Zwingender Bestandteil des Familienlebens: Anna Maria Mühe und Jürgen Vogel an der schwiegerelternzusammenführenden Kaffeetafel.
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Zwingender Bestandteil des Familienlebens: Anna Maria Mühe und Jürgen Vogel an der schwiegerelternzusammenführenden Kaffeetafel.

„Familie!“, ZDF

Diese Lebensform hat Krallen

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Der ZDF-Zweiteiler „Familie!“ mit Jürgen Vogel und Iris Berben ist munter und reizvoll unsortiert.

Angefangen mit den „Buddenbrooks“ und der „Forsythe-Saga“ begleiten Familienmehrteiler das Leben des herkömmlichen Fernsehzuschauers vom ersten Tag an. Der jüngste heißt auch direkt „Familie!“ und im etwas peinlichen Ausrufezeichen soll gewiss der Stoßseufzer mitklingen. Dabei fehlt die literarische Grundlage dem Buch von Rainer Berg und Johannes Rotter spürbar, so dass ein munteres, zuweilen haarsträubendes Allerlei entstanden ist – zu Karriere (auf allen Niveaus) und Haushalt (ebenfalls auf allen Niveaus), Patchworkkonstellationen, Selbstverwirklichungssehnsüchten, schwarzer, gescheiter und überhaupt nicht vorhandener Pädagogik, Generationenkonflikten, sozialen Spannungen, Alkoholproblemen und Promiskuität tritt ein Familiengeheimnis, auf dessen Auslösung man 170 Minuten warten muss. Vom Rand mischt die Mafia mit.

In diesem munteren Allerlei wird Familie nach der Sachlage definiert, muss keine Vater-Mutter-Kind-Gemeinschaft mehr sein – obwohl der Wunsch danach noch da und durchaus mächtig ist, bei Kindern, Müttern und Vätern, in dieser umgekehrten Reihenfolge. An sich ist es aber lediglich die zufällig vorhandene Einheit, die – weitenteils, aber auch nicht unbedingt blutsverwandt – generationsübergreifend irgendwie füreinander zuständig ist.

Änderungen sind möglich, jeder definiert mit, und in einer kurzen Szene sieht man eine strenge alte Frau und einen mürrischen kleinen Jungen konzentriert beim Ausstreuen von Schneckengift. Mit dem Satz „Heute Abend werden wir die ersten Leichen einsammeln können“ dürfte die alte Frau das Herz des kleinen Jungen für immer erobert haben. Er ist ein noch nicht angeheirateter Urenkel, vielleicht ein Lebensabschnittsurenkel.

Das ist das eine, das dem Team um Regisseur Dror Zahavi gut gelingt: Dieses Spiel wechselnder Arrangements, keimender Beziehungen, neuerlicher Trennungen, bestimmt von jener einmalig menschlichen Mischung aus Unlogik und Anpassungsfähigkeit.

Das andere ist die sorgfältige Inszenierung, die auch etliche in Fernsehrollen schon leicht überstrapazierte Typen-Darsteller geruhsam und eigen ins Bild setzt. Jürgen Vogel ist eine Überraschung, der nicht nur leidend und grimmig guckt und agiert (seine Hauptaufgabe in der Holzschnitt-Rolle als „Blochin“), sondern dabei wieder einmal einen völlig herkömmlichen, nicht allzu hellen Mann von nebenan spielen darf. Er ist ein ziemlich erfolgreicher Berliner Koch, den die Mutter seines im Vorspann geborenen Kindes gerne an ihrer Seite behalten würde, unexaltiert auch Anna Maria Mühe. Da die Großmutter des Kochs, Marie Anne Fliegel, im Riesenhaus der Familie schwer alleine bleiben kann, hofft seine Mutter, Iris Berben als erfolgreiche Hamburger Anwältin, dass die junge Familie dort einziehen wird.

Im Leute-Überreden ist sie gut. Überhaupt hat sie eine Traumrolle. Einer der vom ZDF beauftragten Produzenten ist ihr Sohn Oliver. Familie!

Was hier noch überschau- und vorhersehbar wirkt, entfaltet sich aber weiter. Der Koch lässt nicht von der schönen Küchenhilfe, Natalia Belitski, während in den Urgroßeltern – darunter Katharina Thalbach, perfekt beiläufig inszeniert – Welten aufeinanderprallen, aber auch nicht so eindeutig, wie es zunächst scheint.

„Familie!“ ist reizvoll unsortiert, und erst auf den letzten Metern wird versucht, alles irgendwie wieder mit übergeordnetem Familiensinn zu adeln. Damit man sich nicht gegen jemanden entscheidet, sondern „für die Familie“. Denn die Familie, die zwei Abende lang ihre Krallen gezeigt hat, soll am Ende trotzdem die beste aller möglichen Formen des Zusammenlebens darstellen. Die Figuren sind an dieser Stelle aber schon klüger als das Drehbuch, und im Zuschauer hockt die Saat des Misstrauens. Hinzu kommt, dass Zahavi die schwere Haustür derart zudonnern lässt, dass offen bleibt, ob es das Ende eines Märchens oder der Anfang eines Alptraums ist.

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