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Pierfrancesco Favino als Tommaso Buscetta in dem Film „Il traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“.

Regisseur Marco Bellocchio

„Die Verbrechen der Mafia werden in Italien heute verklärt“

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Die italienische Regie-Legende Marco Bellocchio zu seinem epischen Filmdrama „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“.

Herr Bellocchio, Sie machen seit fast 60 Jahren Filme über Politik und das Leben, und ein wiederkehrendes Thema darin sind wechselnde Werte und Moralvorstellungen. Haben Sie das Gefühl, dass die Freiheiten, für die Sie damals kämpften, heute verschwinden?

Als ich angefangen habe, Filme zu machen, konnte man in ihnen eine stärkere Ideologie erkennen. Ich war nie Mitglied einer linken Partei, aber meine Ideen waren links orientiert. Es gab diese konkrete Idee, dass man die Gesellschaft ändern könne. Das war mehr als eine Utopie, und im Deutschland nach 1968 kannten Sie das ja genauso. Heute ist es zwar nicht so, dass die Moral sich vollkommen relativiert hat. Aber wir leben in einer Gesellschaft, die von den Medien dominiert wird. Zum Beispiel ist die Beziehung zur Mafia ganz anders geworden. Heute gibt es fast ein Verständnis für ihre Verbrechen, man verurteilt kaum noch, was sie tut. Und die Kriminalität ist heute so verbreitet, dass auch ein Mafiafilm oder auch nur ein Krimi Gefahr laufen, als Vorbild zur Identifikation angenommen zu werden. Hier hat sich die moralische Einstellung komplett verändert in den letzten 50 Jahren.

Schon in Ihrem zweiten Film, „China ist nahe“ von 1967, zeigten Sie fast prophetisch ein Bürgertum, das sich lediglich mit linken Ideen schmückt …

Das war eine bittere Komödie gegen den Revisionismus der linken Partei. Dann kam aber das Ende der Utopie, und es kam die Zeit, in der die Idee einer Weltveränderung verschwunden ist. Ich bin selbst kein wirklicher Pessimist, ich bin eigentlich immer aktiv und reaktiv. Ich reagiere auf eine Gesellschaft, die sich in Europa und Italien gleichermaßen in einer Stagnation befindet.

Das bringt uns zu Ihrem neuen Film, „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“, der auch ein Zeitbild der 80er Jahre ist.

Hier sind zwei Personen dargestellt. Einerseits der Mafioso Buscetta, ein Pessimist, der versucht, sich und seine Familie zu retten, und an traditionelle familiäre Werte glaubt. Dagegen steht Falcone (der sizilianische Richter und legendäre Mafia-Ankläger, d. Red.) auch er ein Pessimist, der die Philosophie von Michel de Montaigne verinnerlicht hat und sich entscheidet, dem Staat zu dienen. Dafür opfert er sogar sein Leben. Auf dieser Dualität basiert der ganze Film. Falcone ist ein Held, Buscetta ist es nicht. Er handelt nur, um seine eigene Haut zu retten.

Der Mafioso Buscetta entschuldigt sich in Ihrem Film nur für eine Sache: seine fehlende Kultur. Ist das nicht ein Fingerzeig auf eine Klassengesellschaft, welche die unteren Bildungsschichten ausgrenzt?

Mich hat es beeindruckt, dass dieser Mensch, der keine Bildung oder Kultur hatte, sich darin von anderen Mafiosi unterschied, die kultiviert wirken wollten und zum Teil noch im Gefängnis studiert haben. Der Mafioso Luciano Liggio etwa erzählte oft von den Philosophiebüchern, die er im Gefängnis las. Für Buscetta waren Bücher nicht interessant, aber er hatte Charisma – und gerade das machte ihn wiederum für die Intellektuellen interessant. Auch mich, der ich Buscetta nicht kannte, hat das angesprochen, ich bin ja ein Intellektueller aus einer bürgerlichen Familie. Wie gelingt diesem Mann, der nur ein kleiner Soldat der Mafia sein wollte, der Aufstieg zum Kapo, zur Führerfigur. Obwohl er nie in der Cosa Nostra aufsteigen wollte, hatte er diese Autorität.

Unter Ihren 50 Filmen scheint mir dies der aufwändigste, ein farbenprächtiges Epos. Aber sie vermeiden die für Mafiafilme übliche Überhöhung und setzen Verfremdungseffekte: Zum Beispiel ist da dieser Stunt, wo ein Mafiaopfer beinahe aus einem Hubschrauber fällt – und der Komponist Nicola Piovani spielt dazu ein zärtliches Volkslied …

Meine Beziehung zur Musik hat sich in den vielen Jahren meiner Karriere weiterentwickelt. Die Musiken meiner ersten Filme „Die Faust in der Tasche“ und „China ist nahe“ hat Ennio Morricone komponiert. Da war ich viel unerfahrener als jetzt, ich habe ihn alles machen lassen, und ich habe nichts von seinen Vorschlägen geändert. Mit Piovani war die Zusammenarbeit bei den Filmen „Im Namen des Vaters“ oder „Der Sprung ins Leere“ genauso. Aber seit 2003, angefangen mit „Buongiorno, Notte“, wollte ich auch vorhandene Musikstücke verwenden, etwa von Pink Floyd. Meine Frau, Francesca Calvelli, die meine Filme schneidet, hilft mir bei der Auswahl. Nun hat Pioviani sowohl Originalmusik geschrieben, aber auch frühere seiner Werke verwendet, und das finde ich völlig in Ordnung. Da möchte ich ausdrücklich Stanley Kubrick erwähnen, den Größten unter den Filmemachern. Der hat die Musik bereits vor dem Filmschnitt ausgesucht, und ich denke, so muss man es machen.

Wenn ich auf Ihre Karriere zurückblicke, von den didaktischen, politischen Filmen der 60er über den erotischen Klassiker „Teufel im Leib“ bis zu diesem ungemein unterhaltsamen Mafiafilm, scheint mir das ein wenig wie eine Befreiung. Man sieht Ihrem neuen Film die Freude des Machens an. Aber glauben Sie noch an die gesellschaftliche Relevanz des Kinos?

Ich glaube nicht, dass die Filmkunst noch immer die gleiche gesellschaftliche Bedeutung hat wie in den 60er Jahren. Wenn man früher sagte, die Videokamera sei eine Waffe für die Revolution, dann ist sie das jetzt wohl nicht mehr. Ich habe mich schon verändert. Ich war eher an einem Aufstand für die Gesellschaft interessiert. Ich will nicht sagen, dass das heute nicht mehr so ist. Aber ich habe auf jeden Fall meine Leidenschaft für das Filmemachen beibehalten. Und meine Hoffnung ist, dass das so bleibt, aber ohne diesen politisch-moralistischen Blick. Ich war auch Maler und Schriftsteller, aber am Ende hat das Filmemachen einen so großen Teil meines Lebens geprägt. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, deshalb brauche ich mich auch bei niemandem zu bedanken. Aber meine große Hoffnung ist, dass ich bis zum Ende meines Lebens Spaß daran habe, etwas zu recherchieren und darzustellen, das mir wert erscheint, dass man einen Film daraus macht. Und da kommen gar nicht so viele Dinge in Betracht.

Und wie halten Sie sich so jung mit 80 Jahren?

Lavore, lavore, lavore! Arbeit, Arbeit, Arbeit! Wir leben ja leider nicht ewig; Hauptsache, man bleibt klar im Kopf, das hilft schon ungemein.

Interview: Daniel Kothenschulte

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