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Dokumentarfilm „Komm mit mir in das Cinema - Die Gregors“ – Kino als (fast) ganzes Leben

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Von: Daniel Kothenschulte

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Die Filmliebhaber Erika und Ulrich Gregor werden selbst zum Thema eines Films.
Die Filmliebhaber Erika und Ulrich Gregor werden selbst zum Thema eines Films. Foto: Thomas Ernst © Thomas Ernst

Ein epischer Dokumentarfilm porträtiert die Berliner Filmvermittler Ulrich und Erika Gregor – und erzählt leichthändig die Geschichte des unabhängigen Kinos.

Manche Menschen, die ihr Leben dem Kino weihen – „Cineasten“ sagte man früher in unechtem Französisch – hoffen im Stillen, dass es dadurch selbst zum Kino werde. Immerhin kann man ja fast alles, was das Leben ausmacht, schon in Filmen lernen.

Das sieht von außen betrachtet manchmal anders aus. Die Haut wird bleich, die Brillengläser dicker, Filmbücher, DVDs und Filmkopien stapeln sich bis an die Decke. Gaspar Noés Film „Vortex“ gab zuletzt einen sehr guten Eindruck davon, wie es bei alternden Kritikern oft zu Hause aussieht. Vor allem aber zeigte er, dass auch im Leben manischer Filmverliebter noch Platz sein kann für die „wahre Liebe“ einer Partnerschaft.

Dokumentarfilm „Komm mit mir in das Cinema - Die Gregors“ - Mittel der Wirklichkeit

Der beglückende Dokumentarfilm „Die Gregors“ liefert den Beweis mit den Mitteln der Wirklichkeit. Denn selbst wer bis zu fünf Filme am Tag anschaut, sperrt das Leben dabei ja nicht notwendigerweise aus. Voraussetzung aber ist das Wissen, wie man Kinoliebe teilt.

So erzählt der Film eine doppelte Liebesgeschichte, die des weltberühmten Gründerpaars des Berliner „Internationalen Forums“ der Berlinale und zuvor des bedeutenden „Arsenal“-Instituts, eines Hafens für kostbare Filmkunst aus aller Welt, Erika und Ulrich Gregor. Und ihrer und unserer Liebe zum Kino. Die Filmerzählung streift dabei acht Jahrzehnte und bringt es auf 161 Minuten; das sind nur zwei Minuten weniger als Andrej Tarkowskijs „Stalker“ dauert, einer jener Filme, die durch das Arsenal in den Westen kamen. Und maßgeblich durch diese Vermittlung zu Klassikern wurden.

Wie nicht anders zu erwarten, vergeht die Zeit wie im Flug. Mit den Gregors – und immer wieder für grundlegende Fakten Senta Bergers Erzählerinnenstimme – vermittelt die Regisseurin Alice Agneskirchner nicht weniger als die Geschichte der nicht-kommerziellen Filmkultur in Westdeutschland seit den fünfziger Jahren: Den Weg von der studentischen Filmkulturbewegung zu den kommunalen Kinos und einer cinephilen Festivalkultur.

Schlüsselwerke des unabhängigen Films

Zugleich erzählt er aber auch von den Schlüsselwerken des unabhängigen Films. Besonderen Stellenwert nehmen dabei Filme ein, die für die kritische Nachkriegsgeneration identitätsstiftend wirkten. Das Regiedebüt des Russen Sergeij Bondartschuk, „Ein Menschenschicksal“ (1959), wäre ohne die Gregors nur im Ostteil Berlins zu sehen gewesen. Der spätere „Krieg und Frieden“-Regisseur beschreibt darin den Leidensweg eines russischen Soldaten, der ein deutsches Konzentrationslager überlebt und seinen eigenen Sohn am letzten Kriegstag verliert. Mit einer Vespa transportieren die Gregors Filmkopien durch Berlin. Weitere wichtige Kapitel gelten feministischen Positionen zur Zeit des Neuen Deutschen Films und Claude Lanzmanns Dokumentarfilm „Shoah“, der 1986 im Forum der Berlinale lief.

Erstaunliche Fundstücke aus Fernseh- und Radioarchiven lassen dabei den leidenschaftlichen Filmvermittler Ulrich Gregor in allen Karrierephasen strahlen – mit der ihm eigenen Art, jungenhafte Entdeckerfreude mit präziser Formulierungskunst zu tarnen. Die gelingt ihm noch immer: „Die weiße Leinwand verlangt danach, wieder mit einem Film belichtet zu werden“, formuliert der heute 89-Jährige einmal.

Ohne ein Wort darüber zu verlieren, zeigt Filmemacherin Agneskirchner aber auch, was heute mit der scheinbaren Professionalisierung musealer Filmarbeit verloren gegangen ist. Wenn Filmfestivals von Managern geleitet werden und man sich erst Kurator nennen muss, um einen Film zu zeigen, ist die direkte Kommunikation zum Publikum oft genug verstellt. Aber dies ist, wie gesagt, nicht die Sorte Film, die in Kulturpessimismus verfällt.

Komm mit mir in das Cinema – die Gregors: Streit über das Frauenbild des Films

Wer über die Liebe sprechen will, tut sich meist schwer – besonders im Dokumentarfilm. Da hilft es, dass sich die 1934 geborene Erika Steinhoff und der 1932 geborene Ulrich Gregor tatsächlich wie in einem Nouvelle-Vague-Film gefunden haben.

Am 4. Dezember 1957 sitzt die Studentin zufällig in einem Stummfilm, den Ulrich im Filmclub der Freien Universität Berlin programmiert hat: „Menschen am Sonntag“, der Kollektivfilm von Robert und Curt Siodmak, Billy Wilder, Edgar Ulmer, Eugen Schüfftan und Fred Zinnemann. Das Datum der Begegnung lässt sich gut rekonstruieren, denn alle Programme, viele Tausend müssen es sein, wurden sorgsam archiviert.

Die Annäherung beginnt mit einem produktiven Streit über das Frauenbild des Films, das die 23-Jährige weit weniger modern findet, als es dem Ruf dieses Klassikers des unabhängigen Films gebührt. (Genau die gleiche, berechtigte Reaktion erlebte ich erst kürzlich bei Dortmunder Studierenden, denen ich den Film zeigte. Aber genau das ist natürlich das Wunder des Kinos: dass auch fast hundert Jahre alte Bilder unmittelbar zu aktuellen Diskussionen führen.)

Kino als Ort der Filmvermittlung

Tatsächlich schützte ihre Debattierfreude die Gregors nicht davor, während der politisierten Spätsechziger kurzzeitig in Formalismusverdacht zu geraten. Wer damals in filmästhetischen Experimenten einen Eigenwert sah, geriet schnell in Erklärungsnot. Die Gregors aber nutzten die Gunst der Stunde: Als die Berlinale 1970 an Michael Verhoevens Anti-Vietnamkriegs-Film „O.K.“ zerbrach, musste sich das Festival anders aufstellen. Erst mit dem Internationalen Forum des jungen Films, das die Gregors nach dem Vorbild ihres Arsenal-Kinoprogramms bespielten, erhielt das Festival den Ruf des weltoffenen, von Industrie und Staatsinteressen unabhängigen Filmfests.

Es hat in den letzten Jahren einige Film gegeben, die Filmgeschichte erzählen und für ein neues Publikum erschließen. Am erfolgreichsten ist Mark Cousins „The Story of Film“. Doch so anregend kommentierte Ausschnitt-Montagen auch sind, etwas ganz Entscheidendes bleibt ihnen verborgen: das Kino als Ort der Filmvermittlung.

Vielleicht war es nicht einmal Alice Agneskirchners Absicht, als sie während der Corona-Zeit diesen Film anging. Aber sie fängt ein, was sich am schnellsten zu verflüchtigen droht: das Soziale am Filmerlebnis. „Film is for-ever“, hieß einmal ein Werbespruch der Industrie. Das gilt wohl auch nicht für das zerbrechliche Material des Films, aber für das Kino gewiss nicht. Denn wenigstens zwei Leute braucht es, damit es existiert: jemanden, der einen Film zeigt, und eine andere Person, die kommt, um ihn zu sehen.

Einem späten Gedicht von Else Lasker-Schüler ist der Untertitel des Films entnommen, Erika Gregor zitiert es wie das Motto des gemeinsamen Lebens: „Komm mit mir in das Cinema,/ Dort findet man was einmal war:/ Die Liebe!“ Aber auch so ein Dokumentarfilm ist schwer zu finden.

Komm mit mir in das Cinema – die Gregors. Dokumentarfilm, Deutschland 2022. Regie: Alice Agneskirchner. 161 Min.

(Daniel Kothenschulte)

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