Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Khashoggi und seine Verlobte, Hatice Cengiz.
+
Khashoggi und seine Verlobte, Hatice Cengiz.

Jamal Khashoggi

Doku „The Dissident“: Es geschah am hellichten Tag

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

Der Dokumentarfilm „The Dissident“ versucht den Mord am saudi-arabischen Regimekritiker Jamal Khashoggi wie einen Thriller aufzubereiten.

Seit fast hundert Jahren streitet die Filmwelt nun schon über die legitime Gewichtung von Authentizität und Inszenierung innerhalb dessen, was man später „dokumentarisch“ nannte. 1922 feierte Robert Flahertys „Nanook of the North“, nach heutigem Sprachgebrauch ein Doku-Drama, weltweite Erfolge. Man sah darin indigene Bewohner der Arktis ihre Lebenswirklichkeit darstellen – und vielleicht sogar das vollmundige Versprechen des Filmplakats einlösen: „ein Film mit mehr Drama, größerem Thrill und mehr Action als jeder, den Sie bereits sahen“.

Der heutige Dokumentarfilmmarkt drängt Filmemacher und Filmemacherinnen mehr denn je zu vollmundigen Versprechen, die sich nur schwer mit Wirklichkeitsfragmenten allein erfüllen lassen. Die Exposés, über die Fernsehredaktionen und Filmförderungen entschieden, sind voll davon. Wer Erfolg haben will im Dokumentarfilm, das scheint das ungeschriebene Gesetz, der möge auch im Fernsehen noch „großes Kino“ liefern. Die Debatte um den teils inszenierten Dokumentarfilm „Lovemobil“ von Elke Lehrenkrauss berührt nicht nur die Ethik einer einzelnen Filmemacherin. Man muss über den Markt diskutieren, in dem diese Bilder gehandelt werden.

Während „Lovemobil“ für ein kleines, fünfstelliges Budget gemacht wurde, ist der aufwendige Dokumentarfilm „The Dissident“ über den Mord am saudi-arabischen Journalisten und Regimekritiker Jamal Khashoggi ein Blockbuster. Nicht weniger als 19 Produzenten listet der Nachspann dieser Großproduktion eines Oscar-Preisträgers. Bryan Fogels Film lief in den USA bereits im Kino, in Deutschland ist er von heute an als digitaler Download verfügbar. Es ist die Sorte Film, die ein Medienthema, über das nahezu alle Informationen bekannt sind, noch einmal enzyklopädisch aufarbeitet, mit Zeitzeugenaussagen und Archivbildern unterfüttert und zu einer abendfüllenden Erzählung arrangiert.

Im Idealfall überdauern solche Filme ihre Zeit und bleiben auch späteren Generationen eine Quelle. Den Opfern des saudi-arabischen Regimes, den Angehörigen und Mitstreitern Khashoggis, viele noch immer ohne Anklage inhaftiert, setzt der Film zugleich ein Denkmal. Er möchte aber noch etwas anderes sein, nämlich ganz großes Kino – und das stellt ihn vor mehr als ein geschmackliches Problem.

Kein Tweet ohne Blitzlicht

Schon mit den ersten Bildern, die vom Aufstieg des Journalisten Khashoggi zur Online-Berühmtheit in den sozialen Netzwerken Saudi-Arabiens erzählen, beginnt das Effektfeuerwerk: kein Tweet, der nicht mit einem digitalen Blitzlicht auf der Breitleinwand aufpoppte, kein öffentlicher Schauplatz, der nicht von einer Drohnenkamera angeflogen würde.

Fogel erzählt von einem Mordfall, dessen menschenverachtende Perfektion sich bereits in unzähligen Medienberichten mitgeteilt hat. Wer damals kommentierte, „wie in einem schlechten Spionagethriller“ sei das alles abgelaufen, das Zerteilen der Leiche unter den Ohren der türkischen Geheimdienstmikrofone, der sieht es nun aufbereitet wie in einem schlechten Thriller. Die türkische Regierung unterstützte Fogel mit ihrer nahezu lückenlosen Dokumentation. Überwachungskameras filmten messerscharf jenen Schergen, der in Khashoggis Anzug das Konsulat verließ. Von der Audioaufnahme wird zwar nur ein Transkript verlesen, dafür bezeugt eine UN-Ermittlerin, das Schlimmste daran sei das Geräusch der Knochensäge.

Die türkische Regierung veröffentlichte all diese Details natürlich auch, weil sie ein politisches Interesse daran hatte, das offensichtlich von Kronprinz Mohammed bin Salman befohlene Verbrechen publik zu machen. Doch auch für den Diktator gab es Gründe, zumindest das Verschwinden seines Kritikers öffentlich zu machen – ebenso wie Russland seine Oppositionellen in aller Öffentlichkeit vergiftet: Was diese medienaffinen Diktatoren bei der Umsetzung ihrer Morde verbindet, ist das Narrativ des „schlechten Spionagethrillers“. Sollte einem Filmemacher dazu nicht mehr einfallen, als aus all diesen Plot-Stückchen genau das zu machen: einen schlechten Blockbuster?

Wäre „The Dissident“ ein Spielfilm, man wäre erschlagen vom Übermaß an schlechter Musik und emotionalisierenden Soundeffekten. Sie stammt nicht von einem Unbekannten: Adam Peters vertonte schon Fogels oscarprämierten „Icarus“, ebenfalls ein dokumentarischer „Thriller“, nur aus der Welt des Sportdopings. Und das Studio, das die Tonmischung vornahm, gilt als erste Wahl in Hollywood – George Lucas’ Klangfabrik „Skywalker Sound“. Aber was hat dieser einnebelnde Ballast in einem Film über Wahrheitssuche verloren? Tut man den Diktaturen, die ihre Verbrechen inszenieren, nicht noch einen Gefallen, wenn man sich bei der Aufdeckung nicht wenigstens am „guten“ Kino orientiert? Es fehlt jedes Bewusstsein dafür, dass auch Verbrechen und die Geheimdienstveröffentlichungen, die sie aufdecken, Inszenierungen sind.

Dabei hat Fogel bewundernswerte Protagonisten gefunden. Seine wichtigsten Zeugen sind Khashoggis Weggefährte, der Blogger und Journalist Omar Abdulaziz, und die Verlobte des Opfers, die türkische Intellektuelle Hatice Cengiz. Ihre mutige Kritik an der Diktatur in Saudi-Arabien verlangt nach breiter Öffentlichkeit, aber nicht nach einem Blockbuster. Man kann Propaganda nicht mittels Propaganda auf die Schliche kommen.

The Dissident. USA 2020. Regie: Bryan Fogel. 119 Min.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare