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Die Oscars und die Berlinale – So viel deutsches Kino

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Von: Daniel Kothenschulte

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Der Überraschungserfolg: „Everything Everywhere All At Once“.
Der Überraschungserfolg: „Everything Everywhere All At Once“. © dpa

Eine Woche der Nominierungen: Die Oscars und die Berlinale werfen ihre Schatten voraus – und beschreiben radikal unterschiedliche Positionen.

Zwei Wochen vor der Berlinale, sieben Wochen vor der Oscar-Verleihung lässt sich das Kinojahr schon einmal in die Karten blicken. Beide Großereignisse haben in den letzten Tagen ihre Nominierungen bekanntgegeben, und die Akzente, die sie setzen, sprechen für sich. Hollywoods Filmbranche zeigt sich bereits fest verschmolzen mit der größten Kinokonkurrenz, den Streaming-Studios. Nominiert wurde vor allem, was in der vergangenen, krisengeschüttelten Saison Erfolg hatte: Der bei der Kritik durchgefallene Blockbuster „Avatar 2“ ebenso wie das enttäuschende „Elvis“-Biopic und der gut gemachte, aber ästhetisch und politisch konservative „Top Gun: Maverick“.

Die deutschsprachige Netflix-Produktion „Im Westen nichts Neues“ lief zwar in den USA in kaum einem Kino, aber setzte sich unter den Anwärtern zum „Besten Film“ gegen anspruchsvollere europäische Filme durch. Unter den Festivalgewinnern schafften es die fraglos herausragenden, vor allem aber eben auch publikumsnahen Autorenfilme „The Banshees of Inisherin“, „Tar“, „Triangle of Sadness“ und Sally Polleys aufwendiges Missbrauchsdrama „Die Aussprache“, das am 12. Februar in die deutschen Kinos kommen wird. Dazu als Überraschungshit das pseudo-asiatische Genre-Mash-up „Everything Everywhere All At Once“ und schließlich – als untadeliger Favorit – Steven Spielbergs filmische Autobiografie der eigenen Jugend, „The Fabelmans“.

Wie konservativ diese Auswahl ist, zeigt nicht nur das Fehlen des US-Independent-Kinos, sondern auch das Übergehen von Jordan Peeles „Nope“ – auch in allen anderen Kategorien. Hier wäre er gewesen, der auch künstlerisch innovative Blockbuster, von einem Filmemacher, der vor Kreativität strotzt wie einst der junge Spielberg. Zugleich ein radikaler Blick auf Hollywoods jahrzehntelange Ausgrenzung afroamerikanischer Talente und Positionen. Was hat die Academy sich in den vergangenen Jahren bemüht, etwas weniger weiß auszusehen – doch die Integration schwarzer Positionen scheint sich auf Schauspielerinnen und Schauspieler zu beschränken. Dazu wird sich noch Unmut regen.

Die Berlinale war einmal eng mit den Academy Awards verbunden; bevor die Verleihung in den März verlegt wurde, fiel die Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen in die Zeit des Festivals – für US-Produzenten ein Ansporn, ihre Filme in Berlin zu zeigen. Nun positioniert sie sich als Gegenpol zu Hollywood, auch wenn ihr prominentester Gast Ehrenpreisträger Spielberg sein wird.

Internationale Strahlkraft

Unter den 18 Wettbewerbsfilmen sticht ein Filmland heraus, das es im vergangenen Jahr weder nach Cannes noch nach Venedig schaffte – Deutschland. Es zeigt sich bestens aufgestellt mit gleich fünf renommierten Vertreterinnen und Vertretern des Autorenfilms, die auch eine internationale Strahlkraft haben: Margarethe von Trotta zeigt ihr Biopic „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ mit Vicky Krieps. Dazu vier Positionen, die vor allem im Ausland gern unter dem Stichwort „Berlin School“ gebündelt werden: Emily Atef nähert sich mit dem Liebesdrama „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ individualistischen Lebenskonzepten in der DDR; eine eher finstere Romantik verspricht dagegen Christoph Hochhäuslers Noir-Thriller „Bis ans Ende der Nacht“.

In ein anderes Dunkel führt Angela Schanelec in „Musik“, wo ein ehemaliger Häftling, der unwissentlich ein Kind mit seiner Mutter hat, sein Augenlicht verliert. Düstere Romantik verspricht auch Christian Petzolds Mittelteil seiner mit „Undine“ begonnenen Trilogie: „Roter Himmel“ konzentriert sich auf vier während eines Waldbrands in einem Ferienhaus eingeschlossene Protagonisten.

So viel deutsches Kino unter nur 18 Filmen klingt schon recht selbstbewusst für ein Filmland, das in den letzten Jahren kaum international wahrgenommen worden ist. Da darf man schon erwarten, dass die Beiträge diese Überrepräsentanz in einem internationalen Wettbewerb durch ihre Qualität rechtfertigen. Sie konkurrieren unter anderem mit Werken von Frankreichs Altmeister Philippe Garrel und dem Südafrikaner John Trengove, dessen Film „Manadrome“ die Stars Jesse Eisenberg und Adrian Brody nach Berlin holen soll. Sean Penn zeigt außerhalb des Wettbewerbs seine vom Kriegsausbruch in eine andere Richtung gelenkte Ukraine-Dokumentation „Superpower“.

Die Rückschau der Oscars und die Vorschau der Berlinale könnten kaum unterschiedlichere Schlaglichter auf den weiteren Weg des Kinos werfen. Wo liegt die Zukunft, in der Umarmung des Erfolgs oder in einem Forum für radikale Autorenschaft? Vermutlich verfestigen beide für die Evaluierung des Mediums so prominenten Orte ihre Positionen genau in diesen Extremen.

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