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Trotzdem selbstbestimmt: Filmstill aus Wei Dengs „Father“.
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Trotzdem selbstbestimmt: Filmstill aus Wei Dengs „Father“.

Filmfestival DOK Leipzig

Dokumentarfilm über Unterdrückung in China: Zur Hölle mit Deng Xiaoping

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Das Festival DOK Leipzig feiert in seiner 64. Ausgabe mit Dokumentar- und Animationsfilmen die Intimität.

Leipzig - Seit vierundsechzig Jahren feiert man in Leipzig nun den Dokumentar- und Animationsfilm, und jetzt gibt es für die beliebtesten Beiträge sogar ein neues Wort – den „Dokbuster“. Als träumte wohl irgendeine Regisseurin, ein Filmemacher, der hier vertreten ist, den Traum vom Kassenschlager. Tatsächlich waren viele Filme überbucht, und das obwohl – anders als noch im September beim Festival Venedig – wieder alle Kinositze besetzt werden dürfen. Was für Festivalreisende normalerweise ein Stressfaktor ist, die Sorge noch ein Ticket zu erwischen, weckte unter den rund elfhundert Akkreditierten diesmal geradezu Hoffnung: So zögerlich, wie viele Kulturangebote seit den Lockerungen angenommen werden, muss man sich auch um die Zukunft des Kinos sorgen. Filmfestivals aber werden offensichtlich wieder angenommen, jedenfalls wenn sie in ihrer Stadt so fest verortet sind „DOK Leipzig“.

Festivaldirektor Christoph Terhechte musste seine erste Festivalausgabe im vergangenen Jahr noch ohne einen einzigen Zuschauer oder Zuschauerin vor Ort bestreiten. Heute ist das Online-Angebot ein zweites Standbein des Festivals und noch zwei Wochen nach dem Ende am Sonntag zu sehen. Das ist gut für alle, die zu Hause bleiben müssen, aber natürlich auch ein Pakt mit dem Teufel: Die boomenden Streaming-Dienste gelten als Totengräber des Kinos, verhelfen aber andererseits gerade Filmschaffenden im Dokumentarfilmbereich zu einem neuen Absatzmarkt.

„Father“ bei der DOK Leipzig: Dokumentarfilm aus China

Wie es die Zeiten nahelegen, findet auch die dokumentarische Filmarbeit derzeit oft in Innenräumen statt. Das muss nicht allein an Corona liegen: Gerade im ostasiatischen Kino hat sich in den vergangenen Jahren eine eigene Kultur des dokumentarischen Kammerspiels entwickelt, was im Fall des Chinesen Wei Deng auch etwas mit dem Umgehen von Zensur zu tun haben könnte. Sein Langfilmdebüt „Father“ porträtiert aus dem Mikrokosmos einer Familie die Geschichte einer Gesellschaft, die nicht aufhört, Unterdrückung als Fortschritt zu verkaufen.

„Zur Hölle mit Deng Xiaoping“, flucht der 86-jährige Großvater des Regisseurs, nachdem er dem anderen der beiden Väter in diesem Film, seinem Sohn, eine Familientragödie enthüllt. Dessen Schwester wurde noch mit neun Monaten, als lebensfähiges Baby „abgetrieben“, wie es die Ein-Kind-Politik in China verlangte. Auch der alte Mann selbst wäre um ein Haar von seiner Mutter ausgesetzt worden, als er als Kind erblindete. Auf Vermittlung eines Arztes wurde er dann mit einem ebenfalls blinden Mädchen verheiratet, eine Rettung für beide. In einem diskreten Halbdunkel durchstreift dieser herzzerreißende Film die Nächte eines Lebens, vor allem aber die erstaunliche Selbstbestimmtheit in aller Tragik: Der alte Mann ist bis heute in seinem Beruf als Wahrsager gefragt, und such sein Sohn sucht in seinen beruflichen Entscheidungen noch seinen Rat.

DOK Leipzig: Programm auf höchstem Niveau

Festivaldirektor Terhechte, der zuvor das Berlinale-Forum leitete, präsentierte ein Programm auf höchstem Niveau. Der israelische Eröffnungsfilm „Der Rhein fließt ins Mittelmeer“ von Offer Avnon übertrug eine der wichtigsten Debatten der Gegenwart in die Sphäre der Kunst und auf die Leinwand: Es ist der Rückblick eines Juden auf zehn Jahre in Deutschland, wo er die „schöne Sprache des ehemaligen Erzfeinds“ und die Shoah doch nicht einen Tag vergessen kann.

Über mehrere Jahre gesammelte Gespräche, Stillleben, Städte- und Landschaftsbilder führen in ein gespenstisches Dazwischen – inmitten der Pole von Anti- und Philosemitismus, Verleugnen und Überbetonen. Auch dies ein Film, der mit seiner kunstvollen, kontrapunktischen Verschränkung von Bild und Text auf die große Leinwand gehört. Und das Kino und sein Publikum unwillkürlich im gemeinsamen Diskurs zusammenschweißt.

DOK Leipzig: Superheldengeschichte als rührende Animation

Etwas mehr Gewicht wünscht man sich in Leipzig indes für den Animationsfilm, dieses zweite Standbein des Traditionsfestivals, das heute ein wenig wie ein Anhängsel des Dokumentarfilms erscheint. Was für eine Kostbarkeit sind etwa die zwei Minuten, die der österreichische Oscar-Gewinner Virgil Widrich in den Wettbewerb schickte.

Nachdem Oskar Salomonowitz, der 12-jährige Sohn des Filmemachers, im vergangenen Jahr bei einem Unfall ums Leben kam, entdeckte er im Schreibtisch des Kindes ein angefangenes Daumenkino. Der Vater begab sich in Klausur, um die grandiose Animation im Sinne seines Sohnes zu vollenden – eine zweiminütige Superheldengeschichte und ein Monument der Phantasie. Auch einen traurig-optimistischen Titel fand er in den Aufzeichnungen des Kindes: „Es ist genau genug Zeit“.

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