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Abgewrackt: der Stolz der deutschen Ingenieurskunst.

„Ausgedieselt - Autofahrer zahlen die Zeche“

Die Zeche zahlt der Autofahrer

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Die facettenreiche Dokumentation befasst sich ausgewogen mit den Folgen des Dieselbetrugs.

Der Auftakt dieser Dokumentation lässt ein Machwerk befürchten, dass sich typischer Methoden des Boulevardjournalismus’ bedient: Im Hintergrund läuft Musik wie aus einem Actionfilm; der mit markiger Stimme vorgetragene Kommentar spricht von „Abwrackwahnsinn“, ein Mann beschwert sich darüber, wie die Menschen verarscht würden, die Bilder zeigen neuwertig wirkende Wagen auf einem Schrottplatz. Der Prolog gipfelt in den populistischen Fragen, ob Deutschland bald autofrei sei und der Umweltschutz übertrieben werde.

Zum Glück entpuppt sich der Film von Michael Freund und Richard Rüb dann als facettenreiche Dokumentation, die einen ungleich sachlicheren Tonfall anschlägt. „Ausgedieselt“ beschäftigt sich mit den Folgen des Dieselskandals für den ganz normalen Pendler, der darauf angewiesen ist, mit seinem Pkw zur Arbeit zu fahren; „Autofahrer zahlen die Zeche“ lautet der treffende Titelzusatz. Das Autorenduo versucht jedoch, das Thema mit Hilfe diverser Gesprächspartner in seiner Gesamtheit zu beleuchten. Zu Wort kommen unter anderem Verkehrsexperten, eine Umweltmedizinerin sowie ein Rechtsanwalt, der eine Vielzahl von Klägern vertritt und sich über die allzu große Nähe des Kraftfahrt-Bundesamtes zu den Autokonzernen beklagt; außerdem muss der Cheflobbyist von VW ein bisschen zu Kreuze kriechen.

Gewinnspanne bei Kleinwagen nicht groß genug

Interessant sind auch die Aussagen von Schrottplatzbetreibern, die die aktuelle „Verschrottungswelle“ mit den Zuständen während der Finanzkrise vergleichen, als die Bundesregierung der Autoindustrie 2009 mit Hilfe einer Abwrackprämie zu höheren Umsätzen verhelfen wollte; die Männer wundern sich, wie neuwertig die verschrotteten Autos zum Teil noch sind. Clever leiten Freund und Rüb von einem wenige Jahre alten Lupo zu den Unternehmen über: Weil die Gewinnspanne, wie ein früherer VW-Betriebsrat erläutert, bei solchen Kleinwagen nicht groß genug sei, habe der Konzern kaum Werbung für das Drei-Liter-Auto gemacht und lieber auf teure SUVs gesetzt. Der Lupo hatte nie eine Chance, sich auf dem Markt zu etablieren.

Ehrenwert ist auch der Versuch, die Umweltschützer aus der Schusslinie zu nehmen. Ihr Repräsentant ist Axel Friedrich, der schon vor 13 Jahren als Abteilungsleiter für die Bereiche Verkehr und Lärm im deutschen Umweltbundesamt vor dem sich abzeichnenden Diesel-Desaster gewarnt hat. Da er maßgeblich daran beteiligt war, dass der Abgasskandal publik wurde, gilt er bei Dieselbesitzern als Feindbild, weil sich deren Unmut zur Verwunderung des Grünen-Politikers Cem Özdemir seltsamerweise nicht gegen die eigentlichen Verursacher richtet. Dabei hat der kurz nach seiner Mahnung entlassene Friedrich bloß erledigt, was eigentlich Aufgabe des Staates gewesen wäre; er findet es zu Recht kriminell, wenn Fahrzeuge im Realverkehr zum Beispiel weitaus mehr Stickoxide ausstoßen als auf dem Prüfstand.

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Es fehlt der Wechsel der Perspektive

Selbst die Autoren können sich jedoch nicht von einer gewissen relativierenden Haltung freimachen: Mehrfach verniedlichen sie den handfesten Betrug der Konzerne als „Schummelei“. Auch filmisch ist nicht alles hochklassig. So gelungen beispielsweise die grafische Veranschaulichung verschiedener Sachverhalte ist, so einfallslos ist die nicht totzukriegende Einführung von Gesprächspartnern: Vor dem Interview müssen sie mit angestrengt desinteressiertem Blick an der Kamera vorbeilaufen, weil ihnen eingeschärft worden ist, auf keinen Fall ins Objektiv zu schauen. Immerhin lässt sich bei diesem Thema eine weitere Unart solcher Dokumentationen rechtfertigen: Aus unerfindlichen Gründen werden in Reportagen Interviews gern während einer Autofahrt geführt; da es um Mobilität geht, lässt sich das in diesem Fall verschmerzen. Gleiches gilt für die Information, der Gebrauchtwagenmarkt für Dieselfahrzeuge sei eingebrochen; dank der niedrigen Verkaufspreise hat ist die Reportage in dieser Hinsicht von der Realität eingeholt worden.

Was dem abwechslungsreich strukturierten Film trotz der Vielfalt seiner Gesichtspunkte fehlt, ist ein Wechsel der Perspektive. Im Prolog verkündet ausgerechnet eine Automobiljournalistin, sie besitze gar kein eigenes Auto. Im weiteren Verlauf wird dieser Aspekt allerdings nicht mehr aufgegriffen. Ein Pendler aus dem Spessart, der regelmäßig nach Frankfurt fährt, steht für die vielen Autofahrer, die vor einigen Jahren in gutem Glauben ein Dieselfahrzeug gekauft haben; ob er nicht stattdessen den öffentlichen Nahverkehr nutzen könne, haben ihn die Autoren nicht gefragt. Die Gespräche mit jenen, die „die Zeche zahlen“ müssen, sind ohnehin nicht sonderlich ergiebig. Die entsprechenden Szenen erinnern an Fußballreportagen, in denen auch die Fans zu Wort kommen, was immer etwas ranschmeißerisch wirkt: als hätten die Autoren die Vorgabe, auch die Zuschauer mitwirken zu lassen.

Zur Sendung

Dokumentation „Ausgedieselt - Autofahrer zahlen die Zeche“
Sendetermin: Donnerstag, 4.7., ZDFinfo, 20.15 Uhr

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