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Eine schöne Frau bei schönem Wetter in einem schönen Garten: Sophie Semin in „Die schönen Tage von Aranjuez“.

„Die schönen Tage von Aranjuez“

Diese Sehnsucht nach Göttlichkeit

Von Männern und Frauen: In Wim Wenders' Handke-Verfilmung „Die schönen Tage von Aranjuez“ entspricht die Hochgestimmtheit der Vorlage einer gewissen Entfleischlichung der Szenerie.

Von Anke Westphal

Zunächst sind da Ansichten von Paris: Wann ist diese Stadt je so menschenleer? In den frühesten Morgenstunden? Wim Wenders’ neuer Film „Die schönen Tage von Aranjuez“ gibt keine Auskunft darüber. Er führt bald in einen wunderschönen Garten, zu dem ein Haus gehört: nicht klein, nicht groß und eher alt. Liebevoll tastet die Kamera das bejahrte Mobiliar ab, eine Wurlitzer-Musikbox gehört auch dazu. Eine Uhr tickt.

Ein Schriftsteller lebt hier; wir sehen ihn hinter seiner Schreibmaschine setzen und an einem Text arbeiten. Jens Harzer verkörpert den Künstler, der einem Paar zu lauschen scheint: Es sitzt im Garten unter einer Pergola an einem Tisch und führt ein Zwiegespräch aus Fragen und Antworten. Mann und Frau, namenlos beide, also das Paar an sich. Es geht um Erfahrungen in der Liebe, um die Kindheit, um Erinnerungen, um das Wesen des Sommers und darum, was Männer und Frauen unterscheidet – in einem langen, quasi utopischen, friedlichen Gespräch.

Was für ein wunderschöner Tag! Was für ein schönes Anwesen! Und wie erhaben klingen doch die Worte, auch wenn es um Sex geht. Wie bereinigt vom Kreatürlichen, bereits aufgehoben in der heiligen Sphäre der Transzendenz. Und doch gibt es diese Worte: Peter Handke hat sie verwendet in seinem Bühnenstück „Die schönen Tage von Aranjuez“, aus dem nun Wim Wenders, der bereits in „Der Himmel über Berlin“ einen Handke-Text verarbeitete, seine neue Regiearbeit geformt hat in der filmischen Überformung, in der Aufhebung, in der Transzendenz.

Peter Handkes Ehefrau Sophie Semin verkörpert die Frau, Reda Kateb den Mann. Aus der Wurlitzer erklingen Songs von Nick Cave, der ebenfalls schon im „Himmel über Berlin“ eine Rolle spielte und hier bald leibhaftig an jenem Klavier sitzt, das sich auch in dem Haus findet. Und irgendwann springt Peter Handke selbst kurz durchs Bild – als Gärtner auf seinem eigenen Grundstück.

Braucht der schöne Text diese schönen 3D-Bilder?

Nach „3 Amerikanische LPs“ (1969), „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1971), „Falsche Bewegung“ (1975) und „Der Himmel über Berlin“ (1987) markiert „Die schönen Tage von Aranjuez“, in nur zehn Drehtagen entstanden, die fünfte Zusammenarbeit von Peter Handke und Wim Wenders. So viel ist wohl klar: Hier wird ein Kreis geschlossen, werden alte Verbundenheiten bekräftigt, wird eine ästhetische Bilanz auf vielen Metaebenen gezogen. Immer mal wieder trottet ein Hund niedlich um den Gartentisch herum, beschnüffelt seine Herrin, und die Frau krault das Tier, während sie weiterspricht. Dies sind Momente der Entspannung in einer sehr hochflorigen Filmerzählung. Belauscht der Autor im Haus an seiner Schreibmaschine nun seine beiden Figuren, geben sie ihm den Text ein? Oder schreibt er ihnen den Text zum Gespräch, das sie gerade führen? Jedenfalls liegt auf dem Tisch in diesem paradiesischen Garten ein Apfel.

Die Schlange indes zeigt sich nicht. Vielleicht ist kein Platz für sie inmitten all der Überhöhung. Angesichts von Sätzen wie „Dank der tiefen Stille gewann die Erde an Tiefe“. Der Hochgestimmtheit des literarischen Textes entspricht eine gewisse Entfleischlichung der Szenerie, mag sie auch noch konkret sein. Wenn die Frau, vom Mann befragt nach ihrer ersten Liebesnacht, Auskunft gibt, meint man eher eine Vestalin wahrzunehmen als eine Geliebte, die gerade defloriert wurde. Als der Mann einmal das Verb „ficken“ gebraucht, weist sie ihn zurück, lächelnd zwar, aber doch.

Die Frage ist: Braucht der schöne Text von Peter Handke wirklich diese schönen 3D-Bilder von Wim Wenders? Denn vollkommene Schönheit ist das alles; und wenn man sich ihr willig ergibt, verfällt man bald dem gleichmäßigem Flow eines scheinbar ereignislosen Erzählens ohne Handlung, in dem Erinnerungen zu Werkzeugen der Zukunft werden sollen, so in etwa Handkes Worte, wenn wir sie denn richtig verstanden haben. Überall schwingt hier eine große Sehnsucht nach Göttlichkeit und Transzendenz, in den Worten wie den Bildern.

Und doch bricht sich auch die Banalität immer wieder machtvoll Bahn im Zuschauer: Interessiert schaut er an, wie Peter Handke so lebt, irgendwo bei Paris – das alte Haus wurde im späten 19. Jahrhundert gebaut; Sarah Bernard hat hier gewohnt, es war ihr Landsitz. Wohlwollend mustert man als Zuschauer Handkes Gattin Sophie Semin – eine schöne Frau. Neugierig fragt man sich vielleicht noch, wie oft Wenders und Handke wohl schon gemeinsam ein Glas Wein getrunken haben unter der Pergola am Gartentisch.

„Lieben ist, von diesen zerbrechlichen Männern ergriffen zu sein“, sagt die Frau im Stück und Film einmal und feiert mit Worten „die Monarchie der Frau eines Mannes“. Bis die Kakophonie der Großstadt dieses unmögliche Idyll erreicht.

Die schönen Tage von Aranjuez . D/F 2016. Regie: Wim Wenders. 98 Minuten.

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