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„Die Magnetischen“ im Kino: Verheddert in Mixtapes

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Von: Daniel Kothenschulte

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Marie Colomb als Marianne, Joseph Olivennes als Jerome (M.) und Thimotee Robart als Philippe.
Marie Colomb als Marianne, Joseph Olivennes als Jerome (M.) und Thimotee Robart als Philippe. © dpa

Der hinreißende Coming-of-Age-Film „Die Magnetischen“ von Vincent Cardona blickt zurück auf die überbordende Kreativität der Post-Punk-Ära.

Ist man schon ein Kulturpessimist, wenn man sich nach der Kellerkultur der frühen 80er Jahre zurücksehnt? Nach Postpunk, Garagenbands, Fanzine- und Plakatdruckereien? An freie Radios, Video- und 16mm-Gruppen, an Mail Art, Kunsthappenings und Partys, bei denen es wirklich um die Musik ging, die man hörte? Kreativität war kein Thema, aber allgegenwärtig. Der Drang, sich auszudrücken ein billiger Rohstoff wie das Bier. Nichts gegen die digitale Jugendkultur heute – doch wo früher Anarchie war, herrscht jetzt Professionalität.

Der französische Filmemacher Vincent Maël Cardona wurde in der Zeit, die sein Debütfilm „Die Magnetischen“ lebendig werden lässt, gerade erst geboren. So vernebelt hier nicht die Nostalgie eines Dabeigewesenen den Blick. Eher ist es umgekehrt: Seine Neugier auf die analogen Wunder ist der lustvolle Gegenpol zu einer herzzerreißenden Coming-of-Age-Geschichte, die sich sonst vielleicht in Melancholie verlieren würde.

In einem Dachboden-Radiostudio begegnen wir dem Teenager Jerome am Mikrofon. Joseph Olivennes, der Sohn von Kristin Scott Thomas, spielt ihn mit der Anmut des feinsinnigen Stubenhockers. Die Erzählung, die wir hören, ist an seinen Bruder gerichtet, seinem Partner bei dem Underground-Projekt, das sie „Radio Warschau“ nennen.

Sie könnten verschiedener kaum sein, der sensible Klangtüftler, der Audiokassetten zu Endlosschleifen und Geräusche zu Klanglandschaften verklebt. Und der aufbrausende Philippe, gespielt von Thimotée Robart, einem Typen wie Sean Penn. Dem scheint seine unverkrampfte Präsenz am Mikrofon so wenig zu bedeuten wie seine Freundin. Dafür denkt Jerome an kaum noch etwas anderes als an Marianne.

Verrauschte Liebesbotschaft

Als er zum Wehrdienst eingezogen und für ein Jahr nach Berlin geschickt wird, tauschen sie Mixtapes aus. Marianne hat ihm Songs von Nina Hagen und anderen Berliner Bands aufgenommen und am Ende etwas auf das Band gehaucht: „Ich küsse dich auf den Hals, das dürfen wir doch.“

So minimalistisch-präzise, wie der Filmemacher zuerst das dörfliche Umfeld der Jugendlichen in der Bretagne gezeichnet hat, malt er nun das Berlin der Vorwendezeit mit verführerischen grauen Schatten. Wie selbstverständlich taucht seine Kamera mit Jerome in eine Party im Osten ein, wo der sogenannte Magnetbanduntergrund gerade seine Blütezeit erlebt. Ansonsten bestimmen Joy Division, Gang of Four oder Iggy Popps „The Passenger“ den Soundtrack. Um zu seiner Marianne durchzudringen, kapert er die Radiosendung des britischen Armeesenders BFBS. Zum Erstaunen des freundlichen Moderators, einem Veteranen der Rock’n’Roll-Zeit, baut er aus Bandschleifen, Kassetten und manipulierten Plattentellern in Sekunden eine Klangskulptur. Marianne, die diese Übertragung auf verrauschter Langwelle verfolgt, kann darin ihre Stimme wiederfinden.

Auf Erfüllung hoffen kann die beidseitige Schwärmerei kaum – zumal auch noch Jeromes Liebe zum lebensuntüchtigen Bruder dagegenstünde. Bei einem Heimaturlaub vermischen sich die unvereinbaren Gefühle zu einer gespenstischen Achterbahnfahrt.

Nicht nur für die hier gefeierte frühe DJ-Culture und experimentelle Tape-Szene ist Montage alles: Es ist auch die Essenz des Kinos, und hier liegt die eigentliche Meisterschaft von Vincent Cardona und seiner Editorin Flora Volpelière: In ihrem lyrischen Erzählstil haben sie sich die Tonbandcollagen zum Vorbild genommen. Alles ist im Fluss – und hat doch unverrückbar seinen Platz. Die Erzählung an den Bruder ist dabei das einzige etwas konventionelle Element, aber auch das wirkt nie, um im Bild zu bleiben, übersteuert. Behutsam schichtet der Debütregisseur wie in einer audiovisuellen Skulptur Gefühl auf Gefühl – mit einer bemerkenswerten Sicherheit.

Fast alle Coming-of-Age-Filme, die etwas bedeuten, erzählen von jenen Augenblicken im Erwachsenwerden, in denen Glück und Verlust zusammenfallen. Man erlebt etwas, das man noch nie erlebt hat – die überraschende Liebe eines anderen Menschen zum Beispiel – und weiß doch, dass alles drum herum mit dem Ende der Schulzeit dem Untergang geweiht ist.

Musik spielt dabei eine entscheidende Rolle – Songs sind in dieser Lebensphase die beste Orientierung. Außer dem Kino natürlich, aber das ist selten mit dem richtigen Film zur Stelle, wenn man ihn gerade braucht. Was könnte man als Teenager von ihm lernen. Aber er funktioniert in beide Richtungen: Als Ausblick in eine hoffentlich selbstbestimmte Erwachsenenwelt. Und für die Älteren als Rückblick in eine verdammt kreative Zeit.

Die Magnetischen . F 2021. Regie: Vincent Maël Cardona. 98 Min.

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