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„Don’t Worry Darling“ mit Hauptdarsteller Harry Styles: Im Tal der Puppenstuben

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Von: Daniel Kothenschulte

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In „Don’t Worry Darling“ mit Harry Styles beginnt Hausfrau Alice Chamber (Florence Pugh) recht spät, am vermeintlichen Glück zu zweifeln.Foto: Warner Bros.
In „Don’t Worry Darling“ mit Harry Styles beginnt Hausfrau Alice Chamber (Florence Pugh) recht spät, am vermeintlichen Glück zu zweifeln.Foto: Warner Bros. © Warner Bros

Olivia Wildes 1950er-Jahre-Dystopie „Don’t Worry Darling“ versinkt in den Schatten einer kuriosen Medienkampagne

Solange Filmpremieren wenigstens noch den Boulevard und die sozialen Medien in Atem halten, ist die Schlacht für Hollywood noch nicht verloren. In der vorletzten Woche konnte man in Venedig zahlreiche Fans kampieren sehen in Erwartung, einen Blick auf den zum Leinwandstar berufenen Sänger Harry Styles zu erhaschen. Die sonst übereifrigen Aufsichtskräfte ließen sie gewähren, denn auch wenn sie eher die Verehrung für einen Popstar als echte Filmbegeisterung umgetrieben haben sollte, waren das natürlich genau die Bilder, die ein Festival brauchen kann.

„Viral“ wurde die Premiere von Olivia Wildes außer Konkurrenz gezeigtem Thriller „Don’t Worry Darling“ dann aber erst wegen einer angeblichen Spuckattacke des Stars gegen seinen Filmpartner Chris Pine. Die hatte allerdings niemand gesehen außer einem Handy, und auch dieses vermochte das Erspähte nicht wirklich in lesbare Bildinformationen zu übersetzen.

Wenig hätten solche Bagatellen in einer Filmkritik verloren, wäre nicht die inszenierte Aufregung seit jeher eine Handelsware gewesen in jenem Geschäft, das Bert Brecht den Markt nannte, wo Lügen verkauft werden. Allerdings kann man sich als Händler leicht die Finger daran verbrennen, gerade in Kinokrisen ist das eine heikle Sache. Als Götterdämmerung der klassischen Hollywood-Ära gilt im Allgemeinen der ruinöse Monumentalfilm „Cleopatra“: Sein Publikum kam schließlich nur noch in Erwartung, jenen Film zu sehen, bei dessen Dreharbeiten Liz Taylor ihren Mann Eddie Fisher mit Richard Burton betrogen haben sollte.

Im Fall von „Don’t Worry Darling“ hielten die Produzierenden die Gerüchteküche schon mit allerhand Pikanterien am Köcheln, bevor die erste Klappe fiel. Die amerikanische Filmpresse überzog den Film vielleicht auch aus Trotz über all diese Banalitäten seit der Premiere mit einer seltenen Flut schlechter Kritiken. Dabei ist alles halb so schlimm. Oder, um es anders zu formulieren: Da ist wenig, was man noch nicht gesehen hätte.

Zunächst einmal ist diese Geschichte über eine Gated Community in der kalifornischen Wüste ein sehr attraktiver Ausstattungsfilm. Die aufgeräumte Eigenheim-Idylle im Stil der fünfziger Jahre erinnert in ihrer durchstilisierten Künstlichkeit an einen Klassiker filmischer Fernsehkritik, „Die Truman Show“ – wie auch schon Regisseurin Wilde während zahlreicher Vorab-Interviews angekündigt hatte. Natürlich ist da irgendwo ein Wurm versteckt, erstaunlich nur, dass die von Florence Pugh gespielte Hausfrau Alice Chamber zwei Akte braucht, um überhaupt danach zu suchen. Es gibt überhaupt nur Hausfrauen in dieser Schlafstadt von Puppenstuben, während die Männer früh morgens zu einer nie offengelegten Arbeit fahren. Ihre Autos formieren sich dabei zu einem symmetrischen Ballett, ähnlich den Kreisen, die ihre Gattinnen regelmäßig in einem spießigen Ballettkurs ziehen.

Der Film

Don’t Worry Darling . Regie: Olivia Wilde. Mit Florence Pugh, Harry Styles, Chris Pine. 123 Min.

Alles an diesem Film sieht so prächtig aus, dass sich unter den vielen weiblichen Kräften besonders Katie Bryon für die Ausstattung und Arianne Phillips für die Kostüme Hoffnungen auf Oscars machen dürften – wenn sich denn das Gesamtwerk ihrer Leistungen würdig erwiese. Diese Frage wird sich auch die unfehlbare Florence Pugh stellen, die der Film noch einmal durch die Ängste ihrer Figur in „Midsommar“ schickt. Eine erste vorsichtige Erkundungsfahrt in die verbotene Richtung zur Firmenzentrale sollte eigentlich genügen, um sogleich mit Vollgas der Wüstenstadt den Rücken zu kehren. Doch schon hier beginnen Drehbuch und Regie merkwürdig auf der Stelle zu treten.

Ähnlich wie es bei vielen Streaming-Serien Unsitte ist, laufen auch dringlichste Denkvorgänge, die zu lebenserhaltenen Entscheidungen führen, gleichsam wie in Zeitlupe ab. An der Beziehung zu ihrem von Harry Styles gespielten, Pascha-haften Ehemann, kann ihr Zögern eigentlich nicht liegen. Ebenso sollten die Partyauftritte des von Chris Pine gespielten Firmenchefs kaum zum Verweilen einladen. Sollte diese Geschichte tatsächlich in den Fünfziger Jahren spielen und nicht nur in einer in ihren Vorlieben gefangenen Parallelwelt, hätte man eine solche Figur auch da schon zum Gruseln gefunden. Heute mag man an einen Elon Musk denken, damals hätte so jemand in einem B-Film Taranteln mit Uran aufgepäppelt. Aber an Warnungen fehlte es auch zu Anfang nicht. Eine von KiKi Layne gespielte Leidensgenossin, stößt als einzige schwarze Frau mit Dialog freilich auf taube Ohren.

Dem Drehbuch, das Katie Silberman aus einer früheren Fassung von Carey und Shane Van Dyke entwickelte, gelingt es nicht, die merkwürdige Hausfrauen-Community zu etwas Interessantem zu entwickeln. Die kollektive Angepasstheit dieser Figuren konterkariert auch die in der Hauptfigur angelegten feministischen Aspekte. So viel geballte Konsumentinnen-Seligkeit macht es schwer, diesen narzisstischen Geschöpfen überhaupt noch ein Erwachen aus ihrem unerkannten Alptraum zu wünschen.

Aber so ist es nun einmal mit Kino-Alpträumen: Wir wollen sie schließlich genießen und betrachten die armen Leinwandgestalten, die sich für uns abarbeiten, notwendigerweise als Kanonenfutter. Auch hier kann sich Florence Pugh auf dem vertrauten Terrain von „Midsommar“ bewegen, wobei wir selbstverständlich nicht verraten, ob die Überlebenschancen ihrer Filmfigur diesmal etwas größer sind. Schwer genug für die Beteiligten den nicht ganz vorausgeeilten (oder gar vorausgeschickten?) Medienrummel zu überstehen.

Don’t Worry Darling . Regie: Olivia Wilde. Mit Florence Pugh, Harry Styles, Chris Pine. 123 Min.

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