Wim Wenders (mit Kappe) und Harry Dean Stanton (vorn sitzend) 1983 beim Dreh von „Paris, Texas“.
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Wim Wenders (mit Kappe) und Harry Dean Stanton (vorn sitzend) 1983 beim Dreh von „Paris, Texas“.

„Wim Wenders, Desperado“

Doku über Wim Wenders: Das unbekannte Meisterwerk

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Eric Friedlers aufwendiger Dokumentarfilm „Wim Wenders, Desperado“ porträtiert den Filmemacher als Abenteurer.

Unmöglich, ein kleines Bild zu machen vom Monument Valley. Auch Eric Friedler, einer der letzten Fernsehredakteure, die noch selber Filme machen, hat sich diesmal für das breite Scope-Format entschieden. Einen einsamen Wanderer hat seine Kameradrohne in der Wüstenlandschaft ausgemacht, auch ein Geier ist diesem schon auf der Spur. Seine leere Wasserflasche lässt der „Desperado“ des Filmtitels lässig fallen. Es ist Wim Wenders, der zu den Klängen von Ry Cooders slide guitar in die Rolle des Suchenden Travis aus seinem Film „Paris, Texas“ geschlüpft ist.

Der Filmerzähler als Abenteurer: Für Wenders’ Selbstverständnis ist es das passende Bild. „Wie kann man Geschichten erzählen, wenn man schon vorher weiß, wie sie ausgehen? Wenn man einen guten Anfang hat und sich dann auf den Weg macht, dann gibt es für mich nichts Schöneres als die Haltung, die ich dahinter entdecke.“ Seine Frau, die Fotografin Donata Wenders, hat noch ein anderes Bild: „Er ist wie ein Ozeandampfer. Man kann sich kurz andocken, aber er fährt davon unbeeindruckt immer weiter.“

Ideen von Wim Wenders: Ursprünge in der Kulturgeschichte

Immer wieder baut Friedler mit Wenders in der Mitte die ikonischen Bilder und Montagen seiner Filme nach: In der Berliner Nationalbibliothek aus „Himmel über Berlin“, dem Pariser Vorort La Defense aus „In weiter Ferne so nah“ oder an der Edward-Hopper’schen Straßenkreuzung aus „Don’t Come Knocking“.

Auch als Kopien behalten diese Kinobilder noch ihre Größe. Doch sie sind auch nicht mitteilsamer als der Filmemacher in ihrer Mitte: „Wenn ich sagen würde, wer ist der Wenders, ich wollte es nicht wissen“. Prominente Weggefährten aus allen Schaffensperioden bestätigen das Bild eines Regisseurs, der keine Regieanweisungen gibt, weil er nicht weiß, was er da erklären sollte. Die kritischsten Worte für dieses Fischen im Dunkeln findet Donata: Seit einigen Jahren schreie er sogar auf den Filmsets und das sei dann nicht mehr so angenehm.

Auch wenn sich Bilder für ihn vorab nicht beschreiben lassen, haben doch viele seiner Ideen Ursprünge in der Kulturgeschichte. Ihnen nachzuspüren, hätte vielleicht mehr ausgesagt als die Rückkehr zu Schauplätzen: Wenders’ Ästhetik wäre nichts ohne die Einflüsse von Fotografen wie Robert Frank oder Joel Meyerowitz, amerikanischen und französischen Filmklassikern von John Ford bis Jean Cocteau.

Zum Film

„Wim Wenders, Desperado“. Doku. Regie: Eric Friedler. D 2020. 120 Min.

Es dauerte, bis Wenders in den USA wirklich Anerkennung fand. Sein erster Hollywood-Film, das Neo-Noir-Biopic „Hammett“ bescherte dem Produzenten Francis Ford Coppola 1982 einen spektakulären Flop. Jetzt gibt dieser sich eine Mitschuld daran: „Wir haben in Hollywood keine Tradition, so spontan zu arbeiten wie Wenders, der während der Dreharbeiten das Drehbuch komplett veränderte.“

Zugleich enthüllt er aber auch das wahre Krimi-Melodram hinter diesem Film Noir. „Hat Ihnen Wim erzählt, dass er seiner damaligen Frau nachträglich die Hauptrolle gegeben hat und dass sie sogar ihre Szenen geschrieben hat?“ Zum ersten Mal bekommt man eine Idee von der verschollenen ersten Version dieses wichtigen Films am Wendepunkt von Wenders’ Karriere. Die finale Fassung, auch als Enttäuschung noch faszinierend, enthält nur zehn Prozent dieses offenbar unbekannten Meisterwerks. Und keine Spur von seiner femme fatale, Wenders tragischer Muse, der Countrysängerin Ronee Blakley. Wie gern hätte man auch ihre Version der Geschichte gehört. Dafür rehabilitiert Friedler Coppola: „Die Leute in Deutschland denken, ich wäre der böse Produzent aus seinem späteren Film ‚Der Stand der Dinge‘ gewesen. Aber der war ich nicht. Ich verstand einfach zunächst nicht, wohin er wollte.“

Mit „Paris, Texas“ gelang Wim Wenders eine Neubewertung der Amerika-Bilder

Auch Wenders’ Cannes-Gewinner „Paris, Texas“ trotzte dem amerikanischen Star-Kritiker Roger Ebert erst auf den zweiten Blick seine Höchstwertung von vier Sternen ab: „Ein Mann spaziert einsam in der Wüste. Ich erwartete nichts Gutes, wo dieser Film wohl hinsteuerte…“, schrieb er. Aber das war es ja gerade: In diesem Meisterwerk, das 1985 in Deutschland 1 129 600 Millionen Zuschauern ins Kino lockte, konnte man eben nicht vorhersehen, wohin die Reise ging. Schon damals war das im Erzählkino eher ungewöhnlich.

Und kann man es nun in Eric Friedlers Film, wenn er die Bilder akribisch nachstellt? Wird mehr daraus als eine Pilgerfahrt? Es sind vor allem Archivalien, ungezeigte Out-Takes und Aufnahmen von den Dreharbeiten, die diesen Film zu einem Ereignis machen. Hier ist Friedler, dem es bereits mit seinem Jerry-Lewis-Porträt „Der Clown“ gelungen war, einen wahren Filmschatz zu heben, ganz in seinem Element. Was man sich dabei noch zusätzlich wünschen könnte, wäre ein reflektierender Blick auf Wenders’ eigene Arbeit an diesem Bildgedächtnis, dem öffentlichen wie dem privaten. Merkwürdigerweise kommt seine bedeutende fotografische Arbeit praktisch gar nicht vor.

Mit „Paris, Texas“ gelang Wenders eine Neubewertung oft gesehener Amerika-Bilder, deren verschütteter Wahrhaftigkeit er nachspürte. Und das zu einer Zeit, als sich die Postmoderne mit ihrer egalisierenden Ironie schon recht breit gemacht hatte. Auch Wim Wenders blieb davon nicht unbeeinflusst. In seinem grandiosen „Himmel über Berlin“ gaben sich modernistische Strenge und postmodernes Pathos noch die Hand. Doch viele seiner späteren Filme – „Lisbon Story“ ist ein Beispiel – tauschten diese Suche nach Wahrhaftigkeit gegen etwas Launig-Clowneskes.

Aber so ist es nun einmal; so sehr die Freunde des puristischen Wenders damit haderten, entdeckte der bis dahin so strenge Filmkünstler in den 90er Jahren eine leichte Seite in sich, die eben auch auf die Leinwand drängte. Und mit diesem Wenders kann man nicht die existentialistische Stimmung aus „Paris, Texas“ nachspielen. Wenn der in den Fußstapfen seiner von Harry Dean Stanton verkörperten Filmfigur auf den Eisenbahngleisen balanciert, erinnert er mit Schirm und schwarzem Anzug eher an Pan Tau.

Friedlers Film nimmt die breite Leinwand des schwelgerischen Wenders zum Maßstab. So wie dieser im vergangenen Jahr im Pariser Grand Palais ikonische Einzelszenen seines Werks auf monumentale Größe projizierte. Doch was dabei verloren geht, ist der Minimalismus, der Wenders als Künstler einmal definiert hat. Das Frühwerk, die faszinierende Arbeit mit Langsamkeit und Wiederholung fehlt. Gerne hätte man einen ganzen Film über den Thriller hinter „Hammett“ gesehen, aber das kann ja noch kommen. So ist es ja auch bei Wenders: Die interessantesten Geschichten sind die, die man nicht zu Ende erzählt.

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