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Pelé hat allein zehnmal die Staatsmeisterschaft Campeonato Paulista gewonnen, erstmals schon 1958. Foto: Courtesy Neflix
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Pelé hat allein zehnmal die Staatsmeisterschaft Campeonato Paulista gewonnen, erstmals schon 1958.

Netflix

Dokumentarfilm über Pelé: Fliegende Bälle, sprechende Köpfe

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Eine Netflix-Dokumentation setzt dem Fußballgott Pelé ein prunkvolles Denkmal – und diskutiert vorsichtig die Rolle des Sportlers in der Diktatur.

Es gibt wenige Naturwunder, mit denen sich das Kino so schwertut wie mit dem Fußball. Das Stummfilmfestival im italienischen Pordenone zeigte einmal eine Reihe früher Fußballdokumente. Wenig Reiz geht von ihnen aus, zumal erst in den zwanziger Jahren genug Material verkurbelt wurde, um auch mal ein Tor zu erwischen.

Nach hundert Jahren erfasst nur eine Handvoll Spielfilme wenigstens den Geist der Fankultur (Ken Loachs „Looking for Eric“ mit Eric Cantona ist ein seltenes Beispiel). Und die Mysterien des Rasens haben immerhin zwei Filmkünstler mit minimalistischen Mitteln eingefangen: Hellmut Costard zeigte 1970 in „Fußball wie noch nie“ eine ganze Partie lang den legendären britischen Linksaußen George Best.

Der dankte es ihm in der zweiten Halbzeit mit einem Tor, auf das sich das Warten lohnt. Als die Künstler Douglas Gordon und Philippe Pareno das Experiment 1995 mit Zidane wiederholten, lieferte er ihnen immerhin eine filmreife Schlägerei, die seine weitere Mitwirkung per Platzverweis beendete.

Ein „Pelé“-Film zum Wiederentdecken

Einen Fußballfilm gibt es, der die Entdeckung lohnt. „Pele Eterno“, eine Dokumentation des Brasilianers Anibal Massaini Neto von 2004 bereitet in 120 Minuten ein cineastisches Glücksgefühl: Es vermittelt sich wortlos durch die Aneinanderreihung der herrlichsten Tore seit den Teenagertagen des Jahrhundertspielers, der 17-jährig 1958 die erste WM spielte.

Auch in der neuen Netflix-Dokumentation „Pelé“ ist die WM in Schweden mit dem triumphalen 5:2 Sieg Brasiliens gegen das Gastgeberland ein Schlüsselereignis – alle Treffer hatte der Teenager geschossen, der nach dem Abpfiff ohnmächtig zusammenbrach. Die Klammer auf der anderen Seite der prägenden Jahre schließt sich mit dem WM-Sieg gegen Italien 1970, hier schoss er das Eröffnungstor.

David Tryhorn und Ben Nicholas bieten in „Pelé“ erstklassiges Archivmaterial

Mit allem Aufwand, der von einem führenden Streaming-Anbieter mit globalem Wirkungsdrang zu erwarten ist, haben die Filmemacher David Tryhorn und Ben Nicholas erstklassiges Archivmaterial zusammengetragen und es wie einen teuren Bildband aufbereitet. Noch die WM, die 1950 in Brasilien ausgetragen wurde (Brasilien verlor das Finale gegen Uruguay), konnte nur live im Stadion gesehen werden; es gab noch kein Fernsehen.

Pelés Aufstieg ereignete sich auf den Schwingen einer Medienrevolution. Der Film zeichnet das Porträt einer Medienikone, vergleichbar mit Elvis, Marilyn oder den Beatles. Doch es geht ihm um mehr als Augenschmaus. Pelé gewährte den Machern etliche Stunden Interviewzeit. An einer Gehhilfe bewegt er sich ins neutrale Besprechungszimmer, das sie als Kulisse wählten.

Es ist eine betont nüchterne Inszenierung, die offensichtlich nicht an weiterer Überhöhung interessiert ist. Oder ist die Glanzlosigkeit, mit der immer weitere Zeitzeugen ins Bild gesetzt werden, nur eine Fernseh-Konvention?

Auch die Pelé-Interviews inszenieren David Tryhorn und Ben Nicholas nüchtern

Es scheint, als seien Abweichungen von der biederen Erzählform sprechender (meist lobender) Köpfe in Dokumentarfilm-Biografien im Streaming-TV ebenso unerwünscht wie auch meist im regulären TV. Visuelles Erzählen sieht anders aus. Auch Pelé trägt einen Gutteil zum Lob seiner selbst bei. Die Filmemacher brauchten Monate, um ihn zur Mitwirkung zu überreden – und etliche Interviewstunden, um von ihm mehr als Standard-Antworten zu bekommen.

Ansätze für einen Blick hinter die Kulissen des Ruhms gibt es genug. Immer wieder wird der historische Kontext der Militärdiktatur angesprochen, die sich mit dem Ausnahmesportler schmückte. Als Brasilien 1970 Weltmeister wurde, war der Offizier Emílio Garrastazu Médici Präsident. Eine Montage zeigt beide im Dienst der Propaganda Hände schütteln, während Polizisten Demonstranten niederknüppeln.

Sein Teamkollege Cajú bezeichnet Pelé als einen „Onkel Tom“, der Autoritäten nicht in Frage stellte. Der Journalist Juca Kfouri sieht es weniger kritisch: „Gut, Ali riskierte Gefängnis, als er den Kriegsdienst verweigerte. Pelé hätte vom Staat ermordet werden können, wenn er offene Worte riskiert hätte.“

Pelés Meinung dazu kann man sich denken. Man kennt sie von vielen Sportlern, die in Diktaturen wirkten: Er müsse lügen, wenn er sagen wollte, er und seine Mannschaftskollegen hätten nichts von den Morden und Folterungen gehört, aber etwas Genaues habe man eben auch nicht wissen können. Außerdem habe er auf dem Rasen mehr für sein Volk tun können.

In der Tat ist ein Sportler, den eine Diktatur zum Aushängeschild nimmt, noch kein Mitläufer und ein für die Nation gewonnenes Spiel kein Propagandafilm von Leni Riefenstahl. So versenken wir uns einmal mehr in die Unschuld der Rasenkunst und bewundern – in exzellent restauriertem Bildmaterial – einige ihrer magischsten Momente.

Pelé. Dokumentarfilm, USA 2021. Regie: David Tryhorn und Ben Nicholas. 108 Minuten. Zu sehen bei Netflix.

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