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„Die Schriftstellerin, ihr Film...“ von Hong-Sang-soo im Kino: Gehen und reden

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Von: Daniel Kothenschulte

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Den Regisseur sind sie los: Kim Min-hee und Lee Hyeyoung. Grandfilm
Den Regisseur sind sie los: Kim Min-hee und Lee Hyeyoung. Grandfilm © Grandfilm

Was bewirkt den Zauber von Hong Sang-soo? „Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall“ kann es verraten.

Hong Sang-soos Filme besitzen jene trügerische Einfachheit, die uns glauben machen kann, sie wären aus geformter Luft. Unwillkürlich denkt man, Filmemachen sei das einfachste der Welt. Vermutlich erklärt sich die wachsende Beliebtheit des Koreaners bei Filmfestivals in aller Welt auch damit, dass nach jeder Vorführung irgendjemand aus dem Publikum heimlich anfängt, die eigenen Filmideen aufzuschreiben, und das ist wunderbar. Natürlich wird man ihm auf diese Weise nie das Wasser reichen. Ebenso wenig wie die scheinbare Unbeschwertheit einer Komposition von Erik Satie oder die intuitive Sicherheit eines Cy-Twombly-Gemäldes je ähnliche Talente freigesetzt hätten. Aber allein die Anregung dazu zu spüren, ist etwas, das Hong Sang-soos skizzenhaft hingezauberte Filmerzählungen allen Multimillionen-Produktionen voraushaben.

„Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall“ ist wie die meisten seiner Filme – bis auf eine Szene – in Schwarzweiß gedreht. Eine alternde Schriftstellerin (Lee Hye Young) steht im Mittelpunkt, die – das ist keine wirkliche Überraschung – einem erfolgreichen Filmregisseur begegnet, der einmal eines ihrer Bücher verfilmen wollte. Etwas stört sie an seinen unverbindlichen Komplimenten, und bei der folgenden Zufallsbegegnung mit einer aus der Öffentlichkeit verschwundenen Schauspielerin wirft sie alle koreanische Höflichkeit über Bord: Wie er denn dazu komme, dem leinwandabstinenten Star vorzuwerfen, sie vergeude ihr Talent. Sie sei kein kleines Kind mehr und könne selbst entscheiden, was sie tue.

Die überraschende Tirade hat dreifachen Erfolg, für die Protagonistin wie für die Geschichte: Den aalglatten Regisseur sind wir los, im verblüfften Ex-Star hat sich die Autorin eine Freundin erobert und zugleich das eigentliche Thema eingeführt: Es ist ihre eigene Schreibblockade, die sie bei dem ihr unbekannten Gegenüber als Schaffenskrise wiedererkennt. Weitere Spaziergänge und Begegnungen offerieren einen Ausweg: Beide Frauen wollen einen Film zusammen machen.

Wie eng Kunst und Leben bei Hong zusammenfließen, zeigt die Besetzung der Schauspielerin mit Kim Min-hee, seiner Lebensgefährtin seit 2016 und Mitwirkenden in neun seiner seither realisierten Filme. Wohl jeder in der stark moralisch geprägten Filmöffentlichkeit Südkoreas weiß um den Skandal, den ihre Affäre mit dem verheirateten Regisseur damals auslöste. Scheidungen sind hier nur erlaubt, wenn der schuldlose Eheteil zustimmt. Dazu war Hongs Frau nicht bereit. Kim Min-hee, die gerade eine Hauptrolle im Welterfolg „The Handmaiden“ gespielt hatte, verlor den Vertrag mit dem Filmstudio und Werbeaufträge. Ihre Rolle als gleichsam pausierender Filmstar reflektiert einerseits ihre eigene Geschichte, während ihre zweite Karriere in einem anderen, lebensnäheren Autorenkino indirekt anklingt.

Immer wieder spielen Hong Sang-soos Filme auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Leben – sie erzählen aber weniger von der Arbeit des Filmemachens als von den kreativen Impulsen dahinter. Sie spielen in einem Biotop, in dem Filmstars und unbekannte Menschen des Kulturbetriebs in engem Austausch leben. Dabei erweist sich das nach außen unauffällige Liebhabertum, wie es hier von der Buchhändlerin verkörpert wird, oft als sicherer Hafen in unsteten Gewässern aus Kreativität und Eitelkeit. Auch diese besondere Repräsentanz der Menschen, für die Kunstwerke letztlich gemacht werden, erklärt ihre besondere Beliebtheit.

Das Einfache ist kompliziert

In den USA, wo die Filmkritik auch künstlerische Filme gern in Genreschubladen sortiert, sind die Werke Hong Sang-soos meist am selben Ort zu finden: Unter „walking and talking films“ wird man auch sein neuestes Werk einsortieren. Aber auch hier muss man immer wieder betonen, wie kompliziert das Einfache gemacht ist. Selten sieht man Dialogszenen mit subtileren Pointen, feineren Zuspitzungen. Das Geheimnis dahinter ist Spontaneität. Oft lässt der Filmemacher sein Team bis zum Nachmittag warten, bis ihm die gewünschte Szene eingefallen ist. Das überraschende Improvisationstalent seiner Mitwirkenden, die sich oft in der kommerziellen Filmindustrie einen Namen gemacht haben, bewirkt ein Übriges.

Bei der letzten Berlinale, wo er den Spezialpreis der Jury gewann, tauchte dieser Film den pandemiebedingt komplett halbvollen Saal in den bewährten Zauber aus Lächeln und Nachdenklichkeit. Dazu passte es, dass auch die Menschen auf der Leinwand ihre Masken stets griffbereit tragen.

Gehen und reden, wenn das Rezept so einfach wäre, wären seine in schneller Folge erscheinenden Etüden über künstlerische Befindlichkeit nicht zugleich solche Kostbarkeiten. Auch in glücklicheren Zeiten kann man die therapeutische Kraft von Hong Sang-soos Filmen gut gebrauchen, aber jetzt legt er seinen Finger auf die Folgen der Pandemie für die Kultur – den Virus der Stagnation. Mehr muss man darüber gar nicht sagen: Sobald uns das Leben wieder so viele Zufallsbegegnungen erlaubt wie in seinen Filmen, kommt auch die Kreativität zurück.

Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall. Südkorea 2022. Regie: Hong Sang-soo. 92 Min.

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