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Was stimmt hier nicht? Die Kinderdreiradszene in „Doctor Sleeps Erwachen“.

„Doctor Sleeps Erwachen“

„Doctor Sleeps Erwachen“ im Kino: „Shining“ wird weiter erzählt

Nach fast vierzig Jahren bekommt Kubricks Klassiker „Shining“ eine Fortsetzung: „Doctor Sleeps Erwachen“.

Es gibt Filmkulissen, die ein zweites Mal zu betreten fast einem Sakrileg gleich käme. Wollen wir wirklich wissen, was aus Tara geworden ist, dem geschundenen Herrenhaus aus „Vom Winde verweht“? Oder uns vergewissern, wer inzwischen das Piano spielt in Rick’s Café aus „Casablanca“? Anderseits hat Bates’ Motel aus „Psycho“ in späteren Jahren noch einige überraschend sehenswerte Fortsetzungen erlebt.

„Doctor Sleeps Erwachen“ - Fortsetzung von „Shining“

Zu Beginn von „Doctor Sleeps Erwachen“ fährt ein Kinderdreirad über einen gelb-braun gemusterten Teppichboden. Man müsste schon in diesem Augenblick Stanley Kubricks Klassiker „The Shining“ auf seinem Smartphone aufrufen, um im Kino zu beweisen, dass dies nicht der originale Ausschnitt ist. Das Gefühl aber sagt einem sofort, dass irgendetwas nicht stimmt – auch wenn vielleicht nur die Deckenlampen etwas anders sind.

Für Filmemacher Mike Flanagan, der Stephen Kings Roman-Fortsetzung verfilmt hat, war es offenbar eine Ehrensache, den Meister sozusagen in Handarbeit zu kopieren – so wie jene Malereistudenten, die früher mit ihren Staffeleien in den Museen saßen.

„Doctor Sleeps Erwachen“ - Entfernung von Inhalt und Figuren

Auch die unheimlichen Zwillinge stehen passgenau am Ende des Gangs, der allerdings jetzt etwas grünlich beleuchtet scheint. Auch ist die Einstellung nun deutlich weiter gefasst: Geht Flanagan, der im Folgenden dem traumatisierten Dreiradfahrer Dennis Torrance im Erwachsenenalter nachspüren wird, vielleicht doch zu Kubrick auf Distanz? Oder ist er einfach schon der Mühe der Nachstellung überdrüssig – getreu dem, was Jack Nicholson in Wolfgang Staudtes Synchronfassung tausendfach in die Schreibmaschine tippte: „Arbeit allein macht auch nicht glücklich“.

Doctor Sleeps Erwachen.
USA 2019. Regie: Mike Flanagan. 152 Min.

Und doch steckt bis zum letzten Akt, der den um etwa vierzig Jahre gealterten Danny (Ewan McGregor) ins lange geschlossene, pittoresk vergammelte Overlook-Hotel führen wird, mehr Arbeit als Kunst in dieser Fortsetzung. Nach dem Kassenerfolg „Joker“, diesem merkwürdigen Spaziergang in die Bildwelten von Martin Scorseses Filmen „Taxi Driver“ und „King of Comedy“, wandelt Hollywood schon wieder auf den Spuren eines seiner Klassiker. Dabei war King in seinem 2013 erschienenen Roman sichtlich bemüht, sich deutlich vom Originalstoff zu entfernen – und erst recht keine Anklänge an die von ihm nie sonderlich geschätzte Verfilmung aufkommen zu lassen. Sogar das Hotel wird darin gleich am Anfang, kurz nach den Ereignissen von „Shining“, abgerissen.

„Doctor Sleeps Erwachen“ - Parallele zu „Joker“

Warner Brothers, der Produktionsfirma beider Filme, muss das dann doch wohl etwas schade erschienen sein. Immerhin arbeitet man derzeit noch an einem Prequel unter dem Titel „Overlook Hotel“.

Zu Beginn des Films können die Überlebenden, Danny und seine Mutter, nicht weit genug vom eisigen Gruselhotel wegziehen. Doch auch in Florida sieht sich der übersinnlich begabte Junge – diese Eigenschaft heißt „shining“ – von den alten Geistern verfolgt, beispielsweise der verwesenden Frau aus Zimmer 237. Der verstorbene Chefkoch des Overlook verrät ihm aus dem Jenseits einen guten Trick: Man muss die bösen Geister einfach in Gedanken in einen imaginären Schubladenschrank sperren (was übrigens auch bei normalen Kindern helfen kann, nächtliche Gespenster zu vertreiben).

Andernorts ist derweil eine Gruppe von Vampiren in einem schicken Wohnmobil damit beschäftigt, nach Kindern mit Dannys Begabung zu suchen. Sie sind süchtig nach dem sogenannten „steam“, einer Art Gas, das diese Kinder absondern, wenn man sie zu Tode quält. Eine erschreckend grausame Szene – der Tabubruch ist eine weitere Parallele zu „Joker“ – illustriert das teuflische Treiben am Schicksal eines etwa zehnjährigen Baseballspielers. Angeführt wird die Truppe von der charismatischen Schurkin Rose the Hat (Rebecca Ferguson), einer finsteren Schönheit mit einer Vorliebe für süffisant ausgeteilte Spitzen, wie man sie früher in Disney-Zeichentrickfilmen gefunden hätte.

„Doctor Sleeps Erwachen“: Vampirtruppe - ein Haufen tumber Zombies

Die Telepathie hätte von Drehbuchautoren erfunden worden sein können: als Lösung aller Probleme. Mit ihr kann man Figuren beliebig in Beziehung treten lassen, die sich sonst nie begegnet wären. Noch nützlicher, dass sie hier mit Telekinese zusammenfällt.

So meldet sich eine mit besonderem „Shining“ gesegnete 13-Jährige, die von Kyliegh Curran gespielte Abra, bei Danny, indem sie etwas auf seine Tafel schreibt. In einem Hospiz hat der ehemalige Alkoholiker endlich eine Anstellung gefunden und wird Dank seines einfühlenden Wesens Dr. Sleep genannt; doch wie ihm Abra vermittelt, ist seine besondere Intuition an anderer Stelle mindestens ebenso gefragt. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem verschwundenen Jungen, dessen Leiche sie wiederum zu den Camping-Vampiren führt. Abra erklärt die Nützlichkeit ihres „Shinings“ recht einleuchtend: „Es ist wie GPS im Kopf.“

„Doctor Sleeps Erwachen“ - Stephen King und die Verweigerung

Was man Stephen King als noble Verweigerung des Selbstplagiats zugute halten kann – die Entfernung von Inhalt und Figuren des so erfolgreichen „Shining“ – ist auf der Leinwand alles andere als originell. Nicht nur, dass die Vampirtruppe abgesehen von ihrer Anführerin wirkt wie ein Haufen tumber Zombies. Auch die Zitate aus dem Kubrick-Film wirken wie seelenlose Wiedergänger. Auch sind sie sträflich leicht zu beseitigen – schon Pistolen, wie man sie in den USA an jeder Ecke kaufen kann, lassen sie zu Staub zerfallen. Und weil sie so gar nicht gruselig sind, muss auch noch das gesamte Overlook-Hotel zum übernatürlichen Ort erklärt werden – das Geisterhaus als sein eigener Hausgeist gewissermaßen.

Lesen Sie hier die Rezensionen zu „Marriage Story“ und „Der Leuchtturm“

Kubricks Originalfilm „Shining“ - längster Horrorfilm der Geschichte

Dabei verdankten bei Kubrick die heute ikonischen Szenen ihre Wirkung vor allem einer raffinierten Dramaturgie, in der sie punktgenau platziert waren; sein Film hätte auch einfach nur „Timing“ heißen können – wohl niemand, der Filmmontage studiert, kommt daran vorbei. Regisseur Mike Flanagan sind diese Feinheiten fremd. Auf Netflix arbeitete er zuletzt an der Serie „The Haunting of Hill House“, und vielleicht ist dies einer von Hollywoods ersten Versuchen, beim Konkurrenten etwas vom verlorenen Erfolg zurückzustehlen.

Tatsächlich hat dieser Film eine nicht immer glückliche Eigenheit vieler Netflix-Filme übernommen – eine Überlänge von zweieinhalb Stunden. Zugegeben, Kubricks Originalfilm war mit 146 Minuten einer der längsten Horrorfilme der Geschichte; doch er selbst schnitt für die europäische Fassung 25 davon heraus.

Wer Filme im Stream verfolgt, schaut sie gerne in kleineren Portionen, dann sind lange Laufzeiten von Vorteil. Im Kino aber muss schon sehr genau mit Spannungsbögen und Höhepunkten gearbeitet werden, um zweieinhalb Stunden lang zu fesseln. Nicht umsonst kommen so viele Horrorfilme mit 90 Minuten aus. Aber Zeit ist natürlich relativ – vor allem im Leben von Vampiren.

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