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Zwischen Marie (Rosalie Thomass, li.) und Satomi (Kaori Momoi, re.) entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft.

„Grüße aus Fukushima“, Arte

Schwarzweiß wie das Leben

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Doris Dörrie hat sich für das dokumentarische Drama „Grüße aus Fukushima“ in die Realität Japans geschmuggelt.

Doris Dörrie hat Japan vor gut dreißig Jahren kennen und lieben gelernt; damals ist „Mitten ins Herz“, ein Frühwerk der Regisseurin, zum Festival in Tokio eingeladen worden. Seither war sie viele Male dort. Acht Jahre nach ihrem großen Kinoerfolg „Kirschblüten – Hanami“ (2008) hat sie wieder in Japan gedreht. Optisch könnten die beiden Filme allerdings kaum unterschiedlicher sein: „Grüße aus Fukushima“ ist ein düsteres Schwarzweißdrama, das beklemmende Erinnerungen an die Dreifachkatastrophe von 2011 hervorruft.

Inhaltlich gibt es allerdings durchaus Parallelen: In „Kirschblüten“ ist ein Mann in den fernen Osten gereist, um an Stelle seiner verstorbenen Frau ihren großen Traum zu leben; diesmal ist es eine junge Frau, die sich auf den Weg macht. Allerdings handelt es sich bei Marie (Rosalie Thomass), wie sich später zeigt, eher um eine Flucht: Kurz vor der Trauung ist ihre Hochzeit geplatzt. 

Szenen aus Doris Dörries „Grüße aus Fukushima“

Marie (Rosalie Thomass, li.) lernt von der Weisheit Satomis (Kaori Momoi, re.), der letzten Geisha Fukushimas. © ZDF/Hanno Lentz
Bei ihrer Ankunft in Japan wird Marie  von einer Katze begrüßt. © ZDF/Hanno Lentz
Marie  und Satomi  richten sich in den Ruinen von Satomis Haus ein. © ZDF/Hanno Lentz
Bei Clowns4Help ist Marie (Rosalie Thomass) für die Sportanimation zuständig. © ZDF/Matthias Bothor
Die Freundinnen bei einer Teezeremonie. © ZDF/Hanno Lentz

Ihr Trip nach Fukushima ist zwar gut gemeint, weil sie den Menschen im Auftrag der internationalen Hilfsorganisation „Clowns4Help“ ein bisschen Freude bringen will, aber in Wirklichkeit sind ihre Motive höchst eigennützig: Sie hofft, dass ihre eigene Trauer angesichts des ungleich größeren Unglücks der Japaner kleiner wird. Im Grunde betreibt Marie nichts anderes als Elendstourismus, und als Clown ist sie ohnehin eine Fehlbesetzung. Eigentlich will sie schon abreisen, aber dann begleitet sie eine alte Frau in die Sperrzone: Satomi (Kaori Momoi), die letzte Geisha Fukushimas, macht mit Maries Hilfe ihr zerstörtes Heim wieder bewohnbar; beinahe widerwillig entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden gegensätzlichen Frauen.

Zur Sendung

Drama „Grüße aus Fukushima“

Sendetermin TV: Donnerstag, 7.2.2019, 22.05 Uhr, und Dienstag, 19.2.2019, 01.10 Uhr, Arte

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„Grüße aus Fukushima“ ist gewissermaßen ein dokumentarisches Drama: Die Geschichte ist fiktiv, aber die Schauplätze sind real. Mehrfach streut Dörrie Aufnahmen aus dem Frühjahr 2011 an, als das schwerste Erdbeben in der Geschichte Japan eine 15 Meter hohe Flutwelle auslöste, die auch das Kraftwerk in Fukushima überrollte und dort in drei Reaktoren eine Kernschmelze auslöste. Mit Ausnahme der gesperrten Zone ist die radioaktiv verstrahlte Gegend wieder freigegeben, doch der Ort gleicht einer Geisterstadt; die Bilder könnten auch aus einem postapokalyptischen Endzeitfilm stammen. Kein Wunder, dass sich Marie hier völlig fehl am Platz fühlt. Auch Satomi duldet das „große dumme Mädchen“ nur, weil die zu einem gewissen Ungeschick neigende Deutsche kräftig ist und gut anpacken kann. Allerdings zieht Marie mit ihrer Traurigkeit auch die Geister der Toten an, was der Geisha zunächst gar nicht gefällt, denn es erinnert sie an eine Schuld, die schwer auf ihrem Gewissen lastet; aber dank Marie findet sie den Mut, sich dieser Schuld zu stellen.

„Grüße aus Fukushima“ ist bereits Dörries dritter Japan-Film (der erste war im Jahr 2000 „Erleuchtung garantiert“). Ihre Kenntnisse von Land und Leuten sind natürlich eine gute Basis. Entscheidender für den authentischen Charakter des Werks ist jedoch eine Arbeitsweiseweise, die schon „Dieses schöne Scheißleben“ (über mexikanische Mariachi-Sängerinnen) kennzeichnete: Gemeinsam mit Hanno Lentz, seit „Kirschblüten“ ihr bevorzugter Kameramann, hat die für Werke wie „Männer“ (1985), „Keiner liebt mich“ (1995) oder eben „Kirschblüten“ (2008) mit allen wichtigen Filmpreisen geehrte Regisseurin einen Weg gefunden, sich „in die Realität zu schmuggeln“, wie sie das nennt. Auf diese Weise ist eine einzigartige Hybridform aus Spiel- und Dokumentarfilm entstanden, die durch das sensible Spiel von Rosalie Thomass gekrönt wird. Die Hauptdarstellerin ist für diese Leistung 2016 mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet worden.

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