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Ein kostenloses Konzert auf dem Mannheimer Paradeplatz.

„Freie Räume“

Autonome Zentren

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Der Dokumentarfilmer Tobias Frindt erinnert an die Jugendzentrumsbewegung der frühen 70er.

Es dauerte nicht lange, bis der Geist der 68er-Studentenproteste in der deutschen Provinz angekommen war. Und besser noch, er richtete sich an vielen Orten gleich häuslich ein. Überall in Deutschland erkämpften sich Jugendliche in ihren Gemeinden Häuser, um sie in Selbstverwaltung zu nutzen. Mit der Jugendzentrumsbewegung der frühen 70er Jahre verschmolzen Protest und Kultur zu einem Wort, das uns heute wie eine Selbstverständlichkeit erscheint – und doch aus dem Alltag zu verschwinden droht.

Der Dokumentarfilm „Freie Räume“ setzt dieser Protestkultur nicht einfach ein Denkmal. Getreu seinem Gegenstand ist es ein diskursiver Film, roh genug in seiner Form, dass er auch Erinnerungen weckt an die Art, wie man in den Jugendzentren damals selber Filme machte. Denn auch daran muss man sich ja erinnern: Filmgruppen gehörten zu Jugendzentren dazu wie die Fahrradwerkstätten. Mit den politischen Filmen, die dort entstanden, wurde das Bewegtbild-Monopol der Fernsehsender und der staatlich geförderten Filmindustrie gebrochen.

Auch heute ist das wieder ein Thema, und es macht Mut und Lust, einen Dokumentarfilm zu sehen, der außerhalb der Fördersysteme entstanden ist und in einem nicht kommerziellen Filmverleih vertrieben wird. Die öffentlich-rechtlichen Sender lassen sich jeden Ausschnitt teuer bezahlen, so fehlt vermutlich noch interessantes Archivmaterial, aber es ist immer noch genug zusammengekommen. Das Schönste stammt aus den freien Super-8- und 16mm-Initiativen von damals.

Die Kampflieder von früher

Filmemacher Tobias Frindt ist selbst ehemaliger Aktivist beim JUZ Mannheim, dessen Geschichte im Zentrum des Films steht. Einer der Protagonisten ist der Mannheimer Musiker Bernd „Schlauch“ Köhler, der das damals in der Innenstadt gelegene Jugendzentrum 1973 mitbegründete. Wenn er die Kampflieder von früher singt, ist er dem jungen Mann auf den farbigen 8mm-Aufnahmen von damals zum Verwechseln ähnlich. Er erinnert sich an lange Jahre, in denen die Stadt immer wieder Häuser abriss, bis sich das Bedürfnis nicht mehr herunterspielen ließ. „Da waren Tausende auf der Straße. Da wusste man bei der Stadt: Da kommen sie nicht mehr dran vorbei.“ Der älteren Generation war die internationale Jugendkultur noch fremd. „Man durfte ja nicht jung sein, man durfte nicht verrückt sein. Alles durfte man nicht“, sagt Werner Schretzmeier, Mitbegründer des Jugendzentrums in Schorndorf. „Und dass das irgendwann nicht mehr funktioniert, haben sich die Konservativen gar nicht vorstellen können.“

Spätere Generationen kennen Jugendzentren als städtisch geführte, von Sozialarbeitern und Pädagogen betreute Einrichtungen. Tatsächlich kämpfte diese frühe Bewegung aber gerade um den Ausschluss äußerer Einflussnahme. Eine Parole lautete. „Was wir wollen: Freizeit ohne Kontrollen.“ Auch wenn die größte Gruppe männliche Gymnasiasten waren, gelang es auch, Jugendliche zu integrieren, die aus anderen Bildungsschichten stammten. Es ist erstaunlich, wie viel Filmmaterial überlebte, das dies belegen kann – etwa von einem selbst erarbeiteten Theaterstück über die Schikanen einer Handwerkslehre.

Tatsächlich waren die frühen Jugendzentren auch für das liberale Jugendfernsehen ein beliebtes Thema. Gleich zwei ARD-Sendungen, „Jour fix“ und „Diskuss“, unterstützten die Bewegung, berichteten wohlwollend über Hausbesetzungen und blendeten Adressen ein, um die Jugendgruppen in Kontakt zu bringen. Umso erstaunlicher, dass so wenig heute über diese so breite Bewegung bekannt ist.

Der Film nimmt sich Zeit, auch dem Untergang nachzuspüren; der Kriminalisierung durch konservative Medien, dem Ausbluten durch zu geringe finanzielle Mittel und dem Verschwinden in fremdbestimmten Organisationsformen. Wenig Raum gibt der Film dem Einfluss politischer Parteien wie der vielerorts in der Jugendarbeit aktiven Jungsozialisten oder der DKP. Das schmälert den Wert dieses Dokuments nicht.

Ausführlich geht der Filmemacher schließlich auf die prekäre Stellung heutiger Jugendzentren ein; im Saarland begegnet er einer engagierten, aber unpolitischen Dorfjugend. Und im sächsischen Leisnig sieht sich ein Freiraum wie das Jugendzentrum „AJZ“ den Anfeindungen von AfD und NPD ausgesetzt. Wenn man wollte, könnte man einen großen kulturpessimistischen Bogen bis hin zur Erwachsenenkultur schlagen, die aus diesem Aufbruch hervorging: Denn auch freie Kulturorte wie die damals in vielen Städten gegründeten Filmhäuser sterben aus. Aber das ist eine andere Geschichte.

Freie Räume. Dokumentarfilm, D 2019. Regie: Thomas Frindt. 102 Min.

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