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Ruhig und zugewandt: die Lehrerin Ute Vecchio.

„Klasse Deutsch“

Einleben in einem neuen Land

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Für seinen Dokumentarfilm „Klasse Deutsch“ ist Florian Heinzen-Hiob zwei Jahre in eine Schule gegangen.

Was ist der Unterschied zwischen finden und erfinden“, fragt die Lehrerin. Wie ist ein Wörterbuch organisiert? Eine andere Frage steht im Schulbuch: „Wer hat viele Jahre in Afrika gearbeitet?“ – „Albert Schweinsteiger“, sagt Kutjim selbstgewiss. „Lies mal richtig, was das steht“, sagt der ältere Schüler, der mit ihm übt. Ein anderer Junge soll ausrechnen, wie viele Tüten Chips er kaufen kann, wenn er 3,50 Euro hat und eine Tüte 70 Cent kostet. „Nein, ein Euro“, sagt er. „Nein“, sagt die Lehrerin, sie heißt Ute Vecchio. „Sie kosten 70 Cent.“ Der Junge weiß nicht weiter. „Das ist Mathematik“, sagt Ute Vecchio. „Für so etwas braucht man das.“

Während eines Kurzfilmprojekts an der Henry-Ford-Realschule in Köln entdeckte der 1984 geborene Filmemacher Florian Heinzen-Hiob an einer Tafel einen seltsamen Stundenplan: Montag bis Freitag 5 Stunden Deutsch. „Ich fragte, wer sich diesen sadistischen Stundenplan ausgedacht hatte, und stieß auf Ute Vecchio und ihre Vorbereitungsklasse.“ Die VK Deutsch ist die erste Station für Kinder, die aus dem Ausland kommen. Zwei Jahre lang werden sie hier darauf vorbereitet, sich in das deutsche Schulsystem einzugliedern. Manche kommen aus Eliteschulen, andere haben nie richtig lesen und schreiben gelernt, können sich aber mündlich in vier Sprachen verständigen so wie der unwiderstehliche Kutjim, der schon in Italien und im Kosovo gelebt hat und zu Hause Romanes spricht. Florian Heinzen-Hiob hat diese besondere Klasse zwei Jahre lang begleitet und einen berührenden Kinodokumentarfilm gedreht, in dem es um viel mehr geht als ums Deutschlernen.

Klasse Deutsch. Buch und Regie: Florian Heinzen-Hiob. Deutschland 2018. 89 Min.

In der Eingangsszene fährt die Kamera durch leere Klassenräume, die Stühle stehen schon auf den Tischen, dazu ertönt die Aria aus Bachs Goldberg-Variationen. Der Ton ist gesetzt. Er ist ruhig, empfänglich für Zwischen- und Untertöne. Zu der schlichten, schönen Stimmung tragen die Schwarz-Weiß-Bilder bei. Dabei geht es um einen dramatischen Vorgang, das sich Einleben in einem neuen Land. Manchmal bricht es auch jäh ab, wird abgebrochen. Die aus Albanien stammende Pranvera etwa, die im Armdrücken gegen jeden Jungen gewinnt, muss erleben, wie ihre beste Freundin abgeschoben wird, und dann trotzdem so weitermachen, als habe sie dauerhaft eine Perspektive. 

Ute Vecchio, deren Name möglicherweise auf einen eigenen Migrationshintergrund hinweist, steht wie ein Fels in dem Auf und Ab. Ruhig und zugewandt, ja liebevoll wirkt sie. Sie arbeitet mit jedem ihrer Schüler einzeln, alles andere würde nicht funktionieren, so unterschiedlich sind die Voraussetzungen. Sie fordert und bremst, manchmal auch die Eltern, deren Erwartungen viel zu hoch sind. Die des aus einem der früheren asiatischen Sowjetstaaten stammenden Schach etwa wollen nur Einser, so als könnten die guten Noten des Kindes auch ihren Eintritt in die neue Welt erleichtern. Beim Elterngespräch muss der Sohn übersetzen.

Der Dokumentarfilm verzichtet auf einen Kommentar aus dem Off, der Regisseur beobachtet und man als Zuschauer mit ihm. Die Welt ist das Klassenzimmer, es gibt nur den Unterricht, die Gespräche dazwischen, man muss zuhören, sich einen Reim machen. Niemand wird vorgestellt, eingeordnet. Vieles erfährt man wie beiläufig, es entfaltet vielleicht gerade deshalb große Wirkung. Etwa dass Ferdi seine Freizeit im Wald verbringt und nicht im City-Center. „Die Mädchen da verstehen mich nicht.“ – „Wo wohnst du?“ wird er gefragt. Die Antwort besteht nur aus einem Wort: „Container.“

Der Regisseur darf überall dabei sein, auch als Ute Vecchio Ferdi seine schlechten Noten vorlegt, und er ihr von seinem Traum von einer Ausbildung als Automechaniker erzählt. Ferdi bleiben nur vier Monate, um vier Jahre Schulstoff nachzuholen, damit er seinem Alter gemäß in die 8. Klasse wechseln kann. Aber er versteht gar nicht, warum er nicht gleich in die Werkstatt darf. „Es ist einfach zu wenig“, sagt Ute Vecchio über seine Leistungen, über das, was er für die Schule tut. – „Aber für mich ist es zu viel.“ Ute Vecchio legt ihm seine Deutschnoten vor, Fünfen, Sechsen. „Ich bin doch nicht deutsch“, sagt er. Ihre Antwort fasst zusammen, worum es hier für alle geht: „Keiner ist hier deutsch, aber jeder hat sich auf den Weg gemacht.“

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