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Demonstration der identitären Bewegung, die als Jugendorganisation der Neuen Rechten gilt.
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Demonstration der identitären Bewegung, die als Jugendorganisation der Neuen Rechten gilt.

TV-Kritik

„Die Neue Rechte – Der Wahn vom homogenen Volk“ (3sat): Gestrige Ideen neu eingekleidet

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Ein Themenabend auf 3sat widmet sich der Neuen Rechten und ihren historischen Vorbildern.

Ein im Kulturjournalismus nicht unbekanntes Phänomen ist der Kritikerennui. Zwangsläufig wiederholen sich mit der Zeit gewisse Formen und Inhalte. Reprisen und Reminiszenzen liegen in der Natur der Sache. Es kommt dann schon mal, sei es aus einer spontanen Stimmungslage oder grundsätzlichen Haltung heraus, zu Gereiztheiten. Der Überdruss gerinnt zu Sätzen wie „das kennt man schon alles“, „das weiß man doch“. Dabei bleibt außer Acht, dass diese Diagnose nicht zwingend auf alle Kulturinteressierten zutrifft. Und es wachsen Generationen nach, die auch einen Anspruch auf Informationsvermittlung haben.

Dies gilt in besonderem Maße für politische Themen, die bedeutenden Einfluss auf die Gesellschaft nehmen können. Wenn also am vergangenen Mittwoch im ZDF die Reportage „ZDFzoom: Angriff von rechts – Wie Demokratiefeinde um Einfluss kämpfen“ zu sehen war und in dieser Woche 3sat einen kleinen Schwerpunkt zum selben Thema setzt, dann ist das kein Überangebot, sondern nur zu begrüßen, zumal in den Beiträgen unterschiedliche Aspekte verhandelt werden.

„Die Neue Rechte“ (3sat): Unseliges Gedankengut mit langer Vorgeschichte

Die Autorin Nadja Kölling geht in ihrem fünfundvierzigminütigen Dokumentarfilm „Die Neue Rechte“ (3sat) auf die geschichtliche Entwicklung dieser demokratiefeindlichen ideologischen Richtung ein, die sich in den letzten Jahren unter anderem Flüchtlingsnot und Pandemieängste zunutze gemacht hat, um lautstark aufzutrumpfen und um Zulauf zu werben.

Entsprechendes Gedankengut und einschlägige Strategien finden sich bereits bei dem 1920 geborenen Schweizer Armin Mohler, der sich dem Dienst in der heimischen Armee entzog, stattdessen illegal nach Deutschland einreiste, um sich der SS anzuschließen. Er durchlief eine völkische Schulung und studierte hernach Kunstgeschichte und Philosophie. Für seine wissenschaftlichen Maßstäben kaum genügende Dissertation ersann er eine deutsche rechtskonservative Bewegung, die angeblich trotz verwandter ideologischer Positionen stets Abstand zu den Nationalsozialisten gewahrt habe, eine Fama, der er im Alter selber widersprach.

Mohler war ursprünglich Anhänger des Publizisten Ernst Jünger, der ihn zu seinem Privatsekretär kürte. Jünger verachtete den Parlamentarismus und verklärte den Krieg, lehnte aber Hitler und seine Bande aus snobistisch-ästhetischen Gründen ab.

„Die Neue Rechte“ (3sat): Korrespondent im rechten Spektrum

Nachdem er sich mit Jünger überworfen hatte, wurde Armin Mohler Korrespondent in Paris und berichtete unter anderem für die deutschen Blätter „Zeit“ und „Christ und Welt“. Auch in Frankreich suchte und fand er Kontakt zu Vertretern eines rechts außen angesiedelten Weltbildes und blieb diesen Kreisen verbunden, als er in der Bundesrepublik ansässig und Redenschreiber des CSU-Politikers Franz Josef Strauß wurde. Als Publizist schrieb er unter anderem für die „Welt“ und die umstrittene „Deutsche National-Zeitung“.

Informationen zur Sendung

„Die Neue Rechte – Der Wahn vom homogenen Volk“, Mittwoch 05.05.2021, 3sat, 20:15 Uhr

Nadja Kölling verfolgt Mohlers Weg durch die rechtskonservativen, nationalistischen, demokratiefeindlichen Strömungen der nächsten Jahrzehnte, zeigt Verbindungen auf, nennt die ideologischen Quellen, die noch die Denkungsart heutiger Akteure bestimmen. Der Staffelstab wurde direkt weitergereicht: Als Mohler 2003 verstarb, hielt der rechte Ideologe und Verleger Götz Kubitschek die Grabrede. Womit wir in der Gegenwart wären, bei Aufmärschen, bei denen Kubitschek im Bunde mit dem AfD-Rechtspopulisten Björn Höcke und mit Martin Sellner von der österreichischen Identitären Bewegung agiert.

„Die Neue Rechte“ (3sat): Rechte Umstürzler im Aufwind

Die Dokumentation „Die Neue Rechte“ (3sat) schärft den Blick für die Erben Mohlers, die an seine radikalen, auch gegen konservative Demokraten und gegen das Christentum gerichteten Positionen anknüpfen und seinen strategischen Überlegungen folgen, um im gesellschaftlich-politischen Rahmen auf sich aufmerksam zu machen und Einfluss auf öffentliche Diskurse zu nehmen. Die gestrigen Ideologeme bekommen eine moderne, teils jugendaffine Anmutung und lassen sich heute dank digitaler Verbreitungswege breit wie auch sehr gezielt streuen.

Es ist leichter geworden für rechte Umstürzler, seit Verschwörungsunternehmer, Polit-Mystiker und Sonderlinge in die Öffentlichkeit drängen, mit abseitigen Ideen und billigen Lösungen für komplexe Probleme aufwarten und dabei den Schulterschluss mit extremen Demokratiegegnern und deren Verharmlosung nicht scheuen. Paradox genug: Diese bunt gescheckten Protestgruppen beklagen irrational die angeblich über Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie schleichend eingeführte Diktatur und tun sich ausgerechnet mit Zirkeln zusammen, die die Demokratie und nebenbei auch publizistische Medien wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit allen Mitteln abschaffen und ein autoritäres Regime etablieren möchten. Sie führen das Wort „Freiheit“ im Munde und betreiben das Gegenteil.

Im Anschluss an den Dokumentarfilm folgt der „3sat Thema Talk“ zur Frage „Was ist rechts?“ mit dem Philosophen und Historiker Jan-Werner Müller, der Journalistin Solmaz Khorsand und dem Publizisten und Kulturwissenschaftler Alexander Kissler. Die Gesprächsleitung hat Vivian Perkovic. (Harald Keller)

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