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„Die Odyssee“ von Florence Miailhe im Kino: Ewige Fluchten

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Von: Daniel Kothenschulte

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Bruder und Schwester auf der Flucht. Foto: Grandfilm
Bruder und Schwester auf der Flucht. © Grandfilm

Die Malerin und Animationsfilmerin Florence Miailhe hat mit ihrem Flüchtlingsepos „Die Odyssee“ Filmgeschichte geschrieben. Es könnte aktueller nicht sein.

Der künstlerische Animationsfilm ist die aufwändigste Kunstform, die es gibt. Fast alle abendfüllenden Zeichentrickfilme sind deshalb Industrieprodukte; nur ganz selten kann man in die künstlerische Vision eines einzelnen Menschen in dieser Länge eintauchen. Und wenn dann doch einmal jemand Jahre seines Lebens hergibt, um zehntausende Bilder zu malen, damit ein großes daraus wird, ist da auch immer eine andere Frage: Welche Geschichte ist groß genug, tief genug und reich genug für diese Liebesmühe?

Die Französin Florence Miailhe, eine der namhaftesten Künstlerinnen dieses Mediums, eine Pionierin malerischer Tricktechniken, hat erst mit 65 Jahren ihren ersten Langfilm fertiggestellt. Trotzdem scheint sie die Geschichte für „Die Odyssee“ stets im Kopf gehabt zu haben, bis sie schließlich auf die Leinwand drängte.

Inspiriert von der Fluchterfahrung ihrer Großmutter aus der Ukraine, die während der gescheiterten Revolution von 1905 aus Odessa fliehen musste, ist sie aktueller denn je. Doch es ist nicht nur die Geschichte eines Mädchens namens Kyona und seines Bruders Adriel, die bald ihre Eltern auf der Flucht vor brandschatzenden Soldaten verlieren.

Es ist ein filmisches Poem über die epische Dimension von Flucht und Vertreibung; allgemeingültig genug, um den Menschheitsfluch zu erfassen und individualistisch genug, um die Einzigartigkeit eines jeden Opfers zu repräsentieren. Angesiedelt irgendwo in Europa, bleibt in diesem Film doch jede konkrete ethnische oder geographische Zuordnung offen, und dennoch erkennt man sofort die Genozide, die Massenmorde und Vertreibungen der Gegenwart und des vergangenen Jahrhunderts darin wieder. Dabei entstehen Bilder von größter Wahrhaftigkeit.

Wie ist das nur möglich? Letztlich mit den Werkzeugen von Picassos Meisterwerken „Guernica“ und „Krieg und Frieden“: Mit dem Reichtum der Malerei, der Virtuosität der Pinselführung, die jeden Menschen in seiner Eigenständigkeit erfasst und sei es in Ölskizzen für den Bruchteil einer Sekunde. Und durch ein einzigartiges Farbgefühl, das gleich ganze Kulturtraditionen mitschwingen lässt, die nächtlichen Visionen Marc Chagalls oder die immer wieder überraschenden Farbakkorde von Matisse.

Anpassung ist der Preis

Seine Heiterkeit verwandelt die Künstlerin freilich in einen trügerischen Kontrapunkt: Verkauft von einem Fluchthelfer, landen die Geschwister in der Villa eines reichen Paares. Der Preis für ihre Adoption ist die bedingungslose Anpassung. So entfliehen sie dem vergifteten Paradies, retten sich in einen verbotenen, verschneiten Wald. Das Mädchen findet Unterschlupf in der Hütte einer alten Frau, die selbst einmal geflohen ist und – von den Besatzern als Hexe gefürchtet – eine mythische Außenseiterexistenz verkörpert. Bei einem Wanderzirkus begegnen sich die Geschwister wieder, hier dürfen die bunten Farben endlich auch bedeuten, was sie ausstrahlen: Die Vielfalt der Entfaltung. Doch auch die Narrenfreiheit kommt nicht ohne Preisschild; die Währung ist der Flirt mit den Soldaten, was die jungen Teenager zu weiteren Fluchtstationen drängt.

Florence Miailhe wurde bekannt mit Kurzfilmen nach Märchen aus Tausendundeiner Nacht, „Scheherazade“ (1995) und „Histoire d’un prince devenu borgne et mendiant“ (1996). Nun schlüpft sie in Gestalt ihres filmischen Alter egos, der jungen Flüchtenden, in die Rolle einer Märchenerzählerin, die schreckliche Wahrheiten in erhabene Poesie verwebt.

Ihr Skizzenbuch bildet das Fundament der Geschichten und fungiert zugleich als Mittel der Verständigung mit ihren Fluchtgefährtinnen und -gefährten (die Sprecherinnen der Hauptrolle sind im Original Emilie Lan Dürr und in der deutschen Fassung Derya Flechtner und später Hanna Schygulla). In Verbindung mit der episodischen Erzählstruktur erinnert der Film auch an das gemalte Bildertheater der von den Nazis ermordeten jungen Künstlerin Charlotte Salomon.

Wenn man über ein Kunstwerk sagt, es könne nicht aktueller erscheinen, ist das oft ein zwiespältiges Kompliment. Wie grausam muss sich die Aktualität der Leidensgeschichte ihrer ukrainischen Großmutter wohl für die Künstlerin selbst anfühlen. Aber ja, dies ist der Film der Stunde, gerade weil er der Flut der Nachrichtenbilder mit den Mitteln der Kunst entgegentritt. Aktuell aber ist das falsche Wort, dieser Film ist so zeitlos wie es große Kunst nur sein kann.

Die Odyssee. Animationsfilm.

Frankreich 2021. Regie: Florence Miailhe. 74 Min.

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