Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Vergeblich hat Lederstrumpf (Hellmut Lange) Hetty Hutter gesucht, die ihren Vater aus der Gefangenschaft der Irokesen befreien will. Lederstrumpf,1969
+
Vergeblich hat Lederstrumpf (Hellmut Lange) Hetty Hutter gesucht, die ihren Vater aus der Gefangenschaft der Irokesen befreien will.

ZDF-Vierteiler

„Die Lederstrumpferzählungen“ (3sat): Authentischer als Winnetou

  • Marc Hairapetian
    VonMarc Hairapetian
    schließen

3sat zeigt am 5. Januar 2022 ungekürzt den legendären ZDF-Vierteiler „Die Lederstrumpferzählungen“.

Frankfurt - Die Szene schrieb Fernsehgeschichte: Natty Bumppo (Hellmut Lange), von seinen Freunden Wildtöter oder aufgrund seiner Kleidung schlicht Lederstrumpf genannt, von seinen Feinden aber wegen seiner sicheren Hand und seinem scharfen Blick ehrfürchtig Falkenauge bezeichnet, ist Gefangener im Lager der Huronen. Doch Häuptling Rivenoak (Colea Răutu) bietet ihm an, sich seinem Stamm anzuschließen, indem er die Frau eines von ihm in Notwehr getöteten Kriegers heiratet. Als Wildtöter das Ansinnen mehrfach ablehnt, verkündet „Die gespaltene Eiche“, dass er am Marterpfahl sterben soll. Der Stamm ist aber schon jetzt derart gereizt, dass die Messer aufblitzen.

Dem nicht genug: Einer der Huronen beleidigt ihn als „Kojote“, „räudigen Hund“ und „Feigling“: „Er hört nur von Martern reden und schon klemmt er den Schwanz ein!“ Das lässt der Westmann nicht auf sich sitzen: „Seht ihn euch an Mingos! Das Maul ist größer als der ganze Krieger! Pass nur auf, dass du dich eines Tages nicht selbst herunterschluckst!“ Außer sich vor Wut schleudert der Krieger seinen Tomahawk gegen ihn, doch Bumppo fängt ihn geschickt auf und wirft ihn mit voller Wucht zurück, so dass er sich in die Stirn seines Gegners bohrt! Im allgemeinen Tumult gelingt es ihm zu fliehen, nur um wenig später doch noch am Marterpfahl zu landen …

„Die Lederstrumpferzählungen“ auf 3sat: Hellmut Lange war nicht erste Wahl

Die Sequenz mit der aufgefangenen Streitaxt und der tödlichen Wurf-Erwiderung ist mit einem rasanten Schwenk von Kameramann André Zarra so geschickt wie in einer einzigen Bewegung gedreht, dass man nur in extremer Zeitlupe einen kleinen Schnitt sieht. Am Ersten Weihnachtstag 1969, wo „Der Wildtöter“ (Regie: Pierre Gaspard-Huit, Jean Dréville und - ungenannt - Sergiu Nicolaescu), der erste Teil der deutsch-französisch-rumänisch-österreichischen Gemeinschaftsarbeit „Lederstrumpferzählungen“ (französischer Titel: „La Légende de Bas de cuir“) im ZDF erstausgestrahlt wurde, gab es freilich noch keinen Video- oder Festplattenrecorder, geschweige denn ein Smart-TV-Gerät, mit Stoppfunktion, Vor- und Zurückspulen, verlangsamten Abspielen oder Zeitraffer. Der Eindruck muss für den verblüfften Fernsehzuschauer also trotz technischen Fortschritts im Jahr der ersten bemannten Mondlandung überwältigend gewesen sein.

Hellmut Lange, der- trotz anderer Serienerfolge wie „John Klings Abenteuer“ (1965) - bis zu seinem Tod im Jahr 2011 immer wieder auf seine Paraderolle angesprochen wurde, war erstaunlicher Weise nicht erste Wahl. Eigentlich sollte der ebenfalls äußerst sportliche und hochgewachsene Rüdiger Bahr den Lederstumpf spielen. Doch der damals 29-jährige war dem deutschen Co-Produzenten Walter Ulbrich dann doch zu jung. In den fünf Romanen von James Fenimore Cooper (15. September 1789 in Burlington, New Jersey als James Cooper - 14. September 1851 in Cooperstown, New York) durchläuft Bumppo eine Zeitspanne von über 60 Jahren. So ist er in „The Deerslayer, or The First War Path“ (1841; deutscher Titel: „Der Wildtöter“, ebenfalls 1841) erst 18 und in dem paradoxer Weise vorher veröffentlichten Band „The Prairie: A Tale“ (1827; „Die Steppe“, 1828) bereits ein 80-jähriger Fallensteller mit seinem Hund Hector. Deswegen entschied sich Ulbrich im letzten Moment für den 45-jährigen Hellmut Lange, der mit seinem von Pockennarben und Schmissen durchzogenen Gesicht für ihn einheitlicher den weißen Grenzer in den Indianer-Gebieten darstellen konnte. 

Bahr nahm es Ulbrich nicht krumm. Und dieser versprach ihm für einen anderen Stoff die Hauptrolle und hielt auch Wort: 1975 verkörperte der spätere Al-Bundy-Synchronsprecher den Protagonisten Elam Harnish in der ebenfalls vierteiligen Jack-London-Adaption „Lockruf des Goldes“, der seinerzeit teuersten europäischen Fernsehproduktion, als einen wagemutigen Romantiker, der das ganze Leben als eine Art Spiel betrachtet, ungeheure Reichtümer anhäuft und sie dann wieder verliert.

Chingachgook (Pierre Massimi, l.) und Lederstrumpf (Hellmut Lange, Mi.) freuen sich, als Cora (Loumi Iacobesco) Unkas (David Alexandru) für ihre Rettung dankt.

Wie Hellmut Lange die Dreharbeiten für „Die Lederstrumpferzählungen“ erlebte

Hellmut Lange erlebte sein „Klondike-Feeling“ hingegen bereits zur Zeit des Prager Frühlings im nicht all zu weit entfernten Rumänien, wo „Die Lederstrumpferzählungen“ gefilmt wurden. Dem Verfasser dieser Zeilen klagte er beim Interview im Jahr 1998 sein Leid über die strapaziösen Dreharbeiten, für die er die geradezu lächerlich geringe Summe von 30.000 Deutschen Mark erhielt: „Vor allem die Sequenz am Marterpfahl war eine wirkliche Folter für mich. Nicht wegen der Tomahawks und Pfeile, die knapp neben meinem Kopf in den Stamm eindrangen, sondern, weil ich im dünnen Lederkostüm bei der Kälte so fror. Und der rumänische Stab zitterte vor dem Ceaușescu-Regime! Auch die Unterkünfte, wo wir in der Ära des realexistierenden Sozialismus untergebracht waren, konnte man kaum als Hotels bezeichnen.“

Doch Lange stand seinen Mann, obwohl er sich mit einigen der französischen Schauspieler-Kollegen nicht vertrug: Patrick Peuvion war ihm getreu der Rolle seines temporären Wegbegleiters Harry March, der, um sich bei den englischen Kolonialisten etwas dazu zu verdienen, hinter den Skalps der mit den Franzosen verbündeten Huronen her ist, auch privat „zu einfältig“. Und mit seinem „Blutsbruder“ Pierre Massimi (deutsche Synchro: Norbert Gastell), der Chingachgook nach dem Motto „In der Ruhe liegt die Kraft“ anlegte, verband ihn nach Drehschluss ebenfalls nicht die große Freundschaft.

RolleDarsteller:in
LederstrumpfHellmut Lange
ChingachgookPierre Massimi
Judith HutterSophie Agacinski
Hetty HutterCarola Wied
Harry MarchPatrick Peuvion
UnkasDavid Alexandru
CoraLoumi Iacobesco
Oberst MunroOtto Ambros
MabelJuliette Villard
Major DunhamDaniel Crohem
JasperChristian Duroc
Miles FormanHelmuth Schneider
Ellen WadeCatherine Jourdan
Paul HoyerRobert Benoit

„Die Lederstrumpferzählungen“: Glaubwürdiger als bei Winnetou und Old Shatterhand

In den insgesamt 350 Filmminuten ist die Annäherung zwischen Rot und Weiß dennoch glaubwürdiger als bei Winnetou und Old Shatterhand, denn James Fenimore Cooper ist eben nicht Karl May. Besser kam die deutsche Antwort auf Yves Montand, die noch in vier Hörspielen von und mit Kornrad Halver (zwei 1970 für das „EUROPA“-Label der Miller International, zwei andere 1975 für „PEG“ im Vertrieb der BASF) den Lederstrumpf einfühlsam sprach, mit dem Kreativ-Team hinter der Kamera aus. Von der Kostümabteilung, den Filmarchitekten und den exzellenten rumänischen Kaskadeuren schwärmte Lange noch 30 Jahre nach dem Dreh. Und ihm gefiel im Vorspann der originale Indianer-Gesang: „Italo-Western-Klänge eines Ennio Morricone hätten nicht zu Lederstrumpf und Chingachgook gepasst!“

Durch die literarischen Qualitäten der Originalvorlagen konnte der Bildungsauftrag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gar nicht verfehlt werden! Für Produzent und Drehbuchautor Walter Ulbrich, der mit seiner DEROPA Film und Fernseh GmbH, aus der später die Tele München hervorging, zum „Vater der legendären ZDF-Abenteuervierteiler von 1964 bis 1983“ avancierte, war Werktreue kein leerer Wahn. Wie kein anderer Filmemacher konnte der stets auch Schnitt und Synchronisation überwachende Kontrollfreak Werke der Weltliteratur für die Mattscheibe einrichten. Einerseits übernahm er im Off-Kommentar (den Erzähler-Part vertraute er diesmal Holger Hagen, der deutschen Synchronstimme von Richard Burton, an) wortgenau ganze Absätze Coopers, andererseits ließ er sich künstlerische Freiheiten nicht nehmen. Da das ZDF als Auftraggeber einen fünften Teil nicht genehmigte, machte er aus den fünf „Lederstrumpf-Romanen“ Coopers vier Episoden, indem er „The Pathfinder, or The Inland Sea“ (1840; „Der Pfadfinder“, 1840) und „The Pioneers, or the Sources of the Susquehanna“ (1823; „Die Ansiedler oder die Quellen des Susquehanna“, 1824) zu der Folge „Das Fort am Biberfluss“ (Regie: Jean Dréville und wieder ungenannt Sergiu Nicolaescu) zusammenfasste. Sie wurde im Anschluss von „Der Wildtöter“ und „Der letzte Mohikaner“ (Regie: Jean Dréville) im Fernsehen ausgestrahlt.

Lederstrumpf (Hellmut Lange, r.) und Chingachgook (Pierre Massimi, Mi.) haben Mabel (Juliette Villard), die Tochter von Major Dunham, im letzten Augenblick vor den Sioux gerettet.

Der Alterungsprozess von Bumppo wird bei Lange nur mit grau gefärbten Haarsträhnen angedeutet. Seine Zivilisationsmüdigkeit ist allerdings erhalten geblieben: Die Geschichte beginnt mit einem Streit zwischen ihm und dem Richter Marmaduke Temple um den Besitz eines frisch erlegten Hirsches. Im folgenden Handlungsverlauf bei Cooper treten jedoch beide, jeder auf seine Weise, gegen die rücksichtslose Ausbeutung der Natur durch die Siedler ein. Bei Ulbrich kommt Natty ins Gefängnis, wird aber von Chingachgook befreit. Gemeinsam ziehen sie dann weiter und erleben neue Abenteuer. Anders als in „Der Pfadfinder“ verliebt sich Lange/Lederstrumpf heimlich in Mabel Dunham, die von der bezaubernden, 1971 mit nur 28 Jahren an Leukämie verstorbenen Juliette Villard gespielt wird. Er stellt sich aber schon bei einem Tanzball äußerst linkisch an und räumt schnell das Feld für den jüngeren Jasper Western (Christian Duroc), der bei Ulbrich vom Binnenkapitän zum Landoffizier umfunktioniert wird.

„Die Lederstrumpferzählungen“: Zweiter Teil ist der kostbarste der vier Filmschätze

Der zweite TV-Teil „Der letzte Mohikaner“, basiert auf dem berühmtesten Roman Coopers („The Last of the Mohicans. A Narrative of 1757.“, Erstveröffentlichung in den USA und Deutschland 1826). Er ist unter den vier Filmschätzen der kostbarste. Jean Dréville inszenierte ihn naturalistisch hart mit dem überragenden iranischen Akteur Ali Raffi als gut aussehender, aber finsterer und von Hass verblendeter Huronen-Anführer Magua. Die Romanze zwischen Chingachgooks introvertierten Sohn Uncas (Alexandru David) und der erstaunlich emanzipierten Oberst-Tochter Cora Munro (Loumi Iacobesco) wird nur angedeutet.

Nat Bumppo (Hellmut Lange, M.) Chingachgook (Pierre Massimi, 2.v.l.) und Paul Hover (Robert Benoit, l.) nehmen eine Einladung der Pawnees zu einem großen Fest an.

Eine atemberaubende Kamera-Kreisbewegung von André Zarra, die die beiden im Dialog einfängt, zeigt einerseits eine vertraute Intimität, anderseits aber auch die nicht damals nicht so einfach zu überwindenden ethnisch-sozialen Unterschiede. Das ist jedenfalls unendlich anrührender, als wenn in Michael Manns 1992er-Verfilmung Daniel Day-Lewis in der Rolle des Falkenauge Cora Munro (Madeleine Stowe) vor einem Wasserfall trotz heranrückender feindlicher Huronen in seine Arme schließt. „Wenn der Tod anfängt, hört die Lüge auf“, sagt ein sterbender Mingo zu Lederstrumpf Lange in „Der Wildtöter“. Solche Dialogzeilen vermisst man in sämtlichen Neuverfilmungen von Coopers Pioniersaga. Genauso wie die ökologische Botschaft mit der Abholzung ganzer Wälder in dem Schlussteil „Die Prärie“ (Regie: Pierre Gaspard-Huit), die Walter Ulbrich neben dem Genozid an den Ureinwohnern (Nord-)Amerikas so am Herzen lag.

Die „Lederstrumpferzählungen“ waren nach „Die seltsamen und einzigartigen Abenteuer des Robinson Crusoe aus York, berichtet von ihm selbst“ (1964), „Die Geschichte des Don Quijote von der Mancha“ (1965), „Die Schatzinsel“ (1966) und „Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“ (1968) ein weiterer Meilenstein der kongenialen Co-Produktion vom im Metz geboren Deutschen Walter Ulbrich und dem Franzosen rumänischer Herkunft Henri Deutschmeister. Es war aber auch ein Endpunkt, denn der Chef der Franco London starb noch vor der TV-Ausstrahlung am 20. Februar 1969 im Alter von 67 Jahren. Fortan musste Ulbrich sich andere Geschäftspartner suchen.

„Die Lederstrumpferzählungen“

Vier Teile, Mittwoch, 5. Januar 2022, 3sat, ab 11.35 Uhr. Auch in der Mediathek abrufbar.

Er fand sie: 1971 drehte er ebenfalls in Rumänien „Der Seewolf“, dem bis heute besten aller Vierteiler. Erst nach „Der Mann von Suez“ (1983) ließ ihn das ZDF fallen, weil die Zeit der klassischen Abenteuergeschichten vorbei wäre, wie man ihm sagte. Das machte dem Mann, der die Weltliteratur in bewegten Bildern in hiesige Wohnzimmer brachte, schwer zu schaffen. Zurückgezogen starb er am 13. November 1991 im Alter von 81 Jahren in Unterpfaffenhofen. Doch auch nach Jahrzehnten erinnert man sich an seine TV-Klassiker und zeigt sie als letztes Lagerfeuer für Jung und Alt immer noch: so heute ungekürzt auf 3sat. (Marc Hairapetian)

Unser Autor Marc Hairapetian hat das Kapitel „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ über die Hörspiel-Adaptionen der Abenteuer-Vierteiler im ZDF in der zweiten Auflage des Bildbandes „Seewolf und Co.“ (Oliver Kellner/Ulf Marek, Schwarzkopf und Schwarzkopf, Berlin 2005, Euro 29.80) verfasst.

:

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare