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Diskussion über die BBC: Journalistin wirft Sender „Verschwörung gegen die Öffentlichkeit“ vor

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Von: Sebastian Borger

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Die Journalistin Emily Maitlis beim Edinburgh TV Festival.
Die Journalistin Emily Maitlis beim Edinburgh TV Festival. © Jane Barlow/dpa

Großbritannien streitet sich über die Rolle der BBC. Die Journalistin Emily Maitlis kritisiert vor allem die Haltung beim Thema Brexit und vermeintliche konservative Einflüsse.

Das Dauerfeuer der Kritik durch rechte Medien und aus der konservativen Regierung des Noch-Premiers Boris Johnson sind die Verantwortlichen der BBC gewohnt. Diese Woche aber bekam die berühmteste öffentlich-rechtliche Anstalt der Welt Zunder von einem ihrer Ex-Stars: Allzu häufig gebe die Sender-Spitze der Kritik aus der Downing Street nach, sagte Emily Maitlis, die vor ihrem Ausscheiden im Frühjahr führende BBC-Magazine moderierte. Für die vermeintliche Ausgewogenheit sei neuerdings „ein aktiver Agent der konservativen Partei“ zuständig. Die Journalistin warnte ihren Ex-Arbeitgeber auch davor, beim Thema Brexit eine „kauernde Haltung“ einzunehmen: „Das wirkt wie eine Verschwörung gegen die Öffentlichkeit.“

Was macht die Kritik so brisant? Maitlis hielt ihre Rede auf dem TV-Festival von Edinburgh, wo die wichtigsten Verantwortlichen zusammenkommen. Hohe Aufmerksamkeit wird also ihrer Kritik geschenkt. Zudem zählt die Moderatorin zu den zahlreichen prominenten Namen, die in den vergangenen Monaten die BBC verlassen haben.

Diskussion über BBC: Maitlis spricht von einer „Mauer des Schweigens“ zum Thema Brexit

Der erhebliche brain drain hat einerseits mit dringend nötigen Einsparungen zu tun. Von Kulturministerin Nadine Dorries wurde dem Sender ausgerechnet zum 100. Geburtstag eine brutale Schrumpfkur verordnet, die Rundfunkgebühr für zwei Jahre eingefroren, zukünftige Förderung von Vorgaben in der Personalstruktur abhängig gemacht. Andererseits ist die politische Unzufriedenheit im Unternehmen weit verbreitet. Sowohl Chairman Richard Sharp wie Generaldirektor (Intendant) Tim Davie stehen den Konservativen nahe. Wie Maitlis haben viele den Eindruck, die Senderspitze mache sich mit den Herrschenden gemein.

Was ist dran an den Vorwürfen? Maitlis’ Kritik an der „Mauer des Schweigens“ zum Thema Brexit findet großen Widerhall, entspricht sie doch dem Gefühl vieler Briten: Medien und Politik, nicht zuletzt die oppositionelle Labour-Party, drücken sich bisher vor einer Diskussion darüber, welche Folgen der von 52 Prozent der Wahlbevölkerung 2016 herbeigewählte EU-Austritt inzwischen hat. Dazu zählen ein massiver Exportrückgang in die EU sowie lange Schlangen am Ärmelkanalhafen von Dover, die Unterbrechung wichtiger Forschungszusammenarbeit sowie der Tiefstand britisch-irischer Beziehungen, hervorgerufen vom Streit um Nordirland.

Sender BBC in der Kritik: Maitlis wirft konservative Einflussnahme vor

Pikiert reagierte die Intendanz auf den Vorwurf konservativer Einflussnahme. Der von Maitlis etwas melodramatisch als „Agent“ bezeichnete Robbie Gibb gehört dem derzeit 13-köpfigen Aufsichtsrat (Board) seit gut einem Jahr an. Zuvor war der 57-Jährige Jahrzehnte lang für die BBC tätig, zuletzt als Abteilungsleiter Politik, ehe er zwei Jahre lang der Premierministerin Theresa May als Kommunikationsdirektor diente. Seine Kritik an tatsächlicher oder vermeintlicher politischer Korrektheit im journalistischen Herangehen der BBC wird von vielen Konservativen geteilt, darunter auch Kritikerinnen und Kritikern der Johnson-Regierung.

Gab es politische Einflussnahme nicht schon immer? Einerseits stellt die alle zehn Jahre ausgestellte königliche Charta den Sender ausdrücklich jenseits direkten politischen Einflusses. Andererseits gehört das mehr oder weniger gute Einvernehmen mit der jeweiligen Regierung zu den wichtigsten Aufgaben der Sender-Verantwortlichen. Über die Jahre haben Chairman und Intendant den Einflüsterungen von Königshaus und Downing Street mehr oder weniger gut widerstanden.

Tory-Premierministerin Margaret Thatcher berief 1986 einen Vertrauten als Chairman mit dem expliziten Ziel, den Generaldirektor zu feuern; binnen weniger Monate war diese Aufgabe erledigt. Legendär waren um die Jahrhundertwende die geifernden Anrufe von Labour-Premier Tony Blairs Kommunikationschef Alastair Campbell bei dem „heruntergekommenen, überbesetzten, hoch bürokratischen, lächerlichen Unternehmen“.

Diskussion über den Sender BBC: Politische Besetzungen sind gängig

Auch politische Besetzungen kommen immer wieder vor. So amtierte der vormalige Labour-Kabinettsminister James Purnell sieben Jahre lang als Strategie-Direktor und Abteilungsleiter Radio. Erspart geblieben ist dem Vorbild des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hingegen die systematische parteipolitische Besetzung wichtiger Funktionen.

Wie positioniert sich die Anstalt für die Zukunft? Bis 2026 muss eine neue königliche Charta vereinbart werden – eine gute Gelegenheit für die Konservativen, den Giganten stärker an die Kandare zu nehmen. An der Feindseligkeit dürfte sich auch nichts ändern, wenn Anfang nächsten Monats die Nachfolge von Premier Johnson geklärt ist. Besonders die Favoritin, Außenministerin Liz Truss, steht in spöttischen Bemerkungen über den vermeintlich unbotmäßigen Sender ihrem bisherigen Chef in nichts nach.

Mindestens ebenso groß ist die Herausforderung durch US-Firmen wie Amazon und Netflix, deren per Abonnement zugängliche Serien und Filme vor allem bei jungen Leuten gut ankommen. Hingegen wird das Publikum herkömmlicher TV-Sender immer älter. Da nützt es auch wenig, dass die Briten ihr „Tantchen Beeb“, wie der Sender im Volksmund genannt wird, noch immer zu 70 Prozent für glaubwürdig halten, weit mehr als vergleichbare Institutionen.

BBC in der Kritik: Harsche Sparmaßnahmen führen zu Stellenstreichungen

Wenn die Rundfunkgebühr weiterhin bei jährlich 159 Pfund (188,43 Euro) pro Haushalt bleibt, so lautet die interne Rechnung, muss der Mediengigant bis 2027 bis zu 1,4 Milliarden Pfund einsparen. Davie hat deshalb harsche Sparmaßnahmen eingeleitet. Erklärtermaßen sollen möglichst rasch 1000 Arbeitsplätze eingespart und das Sendevolumen verringert werden, um ein Sparziel von jährlich mindestens 200 Millionen Pfund zu erreichen.

Verstärkt wurde auch der Versuch, mehr Programme als bisher aus der Zentrale in London zu verlagern. Damit entspricht die Senderleitung dem ausdrücklichen Wunsch der Regierung, die stets von einer stärkeren Berücksichtigung der vernachlässigten Regionen des Landes spricht. Davie wie zuvor schon sein Vorgänger Tony Hall trägt aber auch dem Gefühl Rechnung, man habe wichtige gesellschaftliche Entwicklungen übersehen, nicht zuletzt die Feindseligkeit in vielen Regionen gegenüber der EU. Nun wird das Wissenschafts- und Klimateam ins walisische Cardiff verlegt, was einen Exodus des seit Jahren eingespielten Teams zur Folge hatte.

Die bisher terrestrisch angebotenen Kultursender BBC4 sowie der Kinderkanal CBBC sollen von 2025 an nur noch online existieren. Die Nachrichten-Kanäle, bisher auf In- und Ausland aufgeteilt, werden fusioniert, was mit Dutzenden von Stellenstreichungen einhergeht. (Sebastian Borger)

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