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Nicht nur die Läden, hier am Times Square in New York, sind dicht, auch die Parks und die Shows.

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Disney Plus: Unvollständige Schatztruhe mit Warnhinweisen

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Deutschlandstart von Disneys Plus: Der Dienst bietet aufwendige Neuproduktionen, aber nur einen lückenhaften Zugriff auf die Disney-Geschichte.

Der erste Besuch bei Disney Plus beginnt mit einer Warnung: „Einige flackernde Liebesszenen könnten negative Auswirkungen auf lichtempfindliche Zuschauer haben“. Der rätselhafte Hinweis ist einer der ersten Originalproduktionen des Streamingportals vorgeschaltet, das am Dienstag auch in Deutschland online ging. Es ist das Realfilm-Remake von „Susi und Strolch“: Das Hundepaar ist 65 Jahre nach seinem Zeichentrickdebüt auferstanden in digitaler Animation, allerdings so naturalistisch wie zuletzt die Tiere im neuen „König der Löwen“. Das gibt dem treuen Hundeblick in der Spaghetti-Szene natürlich eine neue Dimension. Nur „flackernd“ ist dabei nichts, in Gegenteil, der Mond über der Vorstadt setzt die verliebten Vierbeiner in angemessen fahles Licht. Da hat wohl jemand einen Witz aus dem Englischen schlecht ins Deutsche übertragen.

Disney Plus in Konkurrenz zu Netflix und Amazon Prime

Mit großen Erwartungen ist das neue Streaming-Portal an den Start gegangen, man traut der Firma mit der Maus alle Marktmacht zu, die Konkurrenten Netflix und Amazon Prime in die Knie zu zwingen. Vorsorglich hat Disney den Großteil seiner Produkte aus diesen Plattformen verbannt. Erst spät gelang es, mit Amazon eine Einigung zu finden, um auch über dessen populären „Fire“-TV-Stick abrufbar zu sein. Zum offiziellen Launch am Dienstag um zwei Uhr in der Frühe konnte man dort allerdings zwar die App finden, aber noch keine Funktion.

Dem größten Teil der Neuabonnenten, die den Kanal zum Kampfpreis von 6,99 Euro in Monat in bester technischer Auflösung – bis zu 4K – sehen können, dürfte es wohl um die exklusiven Star-Wars- oder Marvel-Produkte gehen. Insbesondere die erste Star-Wars-Serie, die keine Trickfilmproduktion ist, „The Mandalorian“ präsentiert sich als Lockvogel: Im Mittelpunkt steht eine der liebsten Nebenfiguren aus dem wohl besten Kinofilm der Saga, „Das Imperium schlägt zurück“: Yoda hat als Kreation der Muppet-Manufaktur eine besondere Nähe zu Disney, denn auch Jim Hensons Puppenfilme gehören längst dazu. Während man freilich die Kinofilme mit Kermit und Co auch auf Disney Plus findet, fehlen bislang die Serienfolgen.

Corona-Krise ließ die Disneyaktien einbrechen

Ausgerechnet den allseits beliebten Yoda zum Star einer der ersten Disney-Plus-Originalproduktionen zu machen, ist da schon ein genialer Schachzug. Tatsächlich verlief der Start des Streamingportals in den USA im vergangenen November sehr erfolgreich mit zuletzt 28,6 Millionen Abonnenten. Erst die Corona-Krise ließ die Disneyaktien um 37 Prozent einbrechen. Alle Vergnügungsparks wurden geschlossen, ebenso Kreuzfahrten und Bühnenshows. Kinostars wie der von „Mulan“ wurden verschoben, ausgefallene Sportereignisse setzen den Fernsehkanälen zu, Dreharbeiten mussten abgebrochen werden.

Die Tatsache, dass weltweit nun das Heimkino begehrter seine dürfte als je zuvor, ist da wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vielleicht hätte Disney im Wissen um die Krise die Abonnements nicht ganz so günstig angeboten; im Vorverkauf gab es das Jahresabo für knapp 60 Euro. Trotzdem wird im ersten Jahr für eine Milliarde Dollar Programm produziert. Dem „Handelsblatt“ sagte Disneys Streaming-Chef Kevin A. Mayer: „Wir sind aber nicht der Streamingdienst, der jede Woche einen neuen Titel hat. Disneys Philosophie ist es, weniger zu produzieren, aber dafür auf höchstem Niveau.“

Disney Plus bietet filmhistorisch interessierten Schatzsuchern wenig

Das neue „Susi und Strolch“ gibt ihm in seinem Aufwand recht. Der Handlung des Originalfilms bleibt Disney weitgehend treu, doch in dem eleganten Vorstadt (offenbar New Orleans um 1910) hat sich einiges getan. Susis bürgerliches Herrchen ist weiß, das Frauchen schwarz, als seien „Mischehen“ dort nicht erst 1967 abgeschafft worden. „White washing“ nennt man eine derart verklärende Zeichnung der Realitäten in den USA, aber Disney wollte diese gänzlich ohne Afroamerikaner eingerichtete Szenerie offenbar nicht reproduzieren. Ebenso wenig wie die rassistische Zeichnung der schlitzäugigen Siamkatzen.

Auch „Dumbo“ von 1941 ist für Disney zum Problem geworden. Die schwarzen Vögel repräsentieren offensichtlich die schwarze Unterschicht, der Originalsprecher Blake Edwards imitiert als Krähe Jim Crow einen entsprechenden Sprachduktus. Dass sie andererseits im zeitgenössischen Hollywood eine der ganz wenigen positiven Darstellungen von Afroamerikanern repräsentieren, ist heute schwer vermittelbar. Mit Erleichterung quittieren Disneyfans, dass dieser Film dennoch ungeschnitten im Programm ist. Der Warnhinweis bleibt abstrakt. „Diese Sendung wird in ihrer ursprünglichen Form gezeigt und könnte überholte kulturelle Darstellungen enthalten.“

Einige der schönsten Mickymausfilme fehlen

Damit ist es allerdings nicht getan: Kaum beginnt der Film lautet eine Einblendung: „Enthält Darstellungen von Tabakprodukten“. Wie auch bei „Pinocchio“ von 1940, den Disney nun in „Die lebendige Puppe“ umbenannt hat – warum auch immer. Fans dieses Trickfilm-Juwels wird es interessieren, dass leider nicht die erste Synchronfassung von 1951 mit dem jungen Horst Buchholz als Lausejunge Lampwick zu hören ist, sondern die von 1973.

Überhaupt bietet Disney Plus filmhistorisch interessierten Schatzsuchern wenig. Das reiche Studioarchiv steht nur zu kleinen Teilen offen. Zwar sind die meisten abendfüllenden Zeichentrickfilme zu finden, nicht jedoch einige der besten Realfilme: Abenteuerfilme wie „Die Kinder des Kapitän Grant“ oder „Insel am Ende der Welt“ fehlen ebenso wie etwa Georg Tresslers zum Beethovenjahr entdeckenswertes Biopic „Schicksalssinfonie“.

Keine Spur auch von den klassischen Fernsehserien, die Walt Disney in den 50ern als Pionier des Mediums selbst produzierte, etwa „Zorro“. Es ist schon etwas traurig, wenn ein Filmstudio, das zu den ersten in Hollywood gehörte, das überhaupt für den kleinen Bildschirm produzierte, diese Pionierrolle so wenig herausstellt.

Selbst einige der schönsten Mickymausfilme fehlen. Und eines weiß man bei Disney nie: Ob man etwas vergessen oder zu verstecken hat – weil sonst schon wieder ein Warnhinweis fällig wäre.

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