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Don A. Pennebaker (2.v.l.) bei der Oskar-Verleihung 2012, zusammen mit den Preisträgern George Stevens Jr (l.), Hal Needham und Jeffrey Katzenberg (r.).

Film

Dokumentarfilmer Don A. Pennebaker ist tot

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Er filmte John F. Kennedy und Bob Dylan: Zum Tod des Dokumentarfilmers Don A. Pennebaker.

Wer heute bei Konzerten mit dem Handy filmt, verpasst dabei vielleicht die schönsten Augenblicke – weil er sie nur auf einem kleinen Bildschirm sieht. Das konnte D.A. Pennebaker nicht passieren. Er beobachtete 1965 Bob Dylans England-Tournee (für den Filmklassiker „Don’t Look Back“) und 1967 das legendäre erste große Rockfestival Monterey Pop durch das Objektiv einer analogen 16mm-Kamera. Und so natürlich, so direkt wie diese Bilder entstanden, erschienen sie auch auf der Leinwand. Noch heute wirken sie späteren Videoaufzeichnungen weit überlegen.

Die Werke des sogenannten „Direct cinema“ zählen in den Schatzkammern des visuellen Gedächtnisses des 20. Jahrhunderts zum Allerheiligsten. Don A. Pennebaker gehörte zu einer Gruppe von Kamera-Pionieren, die der Journalist und Filmemacher Robert Drew 1960 um sich geschart hatte. Ihr erstes Meisterwerk drehten sie in fünf Tagen: Primary, eine Filmreportage aus dem damaligen Vorwahlkampf mit John F. Kennedy. Die geräuschlose, deutsche Arriflex-Kamera war eine entscheidende Voraussetzung für die Explosion des Verismus im Dokumentarfilm der 60er Jahre. Bis dahin war es unmöglich, Live-Ton zu dokumentarischen Bildern an Originalschauplätzen aufzunehmen. Ebenso entscheidend aber war, dass die kleine Kamera die Gefilmten vergessen ließ, worauf sie sich überhaupt eingelassen hatten. Man verhielt sich als Kameramann wie die „Fliege an der Wand“. Pennebaker bemerkte später über die entscheidenden Szenen, die sein Kollege Richard Leacock filmte: „Hätte Kennedy das Gefühl gehabt, von ihm belästigt oder gestört zu werden, hätte er sich kaum so natürlich verhalten, wie er es tat.“

In seinen eigenen Filmen arbeitete D. A. Pennebaker zunächst konsequent mit dieser Methode und erweiterte die deutsche Arriflex-Kamera schon früh um ein synchronisierbares Tonbandgerät, die nicht minder legendäre Nagra. Doch die Technik und das bloße „Dasein“ war nur die eine Seite: Ebenso wichtig, pflegte er zu betonen, sei ein „point of view“, womit er die Ethik des Filmemachers meinte.

Dass Pennebaker mehr als ein Bewahrer von Wirklichkeit war, sondern selbst ein Künstler von hohen Gnaden, zeigen seine Anfänge im Experimentalfilm. Schon sein Erstling „Daybreak Express“ (1953) ist ein früher Farbfilm zu Musik von Duke Ellington – und bewahrt, in rasanten Hell-Dunkel-Blitzen, die Erinnerung an die bald darauf abgerissene New Yorker U-Bahn-Station an der Third Avenue. Seine berühmteste Filmaufnahme ist sogar eine reine Inszenierung: Am Anfang von „Don’t Look Back“ lässt Bob Dylan synchron zu seinem Song „Subterranean Homesick Blues“ Schriftkarten mit den entscheidenden Wortfetzen auf den Boden fallen. Über seinen zweiten, farbigen Dylan-Film, „Something Is Happening“ kam es zum Streit, bis heute ist er nur in Ausschnitten (in Scorseses Film „No Direction Home“) und Dylans eigener Schnittfassung „Eat the Document“ bekannt. Alle später veröffentlichten Tonaufnahmen von Dylans legendärer Tour 1966 stammen aus diesem Filmprojekt – inklusive der berüchtigten „Judas“-Rufe von Folk-Fans aus dem Publikum beim Griff zur E-Gitarre.

Zu den Schlüsselszenen zählt eine Aufnahme mit Dylan und John Lennon auf dem Rücksitz einer Limousine. Es ist ein merkwürdig-beklemmender Augenblick zwischen gegenseitigem Respekt und Einschüchterung. Offensichtlich ist auch eine Limousine zu klein für zwei Genies dieser Größenordnung.

Pennebaker hatte noch viele vor seiner Kamera. Zu seinen klassischen Rockdokumentationen zählen: „Sweet Toronto“, gedreht 1969 mit der Plastic Ono Band; „Alice Cooper“ (1970), „Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ (1973) mit David Bowie, „Jimi Plays Monterey“ (1986) mit Jimi Hendrix. Gemeinsam mit seiner Frau Chris Hegedus realisierte er weiterhin auch politische Dokumentarfilme wie „The War Room“ über Bill Clintons Wahlkampf (1993) und – auf Anregung eines selbstbewussten Porträtierten – „Keine Zeit“ mit Marius Müller-Westernhagen.

Noch mit 91 Jahren widmete er sich (in „Unlocking the Cage“) dem radikalen Tierschutz. Dabei hätte er ebenso gut allein von den Schätzen in seinem Archiv leben können. Bei einer Begegnung in den 90er Jahren fragte ich ihn als Fan, ob er denn noch das komplette Monterey-Pop-Festival auf Film habe, etwa den ganzen Auftritt von Simon and Garfunkel und nicht nur den kleinen Schnipsel in seinem Film. „Selbstverständlich“, antwortete er, „ich habe alles sorgfältig aufgehoben, was ich jemals gefilmt habe“. Ein paar Jahre später erschien dann eine luxuriöse DVD-Box, die endlich alle großen Auftritte versammelte. Am 1. August ist Don A. Pennebaker 94-jährig auf Long Island gestorben. Sicher wird man noch einiges Unbekannte aus seiner Schatzkammer zu sehen bekommen.

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