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„Die Wannseekonferenz“ (ZDF) – Die „Endlösung“ war längst in vollem Gang

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Von: Christina Bylow

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„Besprechung mit anschließendem Frühstück“: der Saal mit den Teilnehmern des Treffens in Matti Geschonnecks Film „Die Wannseekonferenz“.
„Besprechung mit anschließendem Frühstück“: der Saal mit den Teilnehmern des Treffens in Matti Geschonnecks Film „Die Wannseekonferenz“. © ZDF/Julia Terjung

1942 trafen sich 15 Nationalsozialisten, um den Massenmord an den europäischen Juden zu organisieren. Das ZDF zeigt den Film „Die Wannseekonferenz“.

Berlin - Kein grölendes Gelächter, keine schalen Witze, keine Anzeichen von Skrupeln, wo es keine Skrupel gab. Es ist ein Film von äußerster Nüchternheit und Reduktion. Regisseur Matti Geschonneck inszenierte ihn nach dem Prinzip der Einheit von Ort und Zeit, ohne Musik, ohne dramatische Zuspitzung. Etwa neunzig Minuten soll die Zusammenkunft gedauert haben, die unter der Bezeichnung Wannseekonferenz in die Geschichte einging.

Am 20. Januar 1942 fand sie in einer als Gästehaus der SS genutzten Villa am Großen Wannsee statt. Das 1947 aufgefundene, 15 Seiten umfassende Protokoll dieser „Besprechung mit anschließendem Frühstück“, wie es in der Einladung hieß, gilt als eines der wichtigsten Dokumente des Holocaust. Peter Klein kann es nahezu auswendig. Seit dreißig Jahren beschäftigt sich der Historiker mit diesem Treffen. Als Fachberater hat er die Produktion des Films „Die Wannseekonferenz“ begleitet, der am 24. Januar 2022 im ZDF gezeigt wird.

ZDF zeigt den Film „Die Wannseekonferenz“

Wir treffen uns am Touro College Berlin, wo Peter Klein seit 2013 als Professor für Holocaust Studies lehrt. Der Campus im Berliner Westend, am Hochufer über dem Stößensee, ist ein exemplarischer Ort. Das heutige Seminargebäude mit Flachdach und Ziegelfassade wurde von Bruno Paul im Stil der Neuen Sachlichkeit entworfen. Kaum drei Jahre lang lebten die Eigentümer Paul und Minnie Lindemann mit ihren beiden Kindern in diesem Haus. Im Jahr 1934 wird die jüdische Familie zum Verkauf weit unter Wert gezwungen, der Vater, ein Kaufmann, Vorstandsmitglied der Karstadt AG, wird entlassen. Die Familie emigriert über Italien in die USA. Statt ihrer wohnt nun der Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten, Hanns Kerrl, in dem Anwesen mit der Adresse Am Rupenhorn 5. Derzeit studieren an der privaten, staatlich anerkannten Hochschule etwa 200 junge Leute Business Management, Psychologie oder Holocaust Communication and Tolerance. Am rechten Türrahmen jedes Raums ist eine Mesusa angebracht, das Touro College ist eine jüdische Institution.

Peter Klein wird am Nachmittag noch eine Vorlesung halten. Es geht, so Klein, um den Angriff des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion als rassenideologischen Vernichtungskrieg. Warum beschäftigt sich Klein seit drei Jahrzehnten mit den Tätern? Es habe, erzählt er, mit seiner akademischen Ausbildung zu tun. Während seines Geschichtsstudiums an der TU Berlin, am Zentrum für Antisemitismusforschung, besuchte er ein Seminar des Historikers und Politologen Wolfgang Scheffler, der in fast allen größeren Prozessen gegen NS-Gewaltverbrecher vor deutschen Gerichten als Sachverständiger hinzugezogen wurde. Scheffler ermöglichte dem jungen Studenten aus Nürnberg Einblick in sonst nur schwer zugängliche Quellen.

„Ich konnte Prozessakten lesen, und über diese Lektüre kommt man den Verhaltensstrukturen der Angeklagten oder der Beschuldigten schon sehr nah“, sagt Klein: „Dabei stößt man auf die unterschiedlichsten Verhaltensweisen. Auf angebliche Gedächtnislücken, auf den sogenannten Verbotsirrtum, etwa, wenn einer sagt: ,Wie, Juden durfte man nicht erschießen? Das wusste ich gar nicht. Es war doch Nationalsozialismus.‘ Ich konnte aus dem Rohmaterial schöpfen, immer mit dem Versuch, mehr zu verstehen.“

Heutiger Erkenntnisstand über Wannseekonferenz legitimiert neuen Film

Nach dem Fall der Mauer öffnen sich die osteuropäischen Archive. Im Sonderarchiv in Moskau taucht 1994 Heinrich Himmlers Dienstkalender aus den Jahren 1941/42 auf. Eine Gruppe von Wissenschaftlern, unter ihnen Peter Klein, erschließt und kommentiert das Dokument. „Es gibt eine gewisse Neigung von mir, in Archiven Dinge zu suchen und finden zu wollen“, sagt Klein. Zwischen 2001 und 2004 arbeitet er am Hamburger Institut für Sozialforschung und kuratiert dort die überarbeitete Version der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht mit. Er publiziert über die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion, über die „Endlösung“ in Riga, über Theresienstadt. Zusammen mit Norbert Kampe, dem damaligen Leiter der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz, gibt er 2013 einen umfangreichen Band über das Treffen im Januar 1942 heraus.

Als Klein 2019 von den Produzenten des Films gefragt wurde, ob der heutige Erkenntnisstand über die Wannseekonferenz einen neuen Film dazu legitimiere, „konnte die Antwort nur ja lauten“, so Klein. An dem Stoff hatten sich bereits mehrere Filmemacher versucht. In Deutschland 1984 der Regisseur Heinz Schirk, das Drehbuch hatte Paul Mommertz geschrieben. Der Drehbuchautor Magnus Vattrodt konnte für den aktuellen Film darauf zurückgreifen – und schrieb es dennoch neu.

Kein Satz fällt hier ohne Hintergrund. Wenn etwa einer der Konferenzteilnehmer sagt: „Was im November noch verboten war, ist im Dezember offensichtlich erlaubt“, so bezieht sich dies auf ein Verbrechen, dessen Details erst in den 1990er Jahren auch durch die Forschungsarbeit Peter Kleins ans Licht kamen. Am 27. November 1941 wurden 1053 Berliner Juden nach Riga deportiert. Unmittelbar nach ihrer Ankunft am 30. November wurden sie zusammen mit etwa 15 000 lettischen Juden von deutschen Polizeibataillonen, lettischen Hilfspolizisten und der SS im nahen Wald von Rumbula ermordet. Himmler rügte die Eigenmächtigkeit der Verantwortlichen vor Ort, nichts sonst. Die deutschen Juden hätten ins Ghetto Riga gebracht werden sollen, vorerst.

Reinhard Heydrich (Philipp Hochmair), Heinrich Müller (Jakob Diehl), Adolf Eichmann (Johannes Allmayer, v. l.).
Reinhard Heydrich (Philipp Hochmair), Heinrich Müller (Jakob Diehl), Adolf Eichmann (Johannes Allmayer, v. l.). © ZDF/Julia Terjung

Reinhard Heydrich leitete die Wannseekonferenz

Doch dann ändern sich die Vorzeichen. Am 12. Dezember 1941 fand in der Reichskanzlei eine Besprechung zwischen Hitler und den Reichs- und Gauleitern statt. Himmler hatte das Treffen in seinem Dienstkalender vermerkt. Ein Tagebucheintrag Goebbels’ kurz danach bezieht sich darauf: Hitler sei entschlossen, mit den Juden reinen Tisch zu machen. Was heißt: Im Dezember ist dieses Verbrechen an Berliner Juden erlaubt.

Klein verdeutlicht anhand dieses Beispiels, wie historische Fakten in das Drehbuch Eingang fanden. Im Zentrum der Überlegungen und des beständigen Austauschs zwischen ihm und Autor Vattrodt stand immer die Frage der Plausibilität. „Die Worte, die fallen, die Dialoge sind allesamt abgezirkelt und durchgeprüft. Man darf bei solch einem Täterfilm keine einfach falsifizierbare Geschichte erzählen. Das wäre verantwortungslos.“

Am 20. Januar 1942 war allen auf dieser Konferenz klar, was das Wort „Endlösung“ bedeutet. Das Konstrukt aus dem Bürokratenvokabular der Täter steht auf dem ersten Blatt des Besprechungsprotokolls. Entgegen einem immer noch weitverbreiteten Irrtum wurde die „Endlösung“ auf dieser Konferenz jedoch nicht beschlossen. Sie war seit 1941 in vollem Gang. An jenem Tag im Januar 1942 ging es um Logistik und Organisation, um das Markieren von Zuständigkeiten, um Dominanzansprüche und die Kooperation aller beteiligten Behörden. Von Menschen ist nie die Rede. Man spricht von „Einheiten“, von „Aktionen“, man „behandelt“ und „sonderbehandelt“.

Reinhard Heydrich, Chef des Sicherheitshauptamts, der Sicherheitspolizei und des SD, leitet die Konferenz und schreibt seine Machtposition dabei fest. Er tut dies, dargestellt vom Schauspieler Philipp Hochmair, in Geschonnecks Film auf besonders perfide Weise. „Seine Bosheit, sein rücksichtloser Ehrgeiz schlummern hinter seiner Verbindlichkeit“, sagt Peter Klein. Den Film hält er für gelungen. „Es ist gut, dass die Überpädagogisierung komplett fehlt. Die historischen Fakten sind subkutan in die Dialoge eingebaut.“ Magnus Vattrodt spricht von einer „Collage“. Er zog viele Textsorten heran, Briefe, Verlautbarungen, Reden. „Keine dieser Personen wird auf künstliche Art imitiert. Wir wollten ihnen kein Denkmal setzen und ihnen nicht in die Seele kriechen.“

RolleDarsteller:in
Reinhard HeydrichPhilipp Hochmair
Adolf EichmannJohannes Allmayer
Dr. Eberhard SchöngarthMaximilian Brückner
Erich NeumannMatthias Bundschuh
Dr. Gerhard KlopferFabian Busch
Dr. Wilhelm StuckartGodehard Giese
Dr. Josef BühlerSascha Nathan
Otto HofmannMarkus Schleinzer
Heinrich MüllerJakob Diehl
Dr. Alfred MeyerPeter Jordan
Dr. Rudolf LangeFrederic Linkemann
Friedrich Wilhelm KritzingerThomas Loibl
Martin LutherSimon Schwarz
Dr. Roland FreislerArnd Klawitter
Dr. Georg LeibbrandtRafael Stachowiak
Ingeburg WerlemannLilli Fichtner

Der ZDF-Film „Die Wannseekonferenz“ vermittelt keine Botschaft

Was ist nach dem Ende des Kriegs mit den 15 Männer geschehen, die an der Wannseekonferenz teilnahmen? Einige entzogen sich der Justiz durch Selbstmord, drei wurden zum Tod verurteilt und hingerichtet. Gerhard Klopfer, damals stellvertretender Leiter der Partei-Zentrale der NSDAP, ließ sich 1956 als Rechtsanwalt in Ulm nieder.

Alle waren sie überdurchschnittlich gebildet, acht trugen einen Doktortitel, viele unter ihnen waren Juristen. Neben SS-Führern und Parteifunktionären der NSDAP saßen Staatssekretäre aus den Reichsministerien am Konferenztisch, darunter die Ministerien für Inneres, Justiz, Besetzte Ostgebiete, Auswärtiges Amt. An einem Nebentisch saß Adolf Eichmann, zusammen mit einer Sekretärin, die stenographierte. Knapp 20 Jahre nach der Wannseekonferenz, während seines Prozesses in Jerusalem, belastete Eichmann die „Herren“ stark. In „unverblümten Worten“ hätten sie „die Sache genannt – ohne die Sache zu kleiden“. Sie waren sich einig.

Wie kann es sein, dass diese Männer taten, was sie taten? „Die Antwort auf die philosophische Frage nach dem Warum“, sagt Klein, „können wir nicht ohne Weiteres aus den Quellen herauslesen. Aber wir erkennen Mechanismen, Motivationen, Radikalisierungen, Hemmnisse – all diese Dinge, die dafür sorgen, dass Vorhaben wie Krieg und Massenmord ins Werk gesetzt werden können.“

Der Film

„Die Wannseekonferenz“ ist ein Spielfilm von Matti Geschonneck – Magnus Vattrodt und Paul Mommertz schrieben das Drehbuch, das dem von Adolf Eichmann verfassten Besprechungsprotokoll folgt und den Ablauf des Nazi-Treffens in einer Villa am Berliner Wannsee am 20. Januar vor 80 Jahren schildert.

Der Film ist auch in der ZDF-Mediathek zu sehen. Der Sendetermin im Fernsehen ist Montag, 24. Januar 2022, 20.15 Uhr.

Der Antisemitismus dieser Männer zwischen Anfang dreißig und Anfang fünfzig ist längst eingeprägt, was dennoch keine Erklärung ist. „In fast allen Biografien, vor allem denen der Juristen, spielen Studentenverbindungen eine große Rolle. Die Kriegsschuldzuweisung an die Juden gehörte dort zum Standardrepertoire seit 1919“, sagt Klein. Und dennoch: „Es ist ja nicht so, dass sie nicht wussten, dass sie Verbrechen begingen. Sie kannten ja noch die Grundrechte aus der Verfassung der Weimarer Republik.“

Der Film „Die Wannseekonferenz“ vermittelt keine Botschaft. Was er beklemmend spürbar macht, ist etwas Zeitloses. Peter Klein sagt: „Wir sehen, wie leicht es ist, einmal erlernte Prinzipien zu verlieren und sich mit anderen Zielen zu identifizieren. Das ist eine Frage, die auch die Studierenden in meinen Seminaren umtreibt: Wo beginnt diese Identifikation, die sämtliche Zweifel, die jemand hat, überwölben kann?“ (Christina Bylow)

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