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„Die wundersame Welt des Louis Wain“ im Kino: Ein Denkmal für den Katzenkünstler

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Von: Daniel Kothenschulte

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Dass sie deutlich älter war als er, zeigt der Film nicht: Benedict Cumberbatch als Louis Wain mit Claire Foy.
Dass sie deutlich älter war als er, zeigt der Film nicht: Benedict Cumberbatch als Louis Wain mit Claire Foy. © dpa

„Die wundersame Welt des Louis Wain“ kommt in die Kinos: Will Sharpes Filmdrama erinnert an den viktorianischen Künstler, dem mit Katzenbildern ein früher Medienhype gelang

Filmische Künstlerbiografien haben ihre eigenen Konventionen, und eigentlich kann man froh sein, wenn sich einmal ein Film herzlich wenig darum kümmert: Ehrgeizige Akademiejahre, strenge Kritiker, das Hungern zum Erfolg, gefeierte Ausstellungen: Nichts davon spielt in „Die wundersame Welt des Louis Wain“ eine Rolle. Selbst auf eine Leinwand-füllende Präsentation der bekanntesten Werke des britischen Künstlers (1860–1939) muss man bis zum Abspann warten. Immerhin einem Klischee hält Filmemacher Will Sharpe die Treue, der Beziehung zwischen dem Maler und seinem bevorzugten Modell. Es wäre auch schwer gewesen, auf diese attraktive Kreatur namens Peter zu verzichten: Schließlich ist Wain heute fast ausschließlich für seine Katzenbilder bekannt, und der Findel-Haustiger lieferte die entscheidende Inspiration.

Wer Wains Namen heute noch kennt, ist vermutlich Katzenfan. Anfang des 20. Jahrhunderts sollen in den meisten englischen Haushalten Reproduktionen seiner Grinsekatzen, vorzugsweise mit Anzug und Krawatte, manchmal auch beim eleganten Golfspiel, zu finden gewesen sein. Etwa hundert Bücher illustrierte er mit den anthropomorphen Mäusefängern, bevor er 1924 in die Armenstation einer psychiatrischen Klinik eingewiesen wurde. Es war der erste Katzenbilder-Hype der Mediengeschichte. Seine Katzenkunst trieb allerdings weitere erstaunliche Blüten: Seine psychedelisch-abstrakten Stubentiger nehmen die Kunst der 60er Jahre vorweg.

Es ist ein Katzenjammer, wie wenig sich dieser Film für Louis Wains ästhetische Errungenschaften interessiert – und doch zugleich selbst einen hohen Grad von Stilisierung anstrebt. Nicht von ungefähr erinnert der deutsche Verleih im Titel an „Die fabelhafte Welt der Amelie“.

Benedict Cumberbatch, eine erste Wahl in der Darstellung schrulliger Genies, fungiert gleichermaßen als Mittler zwischen Äußerlichkeit und Innerlichkeit. Während jede Einstellung des im traditionellen 4:3-Format gedrehten Films ein attraktives Bild sein möchte, findet der Schauspieler die menschliche Erdung. Vergessen wir also erst einmal die historische Figur Louis Wain und ihre Verdienste um die Etablierung der Hauskatze in einem von Hunde- und Pferdeliebe dominierten englischen Bürgertum.

Die ersten zwei Drittel des Dramas sind von einer zärtlichen Liebesgeschichte bestimmt, mit der Will Sharpe weit mehr anzufangen weiß. Wain, der nach dem Tod seines Vaters sein Zeichentalent einsetzen musste, um seine Mutter und fünf Schwestern zu versorgen, fand in deren Gouvernante die Liebe seines Lebens.

Claire Foy spielt die wegen ihres niedrigeren sozialen Standes diskriminierte Lehrerin mit scheuer Anmut. Als sie kurz nach ihrer Heirat unheilbar an Krebs erkrankt, verdüstert das nicht einfach den Ton der Liebesgeschichte; es macht sie nur noch inniger. Dass zeitgleich Wains lustige Katzenkunst aufblühte, könnte als tragikomischer Kontrapunkt noch besser funktionieren – wenn sich nicht ein äußerer, selbstzweckhafter Ästhetizismus über alle Bilder legte. Dass Wains Frau im wirklichen Leben zehn Jahre älter war und auch deshalb von der versnobten Gesellschaft geschnitten wurde, ignoriert Sharpe unglücklicherweise (Cumberbatch war bei den Dreharbeiten 43, Foy erst 36, und die Maske beeinflusst ihr Spielalter nicht).

Nichts spricht dagegen, ein Biopic über einen Künstler zu versuchen, der dem breiten Publikum unbekannt ist. Tim Burton gelang das sehr gut in „Big Eyes“ über die vom Kunstbetrieb weithin geschmähte Margaret Keane. Nur sollte man sich wenigstens für die Kunst entsprechend interessieren.

Sharpe ignoriert nicht nur Wains Pionierrolle im Zeitungscomic des frühen 20. Jahrhunderts, er wiederholt auch ein diskriminierendes Vorurteil. Denn keineswegs lassen sich Wains spätere, radikal abstrahierende Katzenbilder mit einer posthum diagnostizierten Schizophrenie erklären. Wain wusste sehr wohl um die Entwicklungen in der modernen Kunst, wie seine faszinierenden Skulpturen kubistischer und futuristischer Katzen beweisen. Ähnlich wie in Deutschland Karl Valentin durchaus als Protagonist einer Moderne gesehen werden muss, die er zugleich persiflierte, verdient auch Wain einen Platz in ihrer Geschichte. Seine späten, delirierenden Katzenbilder sind den früheren Postkartenmotiven Zigarre-rauchender Hausgenossen jedenfalls künstlerisch klar überlegen.

Um einen großen Fürsprecher seiner Kunst kommt aber auch diese lückenhafte Filmbiografie nicht herum. Der Schriftsteller H.G. Wells schrieb über Wain: „Er hat sich die Katze zu eigen gemacht. Er hat einen Katzenstil erfunden, eine Katzengesellschaft, eine ganze Katzenwelt. Englische Katzen, die nicht aussehen und sich benehmen wie Louis-Wain-Katzen, sollten sich schämen.“

Kein Geringerer als der Musiker Nick Cave hat als Wells einen kurzen Auftritt, und auch das ist eine besondere Hommage. Lange gehörte Cave zu den führenden Sammlern von Wains Kunst, in den letzten Jahren verschenkte er viele Exemplare an Freunde und öffentliche Sammlungen. „Seine Kunst hat eine Intensität, die ihm ganz eigen ist“, sagte er kürzlich in einem Interview über den noch immer verkannten Maler, Zeichner und Bildhauer, der eine Zeitlang auch eine Karriere als Musiker anstrebte. Auch davon hätte man gern etwas mehr gesehen in diesem Film als eine kleine Szene. Wain soll eine spektakuläre Technik des Klavierspielens entwickelt haben – mit seinen Füßen.

Die wundersame Welt des Louis Wain. GB 2021. Regie: Will Sharpe. 111 Min.

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