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Ohne Wolfgang Kohlhaase versteht man Deutschland nicht. Übertrieben?
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Ohne Wolfgang Kohlhaase versteht man Deutschland nicht. Übertrieben?

Zum 90. von Wolfgang Kohlhaase

Die Politik und der Mensch

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Wolfgang Kohlhaase, Drehbuchautor und Geschichtenerzähler, zum 90. Geburtstag.

Ohne Wolfgang Kohlhaase versteht man Deutschland nicht. Übertrieben? Na, und wenn schon: Der Drehbuchautor, Regisseur und Geschichtenerzähler wird heute neunzig Jahre alt. Da dürfte man schon ein wenig übertreiben. Aber es ist wahr: Wolfgang Kohlhaases sehr eigener Blick auf seine Umgebung hilft uns, die unsere zu begreifen.

Er ist Berliner. Er hat fast nur über und aus Berlin erzählt. Seit einem halben Jahrhundert. In der Bundesrepublik hatte uns Edgar Reitz vorgeführt, dass man deren Geschichte vom Hunsrück aus erzählen kann. Wolfgang Kohlhaase blickt von der Hauptstadt aus aufs Land. Lange war es die Hauptstadt der DDR. Bald wird es ebenso lange die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland sein.

1972 kam in die Kinos der DDR „Leichensache Zernik“. Regie führte Helmut Nitzschke. Der Film ist ein Krimi. Ein Mann bringt Frauen um und räumt anschließend ihre Wohnungen aus. Das Polizeipräsidium befindet sich zu Beginn des Films noch im sowjetisch besetzten Sektor Berlins, die Kommissariate in den Bezirken unterstehen ihm. Die politischen Verwicklungen sind programmiert. Der Film erzählt, wie die Kommunisten den Fall lösen – allen Intrigen zum Trotz.

Der Held der Geschichte ist aber nicht der von Kurt Böwe gespielte Kriminalkommissar, sondern ein von Alexander Lang gespielter Berufsanfänger, der keine kriminalistische Ausbildung hatte, sondern, um dem Personalmangel bei der Polizei aufzuhelfen, hierher „überführt“ wurde. Die klassische Figur des Toren, der gegen die Regeln verstoßend alles richtig macht.

Eine Figur ganz nach Kohlhaases Geschmack. Dessen Ungeschicklichkeiten sorgen für Gelächter, seine Erfolge zeigen, dass mit dem bloßen Befolgen der Anweisungen der Führung kein Fall zu lösen, geschweige denn ein Staat zu machen ist. Gleichzeitig ist die Führung sympathisch, und wäre man kein Tor, man folgte ihr blind. Das aber will sie ja gar nicht. So vertrackt stellt sich für den Autor, den DDR-Bürger Kohlhaase, das Verhältnis Volk–Führung dar. Jedenfalls im Rahmen der Möglichkeiten eines Defa-Studios des Jahres 1972. Es kommt noch etwas hinzu. Der unausgebildete Tor steht für die neue Klasse, für all die, denen die DDR Wege zu Stellungen ebnet, die ihnen früher verschlossen waren.

Er ist nicht nur ein Chronist

Es gibt noch eine Szene, die typisch Kohlhaase ist: Ein Mitarbeiter des Polizeipräsidiums geht nach Charlottenburg zu seiner Familie. Der Film hat Verständnis für ihn. Der Zuschauer, die Zuschauerin auch. 1972! Die Politik ist das eine, das Leben der Menschen das andere. Die richtige Politik ist die, die beides miteinander zu verbinden versteht. Davon handeln die meisten Filme Kohlhaases. Er ist mehr als ein Chronist des Alltagslebens. Er führt es an gegen die Politik und er ruft nach der Politik, wenn es zu beschwerlich wird. Er ist ein politischer Autor, der weiß, dass beide einander bedürfen.

Man versteht Deutschland nicht, wenn man das nicht versteht. Wer glaubt, die Deutschen in eine Versammlung von Ich-AGs verwandeln zu können, hat Deutschland nicht verstanden. Die Menschen allerdings auch nicht. Ohne Kohlhaase versteht man Deutschland nicht. Nur mit ihm natürlich ebenso wenig. Aber er erinnert uns in fast jedem seiner Filme, in fast allen seinen Geschichten daran, dass zu Deutschland nach 1989 die DDR gehört. Wer glaubte, er könne sie sich einverleiben, ohne dass sie ihn verändert, hat sich getäuscht.

Es gibt eine Kassette mit zwölf DVDs mit den DDR-Filmen von Wolfgang Kohlhaase. Da fehlen natürlich die elf, die zwischen 1992 und 2017 entstanden. Der letzte handelt übrigens vom 90. Geburtstag eines hohen SED-Parteifunktionärs, dessen Enkel sich in den Westen absetzte. Ein Film nach dem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge. Ein „gesamtdeutscher“ Film ist natürlich „Die Stille nach dem Schuss“. Er schildert, wie die Sicherheitsbehörden der DDR Angehörige der bundesrepublikanischen Terroristenszene im „sozialistischen“ Deutschland untertauchen ließen. Volker Schlöndorff führte Regie. Aber vergessen wir über dem Filmer nicht den Schriftsteller Wolfgang Kohlhaase. Der Wagenbach-Verlag hat gerade sein Buch „Silvester mit Balzac“ aus dem Jahre 1977 unter dem Titel „Erfindung einer Sprache“ wieder vorgelegt. Ein großer Erzähler ist zu entdecken.

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