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Vekuii Rukoro ist der traditionelle Führer der Herero und hat in New York eine Klage gegen Deutschland eingereicht.

„Unter Herrenmenschen“, Arte

Politische Spätfolgen des Kolonialismus

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Eine Dokumentation bei Arte zeigt die Geschichte des deutschen Kolonialismus in Namibia und beschönigt, bei aller Diskretion, wenig.

Das idyllische Hafen- und Fischerstädtchen Lüderitz mit seiner kleinteilig-altväterlichen Ostseeküsten-Architektur liegt im Südwesten Namibias, weit weg von der Hauptstadt Windhoek oder der großen Hafenstadt Swakopmund. Benannnt ist Lüderitz nach einem halbseidenen Tabakpflanzer und Händler Bremischer Herkunft, den es im späten 19. Jahrhundert in die Kolonien zog. Er wurde dort eher durch Pleiten bekannt als durch erfolgreiche Unternehmungen, aber es scheint, als hätte die europäische Kolonialgeschichte solch schillernden Figuren allerlei Betätigungsmöglichkeiten geboten. Andererseits ist die Geschichte der deutschen Kolonialisierung in Afrika durch schwer fassbare Brutalitäten gegenüber der eingeborenen Bevölkerung charakterisiert. Rassistisch unterfütterte Überheblichkeit war die mentale Grundhaltung solch doppelgesichtiger Politik, die „Erziehung des Negers zur Arbeit“ ein vordringliches Ziel.

Christel Fromms Dokumentation beschönigt, bei aller Diskretion, wenig. Er sucht sein Heil aber nicht in der ungeschminkten Darstellung von und Abrechnung mit kolonialistisch-militärischer Brutalität und wirtschaftlicher Ausbeutung in der Vergangenheit, sondern lässt die Nachkommen der Opfer zu Wort kommen. Das ist eindrucksvoll und erweitert die Perspektive.

Das Deutsche Reich stieß relativ spät in den Kreis der europäischen Kolonialmächte vor. England, Portugal, die Niederlande, Belgien, Frankreich hatten sich längst Einflussgebiete gesichert, als Wilhelm II. Sehnsucht nach einem „Platz an der Sonne“ programmatisch zu spüren begann. Keiner dieser europäischen Mächte kann man allzu ausgeprägte Menschlichkeit in der Kolonialpolitik nachsagen, und auch das Deutsche Reich beherrschte die Techniken kolonialer Herrschaftsausübung sofort und gab ihnen mit der Einführung von Konzentrationslagern eine deutsche Zutat; möglicherweise wurde das Konzept des Konzentrationslagers aber auch von Briten übernommen.

Enteignung, Zwangsarbeit, Züchtigung, Hinrichtung

Desirée Kahikopo ist auf der Suche nach ihrer Urgroßmutter, die im KZ von Lüderitz inhaftiert war.

In Namibia, das stolz „Deutsch-Südwestafrika“ genannt wurde, wurden in großem Maßstab Ländereien enteignet, Bodenschätze gefördert und heim ins Reich verschifft, und Menschen wurden zu Zwangsarbeit rekrutiert oder versklavt, öffentliche gezüchtigt und hingerichtet. Das alles fand statt mit der Billigung Kaiserlicher Schutztruppen, und als im Jahre 1904 ein Aufstand der Herero und Nama ausbrach, wurden die Truppen schnell verstärkt. An ihrer Spitze kam Lothar von Trotha ins Land, der einen gnadenlosen Völkermord-Plan verfolgte und ausführte.

Der staatlich betriebene Völkermord an den Herero von 1904 war der erste in der Geschichte, und die Ereignisse des deutschen Kolonialkrieges, der von 1904 bis 1908 ging, prägen bis heute die Beziehungen zwischen Namibia und Deutschland.

Der Film verweist auf eine erstaunliche Kontinuität in der Geschichte der Deutschen in Namibia. Zwar wurden die deutschen Kolonialherren nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg enteignet, aber sie blieben im Lande, und mit dem Beginn der Nazi-Ära saßen sie wieder gefestigt im Sattel kolonialistischer Herrschaftsausübung.

Die moralischen und politischen Spätfolgen des Kolonialismus prägen bis heute das Verhältnis zwischen Namibia und Deutschland. Deutsche Regierungen reden mit namibischen Regierungen und bedenken das Land mit Entwicklungshilfe-Projekten, aber regierungsoffizielle Kontakte zu Organisationen der Opfer-Nachkommen bestehen nicht und werden nicht gesucht. Dass korrupte Behörden mit den Entwicklungshilfe-Mitteln nach Gutdünken verfahren, kümmert deutsche Stellen nicht, und niemand hat bisher einen Versuch unternommen, bei den Nachkommen der Herero oder Nama um Entschuldigung für das begangene Unrecht zu bitten. Bis auf eine Ausnahme: Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul bat bei den Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag der Niederschlagung des Herero-Aufstandes um Entschuldigung für den von deutschen Soldaten begangenen Völkermord. Zum ersten Male fiel dieses böse Wort in einem offiziellen Kontext. Die Bundesregierung beeilte sich klarzustellen, dass die Entwicklungsministerin diese Äußerung rein privat getätigt habe.

Unter Herrenmenschen, Arte, 23. April, 21:45 Uhr

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