Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Dieter Nuhr und seine Gäste bei „Nuhr im Ersten“ (ARD).
+
Dieter Nuhr und seine Gäste bei „Nuhr im Ersten“ (ARD).

TV-Kritik

„Nuhr im Ersten“ (ARD): Dieter Nuhr macht den kleinen Mann nach – und feiert Corona-Geburtstag

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

Dieter Nuhr feiert bei „Nuhr im Ersten“ den Geburtstag der ersten deutschen Corona-Infektion. Der Spaßfaktor tendiert gegen Null.

  • In der Sendung „Nuhr im Ersten“ in der ARD bewegt sich der Spaßfaktor an der untersten Grenze.
  • Dieter Nuhr gibt sich wenig Mühe, der politischen Gesinnung wenigstens eine humoristische Form zu geben.
  • Gäste bei „Nuhr im Ersten“ in der ARD sind: Barbara Ruscher, Lisa Eckhart, Alfred Mittermeier, Andreas Rebers.

Berlin - Für diesen Artikel muss sich der Kritiker ausnahmsweise vorab entschuldigen. Ich sehe nicht oft Kabarettsendungen. Meine Kenntnis darüber stammt aus der Zeit als Dieter Hildebrandt und Hanns-Dieter Hüsch noch lebten. Die Sendung „Scheibenwischer“ war in den Achtziger Jahren manchmal so bissig, dass sich der Bayrische Rundfunk noch während der Ausstrahlung entschloss, sie dem dort ansässigen Teil des ARD-Publikums lieber zu ersparen. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, was nicht unbedingt daran liegt, dass die Politik im Freistaat so viel liberaler geworden wäre.

Und sie waren so aufwändig diese Sendungen, dass darin sogar Lieder gesungen wurden, die der Komponist Jürgen Knieper eigens komponiert hatte – selbst wenn sie das Tagesgeschehen auf die Schippe nahmen. Den Namen „Scheibenwischer“ zog Dieter Hildebrandt später zurück, als sein Nachfolger Mathias Richling angekündigt hatte, auch Comedians auftreten zu lassen. 2011 übernahm dann Dieter Nuhr den Sendeplatz. Seither zahlen die Zuschauer Eintritt. Wenn es sie denn gibt.  

Dieter Nuhr feiert in der ARD die erste Corona-Diagnose in Deutschland vor einem Jahr

„Es ist keine Sau im Saal“, beginnt Dieter Nuhr an diesem 28. Januar seinen Opener-Monolog, da wollen wir ihm nicht widersprechen. Zumal er auch gleich darauf präzisiert: „Außer den Kameraleuten, die verpflichtet wurden, nicht zu atmen.“ Man möge sich also auch nicht wundern, wenn es am Ende der Sendung zu Unschärfen im Bild komme. Zur Erklärung des Scherzes macht der Kabarettist noch eine Art Exitus-Mimik. Wenn das schon ein Witz war, dann kann man zumindest von Zuschauerseite schon einmal Lachtränen als Grund etwaiger Unschärfen ausschließen.

Es ist ja auch ein ernstes Motto, unter dem die Sendung steht wie derzeit fast alles, was das Erste so aktuell produziert.

„Wir haben Grund zu feiern: Vor einem Jahr gab es die erste Corona-Diagnose in Deutschland.“ Wer das auch nicht lustig findet, muss dem Mann namens Dieter Nuhr wenigstens eins zugutehalten. Es muss schwer sein in seinem Beruf, ganz ohne Publikum einzuschätzen, ob ein Witz nun gezündet hat oder überhaupt verstanden wurde (na, letzteres sollte bei ihm wohl nicht das Problem sein). So kann man sich wohl seine Vorliebe für Nachsetzer erklären – als wolle er noch mal auf Nummer sicher gehen. „Wir verhalten uns alle vorbildlich. Alle Künstler befanden sich in den vergangenen sieben Tagen in Käfighaltung, hatten Geschlechtsverkehr nur durch Glasscheiben und durften nicht einmal einkaufen …“

Dieter Nuhr (ARD) in der Rolle des einfachen Mannes

Apropos: Zufällig sah ich gestern den Hollywoodklassiker „Machen wir’s in Liebe.“ Darin spielt Yves Montand einen Millionär, der für 1000 Dollar einen Witz kauft, um damit Marilyn Monroe zu beeindrucken. Das ist fraglos dekadent, und so tief muss Dieter Nuhr für uns bitte nicht für einen Scherz in die Tasche greifen. Aber wer sich so gerne über die vermeintliche Arbeiterklasse erhebt, sollte sich vielleicht auch nicht ganz lumpen lassen, wenn ihm sein sozialer Status etwas wert ist.

Wenn sich Dieter Nuhr in die Rolle des einfachen Mannes begibt, denn ersetzt er gerne ch-Laute durch sch’s. Wir wollen nicht unterstellen, damit seien grundsätzlich Deutsche mit türkischen Wurzeln gemeint, denn das wäre ja rassistisch. Und immerhin wird die Show vom Kölner WDR koproduziert, da gibt es so etwas auch in der lokalen Mundart. Aber nach Kölsch klingt das bei Nuhr dann auch nicht wirklich, wenn er jenen Mann nachmacht, der ihm habe weismachen wollen, ihm könne das Virus nichts anhaben. „Isch bin stark eh. Isch kri‘ das Scheißvirus nisch. Isch bin so stark eh“.

„Nuhr im Ersten“ (ARD): Bei Dieter Nuhr bekommen auch die Linken ihr Fett weg

Die Virologen, so empfiehlt es der Komiker, sollten doch mal untersuchen, wie der Mann das mache. „Ich vermute es ist eine Mischung aus Testosteron, Steroiden und Blödheit.“ Gleich darauf bekommt eine andere von Dieter Nuhr gern gefoppte Minderheit ihr Fett weg, die Linken.

„Unsere Linke fordert die bedingungslose Unterstützung einer Kanzlerin der CDU in Coronafragen, weil sie in ihr eine Vertreterin der konsequenten Lenkung von Wirtschaft und Gesellschaft sehen“, verkündet Dieter Nuhr etwas umständlich. Ist das so? Die Linkspartei kritisiert regelmäßig, vielleicht nicht laut genug, die soziale Benachteiligung etwa durch die Schulschließungen und fordert unter anderem eine Vermögensabgabe zur Bewältigung der Kosten der Krise. Man hat den Eindruck, der Begriff „links“ ist für Nuhr recht weit gefasst. Oder ist einfach so, dass neben ihm schon die Mitte links erscheint?

Manchmal denkt man, dieser Kabarettist hat seine etwas einseitige Weltsicht vielleicht aus den Zeitungen, die hinter ihm eingeblendet sind. Aber die hat er vielleicht gar nicht gelesen. Vor einem Beitrag der „Wirtschaftswoche“ doziert Dieter Nuhr über das „No Covid Paper“, das er gleich mit dem dort auch besprochenen „Zero Covid Paper“ verwechselt. Hauptsache, es lässt sich der Linken zuschreiben, auch wenn zu den 13 Wissenschaftlern, die es verfassten, auch der Präsident des Münchner Ifo-Instituts zählt, ein Berater des Finanzministers. Nuhrs Pointe, wenn sie denn eine sein soll: Auch die Linken seien plötzlich für Grenzschließungen.

Auch das ausgespielt „Unkorrekte“ hält Dieter Nuhr für einen Selbstläufer

Zugegeben, auch im alten Scheibenwischer war nicht immer alles lustig, nur weil die Witze dort eher von links kamen. Aber wenigstens versuchte man, der politischen Gesinnung wenigstens eine humoristische Form zu geben. Diese Mühe hält Dieter Nuhr an diesem Abend für unnötig - als sei das Austeilen gegen eine vermeintliche Linke an sich schon ein paar Lacher wert. Auch wenn sie im konkreten Fall vollkommen unbeteiligt sein sollte. Auch das ausgespielt „Unkorrekte“ hält Nuhr für einen Selbstläufer. Diesmal sollte etwa ein verspäteter Beitrag zum Corona-bedingt ausgefallenen Dreikönigssinnen die Frage klären, wie Melchior als „person of color“ von weißen Kindern darzustellen sei. 

Vielleicht muss man sich als Gastgeber aber auch etwas weniger Mühe geben als die Gäste, die ja schließlich etwas mitbringen müssen. So hatte Alfred Mittermeier immerhin diesen nützlichen Vorschlag zur Pandemiebekämpfung: „Der deutsche Lockdown mutiert schneller als das Virus ... Ab sofort sperren wir alles zu, nur Kultur und Gastronomie bleiben offen - weil es sie nicht mehr gibt.“

Barbara Ruscher hatte, auch wenn sie Corona „noch penetranter“ findet „als ‚Last Christmas von Wham‘, ein paar gute Witze über die Schulmisere. Als Ziel einer archäologischen Exkursion in Zeiten des Lockdowns empfahl sie einen Besuch in der ruinösen Turnhalle. In Bayern es gebe Klassenzimmer, die würden überhaupt nur noch von den Kreuzen zusammengehalten.

„Nuhr im Ersten“ (ARD): Der Spaßfaktor bei Dieter Nuhr liegt nahe null

Die Grazerin Lisa Eckhart hob das Niveau der Sendung mit ihrem meisterlich abgründigen Monolog über von Corona beflügeltes Denunziantentum dann sogar auf literarisches Niveau. Ihr Resümee: „Was Denunzianten eindämmen wollen, ist nicht das Virus, sondern den Mitmenschen, nicht das Sterben sondern das Leben. Denunzianten sind Menschen, die häusliche Gewalt nur melden, wenn sie merken, ihr gefällt’s.“

Gleich zu Beginn hatte Dieter Nuhr die Keimfreiheit seiner Sendung betont: „R-Wert 0, Inzidenz Zero“. Der Spaßfaktor – zumindest was seinen eigenen Anteil betraf – dürfte kaum höher gelegen haben. (Daniel Kothenschulte)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion