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Auch ProSiebenSat1 will in die Zukunft des Fernsehkonsums starten.

ProSiebenSat1

Streaming-Plattform Joyn: Digital überkompensieren

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Die neue Streaming-Plattform Joyn nutzt der TV-Gruppe ProSiebenSat1, die zugleich von Berlusconis Mediaset bedrängt wird.

Der Aufbruch in eine veränderte Zukunft zehrt am Profit der Münchner TV-Gruppe ProSiebenSat1. Weil der Konzern zunehmend in eigene TV-Shows sowie Serien investiert und mit der Streaming-Plattform Joyn jüngst eine Art deutsches Netflix gegründet hat, sind die operativen Gewinne vor Steuern und Zinsen im zweiten Quartal 2019 um ein Fünftel auf 144 Millionen Euro gesunken. Konzernchef Max Conze ist dennoch überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein.

„Unsere Strategie beginnt sich auszuzahlen“, meinte er jetzt bei der Vorstellung eines Zwischenberichts. Er blickt dabei auf steigende Marktanteile von 28,4 Prozent bei Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren. Vor Jahresfrist waren es 27,2 Prozent.

Ungestört kann sich Conze nicht an die Wiederbelebung von ProSiebenSat1 machen. Dafür sorgt der Berlusconi-Clan aus Italien. Mit knapp zehn Prozent ist dessen Medienkonzern Mediaset im Mai bei den Münchnern eingestiegen. Und es ist ein offenes Geheimnis, dass Mediaset die Bayern zum Teil einer europäischen Medienholding machen möchte, die derzeit steuersparend im niederländischen Amsterdam aufgebaut wird.

„Mal abwarten, es ist ein langer Prozess“, hat Pier Silvio Berlusconi dazu nun der italienischen Zeitung „La Stampa“ gesagt. Der Mediaset-Chef ist Sohn des italienischen Unternehmers und Politikers Silvio Berlusconi, der Mediaset aufgebaut hat. Man rede miteinander, so Berlusconi Junior mit Blick auf ProSiebenSat1, aber es gebe keine Verhandlungen. Das könnte man auch als sanfte Drohung verstehen.

„Das müssen Sie Mediaset fragen, ich spekuliere nicht“, erklärte Conze zu Fragen nach einer gemeinsamen Zukunft mit Mediaset. Als Investor seien die Italiener willkommen, so Conze, der eine strategische Mitsprache damit quasi ausschließt.

Eine angreifbare Strategie

Allerdings: Nur noch rund 2,7 Milliarden Euro ist ProSiebenSat1 an der Börse wert. Vor vier Jahren war es ein Vielfaches. Unter Conzes Vorgänger Thomas Ebeling wurde die Konkurrenz von Streamingdiensten wie Netflix zu lange unterschätzt und auch zu wenig eigenes Programm geboten. Conze denkt offenbar anders, konnte aber den Verfall des Aktienkurses bisher nicht wirklich stoppen. Das macht angreifbar, auch wenn Mediaset in vielerlei Hinsicht sogar schlechter dasteht als ProSiebenSat1. Aber die Berlusconis sind gut vernetzt, könnten sich finanzielle Schützenhilfe holen und bei ProSiebenSat1 bis zu einer Sperrminorität aufstocken.

Dabei zeigt Conzes Strategie durchaus erste Erfolge. Mit der TV-Show „The Masked Singer“ wurden gerade über 38 Prozent Zuschauermarktanteil erreicht und damit die höchste Quote seit einem Jahrzehnt, betonte der Konzernchef. Insgesamt seien im traditionell-linearen Fernsehen zwar Reichweiten und TV-Werbeerlöse im zweiten Quartal zurückgegangen. Weil ProSiebenSat1 bei digitalem Fernsehen auf Abruf aber immer erfolgreicher sei, habe man unter dem Strich die Gesamtsumme aller gesehenen TV-Minuten nun sogar leicht von 256 auf 257 Milliarden Minuten steigern können.

„Wir beginnen, digital überzukompensieren, was linear verloren geht“, erklärte Conze. Ganz besonders schaut er dabei auf die im Juni gestartete Streaming-Plattform Joyn, für die er auch ARD und ZDF gewonnen hat. Auf 3,8 Millionen Nutzer habe das kostenlose Joyn-Angebot es binnen sechs Wochen gebracht und damit auf hauseigene Sender beschränkte Vorgängerplattformen aus dem Stand um das Vierfache übertroffen.

Das Ziel von zehn Millionen Nutzern binnen zwei Jahren hofft Conze nun schneller zu erreichen, auch wenn sich die private TV-Konkurrenz von RTL weiter verweigert. Die Frage ist, ob Mediaset und Berlusconi den Münchner die Zeit geben, ihre Pläne ohne wesentliche Korrekturen weiter zu verfolgen.

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