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Aktuell darf sich Nuhr auf „phoenix persönlich“ über die Diffamierung und den Untergang der „freien Meinung“ beklagen.
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Dieter Nuhr macht nach Angaben der ARD in seiner Sendung politisches Kabarett (Archivfoto).

TV-Kritik

Dieter Nuhr in der ARD: Jede Menge Altherrenwitze und die Angst vor einer grünen Diktatur

  • Sonja Thomaser
    vonSonja Thomaser
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Dieter Nuhr darf bei „Nuhr im Ersten“ in der ARD über seine Ängste sprechen. Mit dabei ist unter anderem Lisa Eckhart. Die TV-Kritik.

  • Die Sendung „Nuhr im Ersten“ in der ARD bietet Witzchen aus der untersten Humorkategorie.
  • Auch in der zweiten Folge des Jahres beweist Dieter Nuhr, dass er die Welt nicht mehr versteht.
  • Gäste bei „Nuhr im Ersten“ in der ARD sind: Lisa Eckhart, Ingo Appelt und Tan Çağlar.

Berlin – Er ist wieder da. Schon wieder, um genau zu sein. Warum die ARD beschlossen hat, in diesem noch so jungen Jahr Dieter Nuhr mit seiner Kabarett-Sendung „Nuhr im Ersten“ bereits zweimal die Bühne zu bieten, bleibt rätselhaft. An seinen vielen guten Themen kann es ja nicht liegen.

Denn abgelutscht ist noch untertrieben, wenn man beschreiben will, was Dieter Nuhr und seine Gäste in der Sendung in der ARD darbieten. „Witze“ und Themen, die man schon hundertmal gehört hat und die auch beim ersten Mal schon nur semi-lustig waren. Aber am allerschlimmsten: Der Humor hat niemals einen wirklich satirischen Dreh. Politisches Kabarett soll es (laut ARD) sein. Ein Trauerspiel veralteter Witze ist es.

„Nuhr im Ersten“ (ARD): Altherrenhumor zu Corona, Trump und Gleichberechtigung

So ruft Nuhr zu Beginn der Sendung „Nuhr im Ersten“ auf, doch nah an die Bildschirme zu kommen, denn – Achtung, halten Sie die Lachmuskeln fest – man habe eine Glasscheibe vor die Kamera gestellt, daher ist alles corona-sicher. Ist das der Humor, der wirklich noch Zuschauer:innen vor die Bildschirme lockt?

Nuhr legt dann mit dem Thema USA los. Und von den 50 Möglichkeiten, mit denen man sich politsatirisch über den scheidenden US-Präsidenten Donald Trump lustig machen könnte, entscheidet sich Nuhr für: „Trump zieht mit seiner Mätresse aus dem Weißen Haus aus.“ Mätresse. Seine Frau ist also eine Mätresse. Wo der Witz daran ist, bleibt fraglich.

Nachdem er Donald Trump dann mit Atilla Hildmann, dem Wendler und Caligula verglichen hat (wer hätte gedacht, dass diese drei Menschen Mal in einer Reihe genannt werden?), stürzt sich Nuhr auf Joe Biden, den er als „Wundergreis“ bezeichnet. Der Rest der Witze bleibt auf diesem Level. Biden ist alt. Wissen wir. Kommt da noch eine Pointe? Nein.

Dieter Nuhr in der ARD: Vermeintliche Witzchen aus einer längst verloren geglaubten Zeit

Nuhr erlaubt sich auch einen kurzen Schwenker zu Corona. Er nennt den Lockdown „Einzelhaft“, die ja jetzt erst einmal nur bis zum Valentinstag gelte, dann werde man „auf Bewährung wieder freigelassen“. Ein Vergleich, der Wasser auf die Mühlen der „Querdenker“ und Verschwörungstheoretiker:innen ist, die Nuhr ja angeblich selbst lächerlich und dumm findet, ein Mindset, dem er nicht folgen kann und will. Nun ja, dann sollte man vielleicht auch noch mal die eigenen Gags überdenken.

Nuhr erzählt auch einige „Die Bahn kommt zu spät“-Witzchen, die wahrscheinlich abgehängteste Humorkategorie die es gibt. Der humoristische Dreh ist hier: Die Deutsche Bahn hat das Coronavirus entwickelt, damit die Züge wieder pünktlich sind. Uff.

Man ist also fast froh, dass Dieter Nuhr nun Ingo Appelt aufruft. Der versucht sich an sehr unbeholfenem Merz-Bashing – gefährlich, Herr Appelt, das ist Nuhrs Stammpublikum – und Namenswitzen über AKK, die in dieselbe Kategorie fallen, wie die Bahn-Witze. Und dann das gleiche noch einmal für Laschet. Denn der kann laut Appelt nicht Kanzler. Nicht wegen Inhalten, also Humor, der Kabarett würdig wäre, sondern wegen seines Namens. Klingt nämlich wie „Lass es“. Verstehen Sie? Noch mal uff.

Tiefpunkt bei „Nuhr im Ersten“ (ARD): Renate Künast und die Angst vor einer grünen Diktatur

Gut, aber sind wir ehrlich: Nuhrs Stammpublikum sind die, die sonst die Zeitung mit den vier großen Buchstaben lesen und inhaltliche Auseinandersetzung mit Themen ist da nicht sehr angesagt.

Den Tiefpunkt der Sendung (bei „Nuhr im Ersten“ ist das allerdings immer sehr schwer zu entscheiden), markiert aber Dieter Nuhrs Einschub über Renate Künast. Denn hier sieht Nuhr eindeutig Tendenzen zur Diktatur: „Das droht unter einer grünen Regierung“, poltert er los. Konkret geht es um einen Tweet zu einer Rede von Künast im Bundestag, in der sie eine Wende in der Ernährungsindustrie verlangt: „Unser Ernährungssystem ist gescheitert. Die Zeit der Freiwilligkeit ist vorbei, weil sie nie gewirkt hat.“ Das versteht Dieter Nuhr aber falsch – wie könnte es anders sein – und denkt, sie würde den Konsument:innen etwas vorschreiben wollen.

Künast geht es aber um Kükenschreddern und Schweinenackensteak für 0,99 Euro. Wieder ein Moment, in dem man sich wünscht,, die ARD würde vielleicht einfach einem Menschen, der es schafft, einen Tweet zu lesen und zu verstehen, eine Sendung geben. Und eben nicht Dieter Nuhr.

Zusammenhang, Sinn und Humor? Fehlanzeige bei „Nuhr im Ersten“ (ARD)

Aber zu spät. Nuhr hat sich bereits in seine Interpretation der Forderung verrannt und führt nun etwas hilflos aus, wie dumm Künasts Ansatz sei, da wir ja in der heutigen Zeit die beste Ernährung hätten und die Menschen heutzutage sehr alt würden. Denn die Steinzeitmenschen mit ihrer „Bio-Ernährung“ wurden nicht so alt. Daher können die Chicken McNuggets ja nicht so schlecht sein. Man möchte den Mann jetzt wirklich nur noch von der Bühne führen und ihm eine Decke und einen warmen Tee bringen. Oder halt Chicken McNuggets.

Aber das Trauerspiel geht weiter und endlich findet Dieter Nuhr eine Lücke für sein Lieblingsthema: „Gendergaga“. Denn es gebe zwar einen Bartmeister, aber keine Bartmeisterin, wo denn da der Aufschrei bleibe und das, obwohl es Frauenrasierer gibt. In Rosa. Und in Grün. Obwohl, das mit dem Grün … er habe einer Freundin neulich empfohlen, ihren mal zu reinigen. Zusammenhang, Sinn, Humor: Thema verfehlt.

Lichtblick bei „Nuhr im Ersten“ (ARD): Tan Çağlar zeigt die Lebensrealität von Menschen mit Behinderung

Aber es gab einen Lichtblick in der Sendung. Tan Çağlar. Behindert und Migrationshintergrund? Was macht der bei „Nuhr im Ersten“? Çağlar zeigt tatsächlich ein kurzes, pointiertes Programm, bei dem man einen Einblick in eine andere Lebensrealität, nämlich die von Menschen mit Behinderung, erhält. Man verzeiht ihm auch, dass der Witz über Veganer: „Isst nichts, was einen Schatten wirft“, geklaut ist („The Simpsons“, Staffel 12, Folge 4, Minute 08:32). Gerne mehr davon.

Lisa Eckhart hat den Schlussauftritt bei Dieter Nuhr: Sie bleibt eine hilflose Marionette der rechten Nische

Leider hat aber Lisa Eckhart den Schlussauftritt. Sie sagt: Wenn man im Internet bestellt, kommt der Mossad. (Hä?). Des Weiteren ärgert sie sich über Menschen, die sich über Impfgegner:innen lustig machen. Das seien nämlich dieselben Menschen, die sonst immer auf Pharmakonzerne schimpfen und jetzt hätte plötzlich keiner mehr Angst vor Krebs.

Und sie betont noch einmal, dass einige Menschen ja an der Corona-Impfung gestorben seien. Alles in allem findet Eckhart, Coronaleugnende und Kritiker:innen von Impfgegner:innen sind alle auf die gleiche Art irre und die Zuschauerin fragt sich an dieser Stelle wirklich, wie die ARD so etwas zulassen kann. Eckhart bleibt und ist eine hilflose Marionette der rechten Nische.

Fazit zu Dieter Nuhr in der ARD: Wer in der Welt nicht mehr mitkommt, sollte abtreten

Final hält Dieter Nuhr in „Nuhr im Ersten“ fest: Die Realität sei auf dem Rückzug. Argumente seien „kein Argument“ mehr. Recht hat er. Aber es ist halt auch faszinierend, wie man etwas kritisieren kann, um dann stumpf-dreist diesen argument- und realitätsbefreiten Diskurs zu reproduzieren und auf eine Kabarettbühne zu bringen.

Aber hey: Man lacht über „Nuhr im Ersten“. Oh ja. Man liegt auf dem Boden vor Lachen, wegen dieser traurigen Darbietung der „Witze“ von gestern, die Dieter Nuhr in der ARD komplett ernsthaft als „politisches Kabarett“ darbietet (sehr eindrücklich auch ein komplettes Segment darüber, dass Nuhr die Musik von heute, diesen „Rap“, nicht versteht). Vielleicht ist es Zeit, abzutreten, wenn man in der Welt einfach nicht mehr mitkommt. (Sonja Thomaser)

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