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„Die Bürgermeisterin“ (ZDF): Die Vergiftung des politischen Klimas

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Von: Harald Keller

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Die Bürgermeisterin im ZDF
Claudia Voss (Anna Schudt) realisiert, dass sie nichts gegen die rechte Demonstration in ihrer Stadt ausrichten kann. © Martin Rottenkolber/ZDF

Mit dem Fernsehfilm „Die Bürgermeisterin“ greift das ZDF ein brennendes Thema auf.

Frankfurt am Main – Die neuen Erzählformen der Streaming-Plattformen, so heißt es in einem wirr formulierten Beitrag zum letztjährigen „Jahrbuch Fernsehen“, versprechen „die Chance auf eine neue Weltsicht“. Keine schlechte Sache, über der Weltsicht sollte aber der Blick in die Nachbarschaft nicht vergessen werden. Vor allem das ZDF hat sich bereits mehrfach um diese Thematik bemüht, mit Serien wie „Deutscher“, „Schlafschafe“, „Doppelhaushälfte“. Alle sind in der ZDF-Mediathek noch abrufbar. Verhandelt werden dort der alltägliche Rassismus, die Ablehnung alles vermeintlich Fremden, das mähliche Einschleichen rechts-nationalistischer Positionen in ein kommunales Umfeld, bis über den Punkt hinaus, in dem Hass entsteht und in Gewalt umschlägt.

„Die Bürgermeisterin“ (ZDF): Undankbares Engagement

Aktuell griff auch die ZDF-Redaktion Fernsehspiel das Thema auf. Claudia Voss (Anna Schudt) ist ehrenamtliche Ortsbürgermeisterin in Neustadt-Linden. Sie kümmert sich um Kunstrasen für den Sportplatz, Baustellenplanung, das Unkraut auf dem Friedhof. Ehrenamtlich, engagiert und aufopferungsvoll. Wenn sie nach der Bürgersprechstunde zur Schreinerei ihres Mannes radelt, wo sie die Buchhaltung erledigt und Angebote schreibt, dann weiß Peter Voss (Felix Klare) ohne groß zu fragen, dass sie nichts gegessen hat.

Abends sitzt sie oft noch über Verwaltungsangelegenheiten wie dem Finanzierungskonzept fürs neue Ärztehaus, meist mit ihrem Vorgänger Gerhard Zöllner (Uwe Preuss), der ihr beratend zur Seite steht.

Erst kommt ihr nur das Gerücht zu Ohren, dann wird sie vor vollendete Tatsachen gestellt: in Neustadt-Linden soll ein Flüchtlingsheim eingerichtet werden. Der Ortsbeirat wurde nicht informiert, möglicherweise vorsätzlich, wie sich beim Gespräch mit dem Oberbürgermeister andeutet.

Veith Landauer (Alexander Beyer) ist Mitglied des Ortsbeirats, macht schon in der Sitzung Stimmung gegen die Unterbringung der Geflüchteten und trägt seine Ablehnung alsbald in die Öffentlichkeit, um mit einschlägigen Parolen politisch zu profitieren. Ein Sachprogramm kann er nicht bieten, wohl aber dumpfe Ressentiments. Voss bleibt optimistisch: „Das ist immer noch unser kleines Linden. Das fangen wir wieder ein.“

„Die Bürgermeisterin“ (ZDF): Das Bundeskriminalamt rät

Unzufriedenheiten, Unsicherheit, Minderwertigkeitsgefühle finden ein willkommenes Ventil. Der Unmut richtet sich gegen Claudia Voss, die für einen menschlichen Umgang mit den Geflüchteten plädiert hat. Landauer unterstellt ihr, das Flüchtlingsheim eingeworben zu haben. Er weiß, dass das nicht stimmt, aber das hindert ihn nicht, die anfangs nur glimmende Ablehnung zu schüren.

Und die richtet sich gegen Claudia Voss, bald auch gegen ihre Familie. Es gibt Hasskommentare im Web, spitze Bemerkungen – „Frau Bundeskanzlerin“ – beim Bäcker, obszöne Anrufe. Tochter Leonie (Jule Hermann) erhält einen Brief mit Fäkalien. Abgeschickt von Personen, die anderen Zivilisationsmängel und Barbarentum nachsagen. Aber Logik und Menschenverstand haben in diesem Klima keine Chance.

Es kommt soweit, dass das Bundeskriminalamt vorstellig wird und Schutzmaßnahmen empfiehlt: Rollläden, Feuerlöscher, Überwachungskameras. Kein Sport im Freien. Und vor jeder Autofahrt die Radmuttern prüfen.

Claudia Voss bleibt tapfer, aber nicht unberührt.

„Die Bürgermeisterin“ (ZDF): Erschütternde Bilanz

„Es ist so einfach, gegen was zu sein. Gegen alles zu sein“, sagt Claudia Voss einmal, und in Anna Schudts Interpretation der Figur klingen Sätze wie diese gar nicht schulmeisterlich. Der Drehbuchautor Magnus Vattrodt hat neunzig Minuten Sendezeit zur Verfügung. Zwangsläufig musste er verdichten, graduelle Prozesse beschleunigen. Trotzdem gelingt ihm und Regisseurin Christiane Balthasar ein gewisses Maß an Authentizität, in der Figurenzeichnung, ebenso in der Beschreibung bürgerlichen Zusammenlebens, der kommunalpolitischen Praxis.

Zur Sendung

„Die Bürgermeisterin“, Montag, 24.10.2022, 20:15 Uhr, ZDF und in der ZDF-Mediathek.

Figuren wie der Hassprediger Landauer, dessen Mitläufer, die jugendlichen Täter sind nicht aus der Luft gegriffen. Im Abspann liefern die Produzenten Zahlen: 57 Prozent aller deutschen Bürgermeister wurden 2021 beleidigt, bedroht und sogar tätlich angegriffen. Betroffen waren auch unbeteiligte Personen aus ihrem privaten Umfeld. In größeren Städten mussten sich 75 Prozent der Bürgermeister solcher Anfeindungen erwehren. Die Rede ist von Terror in des Wortes ureigenster Bedeutung. Nicht in dunkelromantischen Grusel- und Fantasy-Serien, sondern direkt in unserer Gesellschaft. Mit fatalen Folgen für das bürgerliche Engagement im kommunalpolitischen Rahmen.

Bevor man sich in „neuen Weltsichten“ verliert, sollte man sich, wie der Mainzer Sender mit diesem Beispiel, besser erst einmal intervenierend mit den alten befassen. (Harald Keller)

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