Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Tom Schilling als Fabian in Berliner Nächten.
+
Tom Schilling als Fabian in Berliner Nächten.

Kästner-Verfilmung

Dominik-Graf-Film „Fabian“ im Kino: Das Ende der Unschuld

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
    schließen

Die Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ ist das bisher feinste Werk von Dominik Graf.

Kann man einen jungen Autor darum beneiden, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein? Erich Kästners „Fabian“ durchstreift um 1931 – da erschien die Originalausgabe des Romans – das babylonische Berlin. Der ausschweifende Hedonismus weckt in ihm freilich eine ebensolche Skepsis wie die künstlerischen Extreme seiner Zeit: Das Problem mit der Avantgarde, sagt er süffisant in Dominik Grafs Verfilmung, sei, dass sie immer so avantgardistisch sein müsse.

In diesem Wort kann man nicht nur Kästner wiederfinden, den in seiner literarischen Bedeutung oft Verkannten, sondern vielleicht auch ein Dilemma des deutschen Films. Sehnsüchtig blicken wir zurück in seine Weimarer Blütezeit – als in einer funktionierenden Filmindustrie zugleich weltweit beachtete Kunstwerke entstanden. Allein 1931 kamen unter anderem heraus: Fritz Langs „M“, Leontine Sagans „Mädchen in Uniform“, Georg Wilhelm Pabsts „Dreigroschenoper“ und „Kameradschaft“. Es gab den Großstadtrealismus von „Berlin Alexanderplatz“ und eine Art Jugendausgabe davon gleich mit, „Emil und die Detektive“. Und es gab ein traumtänzerisches Musical wie „Der Kongress tanzt“.

Mit diese später in Deutschland exotisch gewordene Einheit von Kunst und Unterhaltung hat sich Dominik Graf nie abgefunden, was besonders in vielen seiner Fernsehkrimis sichtbar wurde. Er ist aber auch, wenn man so will, ein deutscher Martin Scorsese in seinem Eintreten für das nationale Filmerbe. Wer sich ein Bild vom Berlin der 30er Jahre machen will, findet in der Filmgeschichte die beste aller Zeitmaschinen.

Höchst elegant führt Graf in der Eröffnungseinstellung über einen der schönen historischen Berliner U-Bahnhöfe von der Gegenwart in die Vergangenheit. Auch in den folgenden drei Stunden bleibt Tom Schillings Hauptfigur immer noch vielleicht nicht mit einem ganzen Fuß, aber doch mit einem Schuhabsatz im Heute: Sei es in der schwer erklärlichen Zurückhaltung im damals obligatorischen Hüte-Tragen auf der Straße oder in einem modernen Sprachduktus. Graf macht ihn in seiner Inszenierung zugleich zu unserem Zeitgenossen. Wie auch die filmische Form teils frühere Stilmittel (Stummfilm-Zwischentitel) oder spätere Technologien (Super8 oder Video-Handkamera) einsetzt.

Gleichermaßen ökonomisch wie effektvoll ersetzen eingeschnittene dokumentarische Stummfilmbilder aufwendige Massenszenen und liefern ein paar Extra-Takte „Großstadtsinfonie“. Ein wenig scheint es, als wolle Graf mit diesen Stilmitteln Kästners Neue Sachlichkeit avantgardistischer erscheinen lassen, als sie sich seinerzeit verstand.

Wie auch die Sets wie so oft, wenn heutige Filme diese Zeit beschwören, etwas mehr Art-Deco- und Bauhaus-Schick ausstrahlen, als damals alltäglich war. Aber es sieht alles doch sehr viel besser aus als „Babylon Berlin“ und wirft keinen Schatten auf das eigentliche Herz des Films, die luftig-sinnliche Inszenierung der Liebesgeschichte mit Saskia Rosendahl als Fabians Freundin Cornelia Battenberg. Sie spielt nicht nur einen neu geborenen Star, sie ist es auch nach diesem Film.

Als Zaungast ihres Vorsprechens bei der Ufa flüchtet sich Fabian traurig, aber entschlossen, sie zu vergessen, in die Kulissen der Filmstadt. Es ist eine ikonische Szene über Glanz und Schatten des Filmemachens und für diesen Kritiker das Bild, das von der letzten Berlinale im Gedächtnis blieb – auch wenn dem Film, einem der besten des Festivals, ein Preis versagt wurde.

Die eigentliche Magie dieses Films ist aber nicht sein musikalischer Rhythmus oder die Montage historischer und moderner Elemente. Es ist Grafs leichthändige Inszenierungskunst. Es ist die Lust am Spiel, die uns wieder einmal daran erinnert, dass es eben doch eine Kontinuität in der deutschen Filmgeschichte gibt – ihre erstklassigen Schauspielerinnen und Akteure. Nicht umsonst ist der Besuch eines Filmsets hier eine zentrale Szene. Graf feiert hier seinen eigenen Beruf ähnlich lustvoll, wie es in den sechziger Jahren so viele französische Nouvelle-Vague-Filme taten, die das Filmemachen thematisierten.

Dass diese Zeitreise in die Spätzeit der Weimarer Republik auch ängstlich stimmt, versteht sich von selbst. Da stößt Fabians Unschuld, seine spielerische Neugier an die unheilvollsten Grenzen. „Es muss alles in eine neue Ordnung kommen, so geht es ja nicht weiter“, erklärt man ihm altväterlich. Da hat sein bester Freund bereits Suizid begangen, als sinnloses Opfer eines Scherzes, geboren aus der Arroganz von Macht.

Kästners autobiographischer Gang „vor die Hunde“, vom jugendlichen Freiheitsdrang in die aufziehende Düsternis, könnte aktueller kaum sein. Es wäre leicht, die Parallelen zum heutigen Wiedererstarken faschistoider Ideologien überzubetonen; Graf webt sie lieber unterschwellig ein wie den Kontrapunkt zu einer eigentlich leichten Melodie. In Grafs immensem und immer wieder hochkarätigen Werk mangelte es doch bislang an Meisterwerken. Hier ist fraglos eines gelungen, und das Beste daran ist, dass der ausgefeilte Formwille nicht die Leichtigkeit beschwert.

Fabian oder der Gang vor die Hunde. D 2021. Regie: Dominik Graf. 176 Min.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare