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Levi Eisenblätter als Siggi Jepsen und Maria Dragus als seine Schwester Hilke.

Siegfried Lenz

„Deutschstunde“ im Kino: Ungemalte Bilder

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Christian Schwochow hat Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“ verfilmt – der an Nolde erinnernde Maler wird dabei zur Nebenfigur.

Wer heute Siegfried Lenz’ Roman „Deutschstunde“ verfilmt, berührt damit unwillkürlich auch eine aktuelle Debatte. Im vergangenen April trennte sich Angela Merkel von zwei Gemälden des Malers, der Lenz’ Romanfigur Max Ludwig Nansen maßgeblich inspiriert hatte: Emil Noldes Gemälde „Brecher“ und „Blumengarten in Alsen“, das erste schon seit Helmut Schmidts Zeiten eine Dauerleihgabe im Kanzleramt, wurden von ihr zurückgegeben. Seither wirkt die Kanzlerin, die beide Gemälde erklärtermaßen schätzte, vor einer weißen Wand.

Regisseur Joachim Schwochow hat Merkel dafür gegenüber der Deutschen Presseagentur kritisiert: „Wenn man Gemälde ohne Kommentar abhängt, entzieht man sich einer Debatte, wie man mit Künstlern umgeht, die große Kunst geschaffen haben, die sich aber moralisch falsch, politisch falsch verhalten haben und einen falschen Mythos aus sich gemacht haben.“

Ihm selbst sei es bei seinem Film freilich nicht um eine Nolde-Biografie gegangen: „Mir ging es um etwas ganz anderes: um das Schützen von Kunst, das Verbrennen von Kunst, die Rettung von Kunst. Wenn wir Nolde konkretisiert hätten, wäre das eine Geschichte von einem Kind zwischen zwei Nazis.“

Der Film

Deutschstunde. Regie: Christian Schwochow. D. 2019, 130 Min.

So hätte wohl auch Siegfried Lenz argumentiert, dessen in einem norddeutschen Küstendorf angesiedelter Romanhandlung Schwochow weitgehend folgt: In der frühen Nachkriegszeit erinnert sich der Jugendliche Siggi Jepsen in der Arrestzelle einer Besserungsanstalt an seine Kindheit. Aus dem Besinnungsaufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht“, den zu schreiben er sich außerstande gesehen hat, wird eine Auseinandersetzung mit der Anbindung nationalsozialistischer Ideologie an den Katalog der deutschen Tugenden. Kein Wunder, dass eine bedrohlich angerückte Schar von Psychiatern bald genug davon gehört hat. Die Geschichte, die dieser Film gleichwohl erzählt, müsse er wirklich nicht mehr zu Ende schreiben.

Unter dem Joch eines prügelnden Vaters, des von Ulrich Noethen gespielten Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen, wird der Zehnjährige zur Bespitzelung eines Freundes der Familie angesetzt. Heimlich schlägt sich der Junge auf die Seite des Opfers, des mit Malverbot belegten Künstlers Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti). Gnadenlos konfisziert der Vater auch die arglosesten Landschaftsbilder, derer er habhaft werden kann. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie sehen aus wie schlecht gemalte „Noldes“.

„Deutschstunde“: Regisseur Schwochow lässt den Roman ein Stück weit hinter sich

Sein Sohn beginnt heimlich damit, sie zu verstecken. In einem verlassenen Haus – offenbar lebten dort Opfer des Regimes – hat sich der Junge ein gruseliges Refugium eingerichtet und tote Tiere zu kleinen Leichenbergen aufgetürmt. Hier erweitert Schwochow, dessen Mutter Heide das Drehbuch schrieb, den Roman und lässt ihn zugleich ein Stück weit hinter sich. Je mehr sich sein Film dafür entscheidet, das Psychogramm eines traumatisierten Jugendlichen abzubilden, desto mehr gerät die Figur des Malers Nansen aus dem Blickfeld. Von Moretti mit fast überwirklicher Milde verkörpert, ist er weniger der typische Modernist als ein Repräsentant eines vormodernen Künstlerbildes – des Einsiedlers an der Grenze zum Heiligen. Das passt ganz gut zum Märtyrerbild des verfemten Künstlers, das Werner Haftmanns Biografie, die Siegfried Lenz studierte, ebenfalls bediente.

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Dass Emil Nolde, als Rassist, Antisemit und Nazi, diesem Bild in moralischer Hinsicht denkbar wenig entsprach, hindert Schwochow nicht daran, Parallelen zu seinem Werk zu betonen: Noldes Begriff der „ungemalten Bilder“ etwa, wenn Nansen seinem Häscher leere Blätter präsentiert, als wäre darauf etwas zu sehen.

Es gehört zu den Widersprüchen nationalsozialistischer Kunstauffassung, dass moderne Malerei verfemt wurde, die experimentelle Fotografie dagegen noch in Grenzen weiter existierte. Schwochow zitiert Ehrhardts Fotografie des Wattenmeers – der Film entstand in und um Nordstrand – und schneidet Restmaterialien seines experimentellen Dokumenarfilms „Urkräfte am Werk“ von 1938 direkt hinein, faszinierende, semi-abstrakte Sand- und Wasserformen.

„Deutschstunde“ ist eine visuell ambitionierte Literaturverfilmung

Tatsächlich sind die emotional aufgeladenen Landschaftsbilder das Stärkste an dieser visuell ambitionierten Literaturverfilmung. Das war schon einmal so, als Peter Beauvais 1971, nur drei Jahre nach seinem Erscheinen, Siegfried Lenz’ Roman zu einem Fernsehgroßereignis machte. 67 Tage hatte er damals in und um Niebüll gedreht. Ein „Tele-Geschenk an die deutsche Familie“ nannte der „Spiegel“ das Ergebnis. Schwochow vermeidet alles Anheimelnde.

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Dass es ihm dennoch wenig gelingt, die Künstlerfigur zu beleuchten, wird so freilich noch sichtbarer. Die Fokussierung auf den Jungen, sein an Teenie-Horror-Konventionen erinnerndes Refugium, wirkt wie eine Flucht in Genremuster, die auf den Stoff nicht passen. Wie reizvoll wäre es gewesen, Lenz in anderer Richtung zu revidieren und die Künstlerfigur auch um die dunkle Seite Noldes zu erweitern.

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