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Die Preise der Berlinale: Acht Bären und sechs Frauen

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Von: Daniel Kothenschulte

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Carla Simon küsst ihren Goldenen Bären für den besten Film.
Carla Simon küsst ihren Goldenen Bären für den besten Film. © AFP

Die Kunst weiblicher Filmschaffender rettet die Berlinale: Carla Simón erntet mit ihrem katalonischen Obstbauern-Stück „Alcarràs“.

Es ging um viel bei dieser Berlinale, vielleicht sogar um alles. Auf dem Spiel standen nicht weniger als die Weltgeltung des Festivals und seine zentrale Bedeutung im hauptstädtischen Kulturleben. Keinesfalls wollte man wie im letzten Jahr in den virtuellen Streaming-Raum ausweichen, selbst auf dem Höhepunkt der Inzidenzzahlen. Tatsächlich wurden, wie nicht anders zu erwarten, täglich Akkreditierte positiv getestet, am Anfang sprachen Mitarbeiter der Teststationen von einer niedrigen zweistelligen Zahl, doch mit jedem Tag wurden es weniger, die man nach Hause schicken musste.

Entscheidender noch als alle Debatten über die Vor- und Nachteile von online-Angeboten ist natürlich die Qualität der Auswahl. Und hier strahlten am Ende eines durchwachsenen Wettbewerbs die von der Jury erkannten Stärken – und vielleicht sogar ein neues Alleinstellungsmerkmal: Anders als in Cannes und Venedig spielen weibliche Filmschaffende hier keine Nebenrollen. Sie spielen die Hauptrollen und setzen Maßstäbe.

Von acht Bären und einer Lobenden Erwähnung gingen sechs Preise an Frauen, allen voran der Hauptpreis für die aus Barcelona stammende Regisseurin Carla Simón. Wie schon in ihrem autobiografischen Debüt „Fridas Sommer“ blickt sie mit Kinderaugen auf eine Welt, die nur auf den ersten Blick aussieht wie eine Kinderbuchidylle.

Eine Familie trägt wie in jedem Sommer die Ernte ihrer Obstplantage ein, doch das gepachtete Paradies ist dem Untergang geweiht. Selbst die Feigenbäume, die der Urgroßvater setzte, bedroht der Bagger, denn für die Eigentümer ist es einträglicher, das Land mit Sonnenkollektoren zu bepflanzen. Doch dies ist kein diskursiver Film über ökologische Obstzucht und neoliberale Agrarwirtschaft. Es ist ein berauschender Film, der in Pfirsichfarben so sinnlich von der Schönheit natürlicher Landwirtschaft schwärmt, als könnte man ihren Duft einatmen. Melancholie ist hier kein aufgesetztes Klischee, sie ist unvermeidlich.

Offensichtlich erkannte die von Hollywoodregisseur M. Night Shyamalan geleitete Jury das, was sonst oft übersehen wird: Hinter scheinbar leichten Klängen die komplexen harmonischen Strukturen herauszuhören, die erst diesen reinen Klang bedingen.

Die Komplexität von Natalia López Gallardos mexikanischem Ensemblefilm „Robe of Gems“ (Silberner Preis der Jury) steht dagegen stets im Vordergrund. Der Film wird viel gelobt für seine artifizielle Struktur, doch kann man den Blick auf die Drogenkriminalität auch als zu äußerlich betrachten. Claire Denis’ Regiekunst (Silberner Bär) spielt dagegen längst in einer eigenen Liga. Das Ehedrama „Both Sides Of the Blade“ bestätigte nur noch ihren Rang im Pantheon der Filmkunst.

Preise für Schauspielkunst werden auf der Berlinale seit 2020 geschlechtsneutral vergeben. Das nannte der Verein Pro Quote Film damals einen Bärendienst, auf lange Sicht aber wird wohl ein Schuh daraus. In diesem Jahr jedenfalls gingen beide Preise an Frauen: Die Kölner Comedienne Meltem Kaptan holte als Hauptdarstellerin von Andreas Dresens „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ aus dem Stand, wonach andere ein Leben vergeblich streben. Fraglos füllt sie ihre Rolle perfekt aus und trägt den Film – doch das Drehbuch verlangt auch wenig Zwischentöne. Wer den Film gesehen hat, kann ihn sich auch kaum mehr ohne Kaptan vorstellen. Als beste Nebendarstellerin gewann Kamila Andini im indonesischen Drama „Nana“, einem schwelgerisch-elegischen Ehe- und Selbstfindungsdrama über eine Angehörige der indonesischen Oberschicht der 60er Jahre. Der Film selbst lebte allzu sehr von Anleihen an die Stilmittel von Wong Kar-wai, ohne ähnlich originelle Ansätze.

Originell ist fraglos die Bildsprache des Indonesiers Rithy Panh. In seinem autobiografischen Meisterwerk „Das verlorene Bild“ (2013) übersetzte er seine traumatischen Kindheitserlebnisse in einem Arbeitslager der Roten Khmer in ebenso verstörende wie erhellende Tableaus aus handgefertigten Figuren und Modellen. Im Wettbewerbsfilm „Everything Will Be OK“ führt dieses Stilmittel zu imposanten Dioramen mit kunstvollem Schnitzwerk, das man gern im Original bewundern würde. Illustriert wird damit die Dystopie einer Regentschaft des Tierreichs über die Menschheit, doch in Gang hält die Geschichte nur eine zusehends redundante Off-Erzählung.

Der „Silberne Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung“ honoriert die Eigenständigkeit von Rithy Panhs Vision. So wichtig es ist, Filmformen jenseits des traditionellen Erzählkinos im Wettbewerb zu pflegen – es sollten schon mehr als Nebenwerke namhafter Regisseure sein. Hier hat Carlo Chatrian noch nicht die stimmige Balance gefunden.

Nicht zu unterschätzen ist auch der negative Effekt gänzlich belangloser Filme wie dem amerikanischen Beitrag „Call Jane“. Schon bei seiner Premiere beim US-amerikanischen Sundance-Festival vor wenigen Wochen konnte dieses filmische Denkmal der Verdienste einer Untergrundgruppe künstlerisch wenig überzeugen. Im Chicago der 1960er und 70er Jahre organisierten die „Janes“ illegale Schwangerschaftsabbrüche, was wahrlich einen mit Sigourney Weaver und Elizabeth Banks prominent besetzten Film wert ist. Doch in Phyllis Nagys biederer Inszenierung wird nicht einmal der Gefahr, der sich diese Frauen aussetzten, Rechnung getragen oder gar Spannung daraus geschöpft.

Die größte Belanglosigkeit des Wettbewerbs war schließlich der kanadische Beitrag „That Kind Of Summer“. Vielleicht verstellte der Ruhm des Regisseurs Denis Coté den Blick auf diese Männerfantasie über ein therapeutisches Forschungsprojekt zu hypersexuellen Frauen: Ein idyllisches Landhaus bildet den Rahmen für eine Anthologie recht beliebiger Erzählungen sexueller Erlebnisse und Wunschvorstellungen.

Am Ende des auf sechs Tage verkürzten Festivals aber scheinen die Enttäuschungen wohl noch schneller vergessen als sonst, ausgewischt von den Preziosen: Filme, die man unter angenehmeren Bedingungen hoffentlich bald noch einmal sehen kann. Maskenlos und ausgeschlafen, dort wo sie hingehören – im Lieblingskino.

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