blutlache für Rachedurstige aber groß genug, um mit seinem Wiedererscheinen nicht zu rechnen. Faber-Robinson-Crusoe ist krankgeschrieben und mit dem Manta im Wald. Herzog und Pawlak ermitteln herum. Heikel ohne Leiche.

„Du bleibst hier“ (ARD): Tatort eher verblüffend als mitreißend

Durch einen, sagen wir, kühnen Schlenker kommt nun Fabers Vater ins Spiel. Er wohnt in der Nähe, im Dortmunder Kreuzviertel, das sich als Dreh- und Angelpunkt der Folge erweist. Faber hatte, mit Gründen, lange keinen Kontakt zu ihm, auch hier: Drama, Drama, Drama. Wolfgang Rüter zeigt aber einfach einen armen, alten Mann, der gerne isst und dessen Demenz durch die vertraute Gegend offenbar noch einigermaßen abgefedert wird.

Unter der Regie von Richard Huber werden pütscherige Räume liebevoll in Szene gesetzt, am rührendsten der vorgestrige Frisörsalon, in dem Dortmunderinnen ein Sektchen trinken und Andreas Schröders auch Reinsperger flotte Locken verpasst. Nachher geht es in die Katakomben von Dortmund, wo Stollen zu Der-dritte-Mann-Szenen einladen. Eher verblüffend als mitreißend. Ach, Bönisch, warum, warum. (Judith von Sternburg)

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