+
Ben Foster (l.) als jähzorniger Bruder. Wie hat Tanner Howard es geschafft, ein Jahr lang nicht im Gefängnis zu sitzen? „Einfach war das jedenfalls nicht.“

„Hell or High Water“

Dollarnotenblues

  • schließen

Diesen Geist musste keiner heraufbeschwören, er streunt noch immer durch den amerikanischen Westen: David Mackenzies wunderbarer Gegenwartswestern „Hell or High Water“.

Es gibt mehrere Arten, die Geschichte des Hollywoodkinos weiterzuschreiben. Man kann sich zum Beispiel ein Lieblingsgenre aus der Vergangenheit aussuchen, sich vor einigen seiner schönsten Szenen verbeugen und aus ihnen eine neue Geschichte zimmern. Im Idealfall wird daraus ein Liebesbeweis, der als solcher durchaus liebenswert erscheinen kann: Ein Film wie „La La Land“ zum Beispiel.

Oder, besser noch, man taucht ein wenig tiefer. Man schaut hinein in das, was das Kino der Vergangenheit wirklich so besonders machte. Und wird dann mehr als Äußerlichkeiten finden, die sich eins zu eins kopieren lassen. Und dann überlegt man sich, ob man nicht mit der gleichen Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit eine ganz ähnliche Schönheit in die Gegenwart holen könnte.

So nähert sich der Filmemacher David Mackenzie in „Hell or High Water“ einer anderen Lieblingsepoche des amerikanischen Kinos – dem New Hollywood der Zeit um 1970. Wenn man so will, erzählt auch dieser Film eine Geschichte, die es schon gibt. Zwei texanische Brüder wollen ihre überschuldete Farm retten, begehen dabei ein paar Raubüberfälle und setzen so einen alternden Polizisten auf ihre Fährte. Das New Hollywood ist reich an solchen Geschichten, nicht umsonst gilt das Outlaw-Drama „Bonnie and Clyde“ als einer seiner Schlüsselfilme. Später wurden dann elegante Road Movies daraus wie „Fluchtpunkt San Francisco“ oder, am Ende der 70er, leichtgängige Popcornfilme wie „Ein ausgekochtes Schlitzohr“.

Mackenzie hält es lieber mit den ernsten Anfängen dieser Geschichte, denn auch wenn es den USA unter Obama wirtschaftlich so gut wie lange nicht mehr ging, ist die Krise der Landwirtschaft ja nicht vorbei. Auch wenn sie im Kino nicht mehr so oft besungen wurde wie von den Outlaws der Country-Musik. Der große Townes Van Zandt sang bis zu seinem Lebensende in kleinen Clubs seinen „Dollar Bill Blues“, mit dem dieser Film beginnt. Eine traurige Mörderballade und doch mit einem leichten Augenzwinkern, und genau das haben wir hier vor uns. Die Filmmusik, die den Song-Soundtrack verbindet, stammt von Nick Cave und Warren Ellis. Sie mischt sich in den Sog eines fatalistischen Road Movies, das sich vor unseren Augen schleichend in einen Western verwandelt.

Natürlich hilft es, dass Jeff Bridges, ein New-Hollywood-Veteran, den Texas Ranger spielt. Müde und doch mit der Ausdauer des alternden John Wayne heftet er sich den Gesuchten an die Fersen. Nicht nur die Kellnerin im Diner, wo die Desperados ein üppiges Trinkgeld hinterlassen haben, hält ihre Lippen versiegelt. Niemand in der armseligen Gegend findet etwas Schlechtes daran, den Banken etwas von dem Geld zu stehlen, das sie den Farmen schließlich selbst einmal abgeknöpft haben. Und wer wüsste besser als ihr altersmilder Jäger, dass Gesetz und Moral oft zwei paar Stiefel sind?

Es hat Tradition, dass das amerikanische Kino sein Publikum zu ähnlich differenzierten Urteilen führt und es gewissermaßen in den Dienst von Geschworenen nimmt. Da wird man Zeuge von Verbrechen, zunächst nicht sehr gewalttätigen, dann unverzeihlichen. Und blickt doch sofort diesen ungleichen Brüdern in die Herzen: Dem von Chris Pine gespielten Toby, einem noch jungen und doch verbraucht wirkenden Mann, dem die geerbte Farm aus seinen robusten Händen gleitet. Und seinem jähzornigen Bruder (Ben Foster), mit dem er sich deshalb gegen alle Vernunft zusammentut. Einmal fragt er ihn: „Wie hast du es nur geschafft, ein Jahr lang nicht im Knast zu sitzen?“ Und erhält darauf die ehrliche Antwort: „Einfach war das jedenfalls nicht.“

Eine weitere Referenz an den Western ist der indianisch-stämmige Partner des Polizisten, den Gil Birmingham so augenzwinkernd verkörpert, als wisse seine Filmfigur selbst um jene Outsider-Privilegien, wie sie einst die Scouts in Kavalleriefilmen einnahmen. In einer wunderbaren Szene, die nur einige Sekunden dauert, verlässt sein Boss das billige Motelzimmer, das sich beide teilen. Eingehüllt in seine Decke schleicht er sich an den Straßenrand und sieht vor der dramatischen Dämmerung nun selbst aus wie ein greiser Häuptling. Das Mitgefühl des jüngeren Partners weist er am Morgen brüsk zurück: „Es sind nicht die Indianer, die die Cowboys bedauern müssen. Das ist doch umgekehrt.“

Es gibt viele Gründe, einen so wunderbaren Schauspieler wie Jeff Bridges zu besetzen, einer davon ist die Erinnerung an seine Jugendrolle in „The Last Picture Show“ („Die letzte Vorstellung“). David Mackenzie wird Peter Bogdanovichs Abgesang auf die Werte des Americana-Genres in der texanischen Provinz mehr als einmal angesehen haben. In ähnlich kunstvoll komponierten Bildern platziert er seine Figuren vor leeren Landschaften, bescheiden gerahmt vom Holz einer primitiven Veranda. Es war das Erbe von John Ford, das Bogdanovich damals aus dem Schutt des zerfallenden Hollywoodsystems rettete.

Dieser Film ist aus dem gleichen Geist entstanden, nur hat ihn niemand mühsam heraufbeschworen. Er streunt einfach immer noch durch den Westen, man musste nur zwei Finger in den Wind halten, um ihn zu spüren. Auch wenn statt imposanter Öltürme nun Fracking-Bohrer den verarmten Bauern den Wohlstand versprechen.

Hell or High Water. USA 2016. Regie: David Mackenzie. 102 Min.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion