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Mit diesen Augen

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Von: Axel Veiel

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Michèle Morgan mit Jean Gabin in „Quai des brumes“, 1938.
Michèle Morgan mit Jean Gabin in „Quai des brumes“, 1938. © AFP

Jean Gabin küsste sie „echt und richtig heftig“: Zum Tod der französischen Filmschauspielerin Michèle Morgan, einer der großen Stars der Schwarz-weiß-Ära.

Die Schwarz-weiß-Bilder zittern ein wenig. Die Violinen stimmen Vibrato an. Und dann trifft Jean Gabin auch schon diese Feststellung, die in die Filmgeschichte eingehen sollte. „Du hast schöne Augen, weißt du“, sagt er, was für Typen wie ihn einem Gefühlsausbruch gleichkommt.

Michèle Morgan, die Frau, der das gilt, antwortet mit einem „Küss mich!“. Woraufhin Gabin vor der Kamera nicht nur so tut als ob. Er küsst die damals 18-Jährige „echt und richtig heftig“, wie die Schauspielerin mit den in der Tat schönen grünblauen Augen später berichten sollte. Was wiederum zur Folge hat, dass auch sie erzittert und unter der Schminke bis zu den Ohrläppchen errötet.

Die Szene aus Michel Carnés „Hafen im Nebel“ geht um die Welt. Die 1920 im Pariser Nobelvorort Neuilly als Simone Roussel geborene Französin ist, kaum vor die Kamera getreten, auch schon ein Star. Zumal in der Rolle der kühlen Schönen sollte sie fortan Furore machen.

Die Flucht vor den Nazis führt sie nach Hollywood. Mit Humphrey Bogart steht sie in „Fahrkarte nach Marseille“ vor der Kamera, mit Frank Sinatra in „High and Higher“. Und vermutlich wäre die als Ikone des französischen Kinos Gefeierte auch in „Casablanca“ die Frau an Bogarts Seite geworden – die Warner Brothers machen da nicht mit. Die Französin steckt es weg, wie auf der Leinwand Liebesleid: im festen Glauben, dass hinter der nächsten Ecke neues Glück winkt, dass im Leben Verführung, Verliebtheit, Verletzung einander ablösen.

1946 kehrt Morgan, mittlerweile amerikanische Staatsbürgerin, nach Frankreich zurück. In Jean Delannoys „Und es ward Licht“ überzeugt die Blonde als blinde Pastorentochter, die wieder sehen lernt, ohne dass dies der Liebe zu ihrem Stiefvater freilich zu einem Happyend verhilft. Die Jury des in jenem Jahr erstmals stattfindenden Filmfestivals von Cannes zeichnet Morgan als beste Darstellerin aus. In der Folgezeit avanciert sie zur beliebtesten französischen Schauspielerin schlechthin. Und auch wenn sie später in den Schatten anderer Filmgrößen wie Cathérine Deneuve geraten sollte: Die 1992 für ihr Lebenswerk mit dem César, auf Hollywoods Walk of Fame mit einem Stern geehrte Michèle Morgan zählt zu den Großen des französischen Kinos.

Während sich Carnés „Hafen im Nebel“ und Gabins Huldigung an Morgans Augen indes tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben, beginnt die Erinnerung an mehr als 60 andere Filme mit ihr zu verblassen. „Ich hätte es lieber, man würde weniger über meine Augen reden und mehr über diese oder jene Szene, in der ich gut gespielt habe“, sagte sie in einem ihrer letzten Interviews. Am Dienstag ist Michèle Morgan unweit von Paris im Alter von 96 Jahren gestorben.

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