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Disneys „Strange World“ im Kino: Reise in ein diverseres Disneyland

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Von: Daniel Kothenschulte

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Ethan und seine Mutter, die es als beste Pilotin an Bord wird richten müssen.
Ethan und seine Mutter, die es als beste Pilotin an Bord wird richten müssen. © dpa

Mit Jules Verne die Zukunft retten: Disneys neuer Animationsfilm „Strange World“ besticht durch den selbstverständlichen Umgang mit Repräsentation.

Im Jahr vor ihrem 100. Geburtstag ist es nicht einfach für die Walt Disney Company – obwohl man die Corona-Zeit geschlossener Vergnügungsparks mit einem Trumpf in der Hinterhand ganz gut bewältigte: Die erfolgreiche Lancierung des Streamingkanals „Disney Plus“ machte die Firma zum Platzhirsch vor Netflix und Amazon – und doch nahmen die Aktionäre und Aktionärinnen seit Jahresbeginn stetig Reißaus. Auf 40 Prozent summierte sich der Verlust an Börsenwert.

Dann aber entschloss sich Disney wie sonst nur bei seinen Filmfiguren zu einem Comeback: Der langjährige, seinerzeit immens erfolgreiche Konzernchef Bob Iger wurde überraschend aus dem Ruhestand geholt, sein glanzlos gebliebener Nachfolger Bob Chapek sei zurückgetreten, hieß es zur Erklärung. Wie Micky Maus als Zauberlehrling wich er wortlos seinem alten Meister.

„Strange World“, der 61. abendfüllende Animationsfilm des Studios, passt nicht nur vom Titel her zu dieser wechselhaften Zeit. Geschichte, Gegenwart und vielleicht sogar die Zukunft Disneys scheinen darin vereint: Die Erzählkultur des 19 Jahrhunderts, digitale Animation, eine betont diverse Figurenschar, ein ausgeprägtes ökologisches Bewusstsein.

Die rettende Zauberbohne

In unbestimmter, aber nicht allzu ferner Zeit scheinen die Energieprobleme endlich eine biologische Lösung gefunden zu haben. Wenigstens für die Bewohner von Avalonia, einem „glücklichen Tal“ zwischen malerischen Berghöhen ähnlich dem Schauplatz des Klassikers „Micky und die Bohnenranke“. Ihre Zauberbohne heißt „Pando“ und ist eine leuchtende Pflanze, die sie fleißig anbauen. Für die Entdeckung dieser buchstäblich grünen Energiequelle zeichnet eine Art Jules-Verne-Figur verantwortlich namens Searcher.

Dieser betont unpatriarchisch auftretende, aber hoch geachtete Patriarch ist der beste Freund seines Teenager-Sohns Ethan, der sich gerade in einen Nachbarjungen verliebt hat. Um die sexuelle Orientierung dieser ersten schwulen Hauptfigur in einem Disney-Animationsfilm wird – ebenso demonstrativ – keinerlei Aufhebens gemacht. Und das ist natürlich gut so.

Searcher, der Suchende, heißt man nicht von ungefähr: Auch sein verschollener Vater war ein leidenschaftlicher Entdecker. Zu einem unverhofften Wiedersehen kommt es, als die Geschichte sich dann wirklich in eine heimliche Verne-Adaption verwandelt. Wie in „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ machen sich Searcher und – als blinder Passagier – Ethan mit einem retro-modernistischen Steampunk-Gefährt auf den Weg in eine grenzenlose Tiefe.

Dort, wo sie die verletzten Wurzeln Pandos vermuten, offenbart sich ihnen eine eigene Welt: Noch leuchtender, noch bunter und bevölkert von erstaunlichen Kreaturen. Sie begegnen schrulligen Phantasiewesen wie von Dr. Seuss und verwegenen Topographien wie von Carl Barks, der einst Donald Duck ins „Land der viereckigen Eier“ schickte. Tatsächlich erweist sich diese – wie sich bald herausstellt – selbst in ihrer Überlebensfähigkeit bedrohte Gegenwelt als eigenständiger Organismus. Und mit einem Mal steht neben „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ noch ein weiterer Science-Fiction-Filmklassiker Pate: „Die phantastische Reise“, Richard Fleischers Odyssee im menschlichen Körper.

Das gibt Anlass zu einem schwelgerischen Surrealismus, geerdet freilich durch fast Banal-Menschliches: Während Searcher in der Unterwelt auf seinen abtrünnigen Abenteurer-Vater trifft, versucht sich Ethan von seinem jovial-dominanten Erzeuger freizustrampeln. Tatsächlich sind es schließlich die Reisegefährtinnen, die am meisten zur Rettung dieser (Unter-)welt und der designierten Retter beitragen – insbesondere Ethans Mutter, die sich als beste Pilotin an Bord erweist. Hinzu kommt ein Heer uriger, an Hayao Miyazakis Waldgeister erinnernder Nebenfiguren. Dieses Erfolgsrezept seit „Schneewittchen“ im Wald auf eine hilfreiche Tierwelt traf, ist von anderen so oft kopiert worden, dass man fast fürchten musste, Disney selbst könnte es vergessen.

Die Mischung funktioniert

Es ist lange her, dass Produzent Roy Conti bei Disneys „Der Schatzplanet“ mit bescheidenem Erfolg versuchte, eine Romanvorlage des 19. Jahrhunderts, Stevensons „Schatzinsel“, in eine Art von Science Fiction zu verwandeln, mit der japanische Anime-Regisseure weitaus mehr anzufangen wüssten. Der Kulturtransfer gelingt diesmal umso besser, als die klassischen Elemente ihre europäischen Kulturtraditionen in einem Diversitäts-Utopia hinter sich lassen. Geschrieben vom vietnamesisch-amerikanischen Drehbuchautor Qui Nguyen, inszeniert von Don Hall („Raya und der letzte Drache“), ist es vielleicht der erste Versuch des Disneystudios, sich nicht einer einzelnen, klar definierten Kultur anzunähern (was in Filmen wie „Pocahontas“ oder „Mulan“ nicht frei von ethnischen Stereotypen blieb). Ähnliche Versuche gab es zwar schon bei einigen jüngeren Marvel-Blockbustern, aber diesmal funktioniert die Mischung wirklich.

„It’s a Small World“, das Motto der erfolgreichen Disneyland-Attraktion, wird hier gleichsam gegen den Strich gebürstet: Nicht in der Verkürzung kultureller Vielfalt auf touristische Klischees, sondern als Modell größtmöglicher Vielfalt auf kleinstem Raum. Es ist nicht das schlechteste aller Disney-Paradiese.

Strange World. USA 2022. Regie: Don Hall. Animationsfilm. 102 Min.

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