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„Die Ballade von der weißen Kuh“ im Kino: Stumpfes Prisma

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Von: Daniel Kothenschulte

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„Die Ballade von der weißen Kuh“: Die Witwe hat sich eingerichtet im Leben mit ihrer gehörlosen Tochter.
„Die Ballade von der weißen Kuh“: Die Witwe hat sich eingerichtet im Leben mit ihrer gehörlosen Tochter. © epd

Das Melodram „Die Ballade von der weißen Kuh“ widmet sich nur scheinbar kritisch der Todesstrafe im Iran.

Teheran – Gemessen an seiner Bevölkerungszahl ist der Iran das Land mit den meisten Hinrichtungen. Viele davon geschehen in aller Öffentlichkeit, verhängt nicht nur für Mord und Drogendelikte, sondern auch für Gotteslästerung, sogenannte politische Vergehen, Ehebruch oder Homosexualität. Tötungen durch den Staat sind buchstäblich an der Tagesordnung, da verwundert es nicht, dass sich auch das iranische Kino immer wieder diesem leider allzu alltäglichen Thema widmet. Die Haltung, die Filmschaffende dazu einnehmen, ist oft auch ein Gradmesser für ihre Positionierung gegenüber einem Regime, das auch Künstlerinnen und Künstler existenziell bedroht.

Nachdem der politisch verfolgte Autorenfilmer Mohammad Rasoulof mit seinem Meisterwerk „Doch das Böse gibt es nicht“ 2020 den Goldenen Bären der Berlinale gewann, war das Thema auch im Folgejahr wieder präsent. Die Berlinale hat keine Berührungsängste damit, auch regimefreundliche Werke aus Diktaturen einzuladen; „Die Ballade von der weißen Kuh“ ist dafür ein Beispiel. Und während andere offiziell exportierte Festivalfilme im eigenen Land unter Verschluss gehalten werden, stammte das Melodram von Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam bereits aus dem Aufgebot des Teheraner Fajr Festivals vom Vorjahr. Die Todesstrafe erscheint darin nur als Problem, wenn sie einen Unschuldigen trifft.

„Blutgeld“ als Entschädigung

Tatsächlich gerät das Leben der von Moghaddam selbst gespielten Protagonistin erst richtig aus den Fugen, als sie von der Unschuld ihres hingerichteten Ehemanns erfährt. Mit ihrer gehörlosen Tochter hat sie sich im Jahr nach dessen Tötung so gut es geht im Leben eingerichtet. Das Gericht bietet ihr eine finanzielle Entschädigung an, und der Schwiegervater drängt sehr darauf, dieses „Blutgeld“ zu reklamieren. Ihr selbst geht es dagegen um eine offizielle Rehabilitierung. Eine mysteriöse Wendung nimmt die Geschichte, als ihr auch noch ein angeblicher Freund des Toten unter die Arme greifen will. Tatsächlich handelt es sich bei dem vermeintlich guten Geist um den schuldgeplagten Richter Reza (Alirez Sanifar), der das Todesurteil mit gefällt hat.

Vielleicht könnte man diese Geschichte zu Beginn noch für eine fehlende Episode aus Rasoulofs kunstvoller Anthologie moralischer Verstrickungen halten, doch zu einer kritischen Haltung gegenüber der Todesstrafe selbst findet hier niemand. Es sind allein die irreversiblen Folgen eines Fehlurteils, die hier gleich mehrere Protagonisten in emotionale Nöte stürzen. Aber hätte eine liebende Ehefrau ihren Mann nicht auch als schuldig Hingerichteten ebenso betrauern müssen? Müsste sich ein gestandener Richter nicht mit der Realität von Fehlurteilen arrangieren? Natürlich ist die Haltung der Filmemacher zu einer inhumanen Rechtspraxis nicht die einzige Messlatte für ein anspruchsvolles Filmdrama.

Ballade von der weißen Kuh.

Iran 2020. Regie: Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam. 105 Min.

Ballade der weißen Kuh: Weist bekannte Qualitäten des iranischen Films auf

Tatsächlich fehlen auch hier nicht die Qualitäten, die iranische Familien- und Gesellschaftsdramen zu einem bei internationalen Festivals begehrten Markenprodukt gemacht haben: Es gibt exzellente Dialoge, hervorragende Schauspieler, psychologisch hochentwickelte Figuren und ein virtuoses Ausspielen von Plot-Twists, falschen Fährten und einem hoffentlich überraschenden zweiten Blick auf das Geschehen. Asghar Farhadi, ebenfalls ein auch im eigenen Land hochgeschätzter Regisseur, ist ein Meister in dieser Erzählkultur; doch von seiner Beobachtungsgabe sind diese deutlich konstruiert anmutenden Charaktere weit entfernt.

Spannender als alle Dilemmata, von denen dieser Film erzählt, ist die künstlerische Seite. Denn gerade wenn dem multiperspektivischen Erzählen die letzte kritische Perspektive fehlt, jene, die auch das System selbst mit hinterfragt, erscheint auch ein funkelnd geschliffenes Prisma plötzlich stumpf. (Daniel Kothenschulte)

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