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Audrey Diwan, Regisseurin, hält den Goldenen Löwen.
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Audrey Diwan, Regisseurin, hält den Goldenen Löwen.

Filmfestspiele Venedig

Die Türen schließen sich, ihre Zeit verrinnt

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Zum Abschluss des Filmfestivals Venedig: Ein Goldener Löwe für Audrey Diwans kompromissloses Abtreibungsdrama „L’événement“ und eine fulminante Weltpremiere von Ridley Scotts „The Last Duel“.

Weniger war mehr bei den besten Filmen im Wettbewerb dieser 78. Festivalausgabe. Auch der Jury fiel es leicht, dem Lauten und Plakativen, das sich in den letzten Tagen nach vorne gespielt hatte, Absagen zu erteilen. Unter den politischen Filmen im Programm hat schließlich der leiseste gewonnen. „L’événement (Happening)“ der Französin Audrey Diwan legt den Finger auf eine Wunde, die sich vor unseren Augen selbst in vielen Demokratien wieder öffnet – die überwunden geglaubte Kriminalisierung von Abtreibung. Die Chronik der verzweifelten Bemühungen einer jungen Frau im Frankreich des Jahres 1963, ihre ungewollte Schwangerschaft zu beenden, könnte sich im Texas des Jahres 2021 genauso wiederholen.

In freundlichen Pastelltönen skizziert der Film zu Beginn den vielversprechenden Studienbeginn einer begabten jungen Frau aus der Arbeiterklasse. Wenig später stehen dieselben warmen Farben nur noch für eine Welt, die sich ihr verschließt. Weiter zu studieren als alleinstehende Mutter wäre in der damaligen Zeit kaum vorstellbar. Eine Abtreibung, für sie die einzige Option, aber würde alle daran auch nur mittelbar Beteiligten mit Gefängnis bedrohen. Ein scheinbar verständnisvoller Arzt verschreibt ihr ein Mittel, das in Wahrheit nur den Embryo stärken soll. Jeder weitere Schritt, den die junge Frau noch gehen kann, setzt sie der Gefahr aus, wenn nicht ihr Leben, so doch ihre Freiheit zu verlieren.

In ihrer Verfilmung des gleichnamigen Berichts von Annie Ernaux (in deutscher Übersetzung erst unlängst erschienen als „Das Ereignis“) dramatisiert die Filmemacherin nichts: die Türen schließen sich leise vor der Protagonistin, während ihre Zeit verrinnt. Freundschaften erstarren in Kälte, selbst wenn sie das Thema nur indirekt anspricht.

In seltener Konsequenz beschränkt sich Audrey Diwans erst zweiter Spielfilm auf die Protokollierung des Geschehens. Das zeugt von großem Respekt gegenüber der Vorlage, reduziert allerdings auch die künstlerische Form auf filmische Standards. Mit ihrer wirkungsvollen Zurückhaltung imponierte sie offensichtlich der von Bong Joon Ho („Parasite“) geleiteten Jury, der auch Chloé Zhao angehörte, die Oscar-gekrönte Regisseurin von „Nomadland“.

Das Bemerkenswerteste daran, die Leistung der 22-jährigen Hauptdarstellerin Anamaria Vartolomei, wurde leider nicht gewürdigt. Stattdessen erhielt Penelopé Cruz den Coppa Volpi für ihre strahlend-virtuose Hauptrolle in Pedro Almodóvars „Parallel Mothers“. Auch diese Würdigung ist hochverdient; vermutlich hätte der große Spanier dieses verwegen konstruierte Drama ohne Cruz gar nicht erst auf die Leinwand gebracht.

Als Schauspieler wurde der Philippiner John Arcilla geehrt für den zum Ende des Festivals gezeigten Fortsetzungsfilm „On the Job: The Missing 8“ von Erik Matti. Der effektvolle, aber doch formelhafte Polizei-Thriller verdankt seine Rasanz glaubhafter Wut gegenüber institutioneller Korruption. Im Programm stand er für die von Festivalchef Alberto Barbera begonnene Neuausrichtung, Gattungsgrenzen zwischen den Sektionen abzubauen.

Glücklich, wer als Filmemacher über diesen Kategorien steht. Paolo Sorrentino, der hier in Venedig 2008 mit seiner grellfarbigen Politsatire „Il Divo“ seine internationale Karriere startete, kehrte mit seinem persönlichsten Film zurück, vielleicht sogar dem besten: „The Hand of God“ gewann den großen Jurypreis. Jeder, der das Kino liebt und den Fußball, kann dieser Initiationsgeschichte eines jungen Neapolitaners nicht widerstehen. Was ist faszinierender? Die Ankunft Maradonas oder die unverhoffte Bekanntschaft mit einem Filmemacher, der arbeitet wie Fellini? So nah war Sorrentino seinem großen Vorbild freilich nie in der Balance zwischen Übergroßem und Intimem.

Darum geht es wohl auch Jane Campion, die mit „The Power Of the Dog“ ein Kammerspiel vor einer weiten Westernlandschaft spielen lässt. Nun erhielt sie den Regiepreis; etwas aber fehlt dieser Auseinandersetzung mit Männlichkeitsbildern. Die literarische Vorlage von Thomas Savage wurde mit Steinbecks „Jenseits von Eden“ verglichen, Jane Campions unterkühltem Film aber fehlt die epische Dimension.

Es gab also mehr Genre, aber auch mehr Experiment: Im ungewöhnlichsten Beitrag des Wettbewerbs, dem nun mit dem Spezialpreis ausgezeichneten „Il Buco“ des Italieners Michelangelo Frammartino, gibt es keinen Dialog. Mit semidokumentarischen Mitteln rekonstruiert der Filmemacher die Erforschung einer 700 Meter tiefen Höhle in Kalabrien. Es ist ein verblüffend schwelgerischer Film über das Unvorstellbare, der dem alles verschlingenden Loch etwa ein Konzert von Kuhglocken entgegenstellt.

Die Rechnung des Festivalchefs ist aufgegangen. Der ungewöhnlich breit gefächerte Strauß feierte das Kino in all seinen Spielarten. Und zum Finale noch einen Altmeister, der nichts verlernt hat: Ridley Scotts neuer Ritterfilm „The Last Duel“ erlebte in Venedig eine umjubelte Weltpremiere. Falls der 83-Jährige überlegen sollte, sich jetzt zur Ruhe zu setzen, hätte er seinem Debüt „Die Duellisten“ noch ein kongeniales Pendant hinzugefügt.

Virtuos inszeniert bis zum finalen Duell, zu dem ein von Matt Damon gespielter Ritter den von Adam Driver verkörperten Vergewaltiger seiner Frau gefordert hat, besticht der Film durch seine überraschend originelle Form. Das Drehbuch, das die Hollywoodstars Ben Affleck und Matt Damon gemeinsam mit der großen Autorenfilmerin Nicole Holofcener schrieben, verwendet die Methode von Akira Kurosawas Klassiker „Rashomon“: Erzählt nacheinander aus drei Perspektiven, steigert es in scheinbarer Wiederholung nur noch die Konzentration auf das Dilemma einer Wahrheitsfindung ohne nüchterne Gerichtsbarkeit.

Es ist Ridley Scotts bester Film seit langem – und wie vieles, das in diesen prallvollen elf Tagen am Lido lief, nur auf großer Leinwand wirklich vorstellbar.

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