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Eine Familie rückt zusammen.

Tatort im Ersten

Tatort im Ersten: Alte Männer und ein funkelndes Dresden

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Der Dresden-Tatort „Nemesis“ muss sich einige komplizierten Volten abringen, spielt aber clever mit dem Gefühl, dass früher alles besser war.

Soll keiner sagen, dass man in Dresden nicht auf der Höhe der Zeit ist: Kaum fällt im Büro das Wort „Täter“, wird verbessert „Täter-in“, mit einer kleinen Pause vor dem „in“. „Mit Bindi?“, spottet da Oberkommissarin Karin Gorniak, Karin Hanczewski. Ja, mit gleichsam im Raum stehendem Bindestrich.

Allerdings sieht es – völlig unrealistische Mörderinnenquote im Tatort und Polizeiruf hin oder her – in diesem Krimi mit dem Titel „Nemesis“ doch eher nach Täter aus: Ein bekannter Gastronom ist in seinem Büro erschossen worden, nach „Mafiamanier“. Sein Restaurant könnte der Geldwäsche gedient haben. Aber ist das ein Grund, das Aushängeschild des Hauses, den „Szenekoch“ umzubringen? Noch dazu, da die Honoratioren der Stadt offenbar sehr gern bei Joachim Benda gegessen haben. Kommissariatsleiter Schnabel zum Beispiel, Martin Brambach, der es darum sogleich an professioneller Distanz vermissen lässt; überhaupt ist er seltsam emotional angefasst diesmal, wird gar theatralisch: „Dass Dresden einen solchen Mann verliert!“

Wer hat schon eine saubere Weste?

Keinen mit ganz sauberer Weste jedenfalls. Und vielleicht auch einen, der seine Frau Katharina (eine fabelhaft undurchsichtige Britta Hammelstein) misshandelt hat, möglicherweise auch seine beiden Kinder. Die Ehefrau allerdings berichtet von einem Überfall zweier Maskierter einige Tage vor dem Mord, von Drohungen, Erpressung, Schlägen; daher kämen alle Verletzungen, auch die blauen Flecken ihres Mannes, die der Pathologe findet. Der jüngere Sohn hatte die Polizei gerufen, die Mutter an der Türe versucht, die Beamten sofort wieder wegzuschicken. Bzw. hatte ihnen eine Szene gemacht. Bzw. war regelrecht ausgeflippt. Man brachte sie in eine Klinik, wo sie dann gleich die Beherrschung in Person war.

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Oberkommissarin Leonie Winkler, Cornelia Gröschel kalt wie eine Hundeschnauze, wittert, dass an dieser Geschichte etwas nicht stimmt.

Präzise Bilder stehen im Konflikt mit spagatartiger Handlung

Derart macht „Nemesis“, geschrieben von Mark Monheim und Stephan Wagner, mit präzisen Bildern inszeniert von Wagner, bald einen veritablen und recht kühnen Verdachtsspagat: zwischen einer Böse-Unterwelt-Buben- und einer katastrophischen Familien-Geschichte. Für beides streut er Indizien. Nur mit der ausgleichenden Gerechtigkeit, Nemesis, hat es eigentlich nicht so recht eine Bewandtnis.

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Was er an komplizierter und am Ende nicht wirklich überzeugender Handlungsauflösung bewältigen muss, das versucht dieser Fernsehkrimi immerhin recht erfolgreich mit Atmosphäre zu unterfüttern. Melancholische und nostalgisch gestimmte alte Männer könnte eines seiner Themen sein – während die beiden jüngeren Frauen die Arbeit machen, und sie gut machen. „Diese Stadt geht vor die Hunde“, unkt Kommissarin Winklers pensionierter Vater, Uwe Preuß (auch er wusste besagtes Restaurant zu schätzen). „Deutschland ist in einem Zustand...“, deutet Chef Schnabel ominös an. Aber natürlich hat die Sache mit Deutschland und seinem aktuellen Zustand herzlich wenig zu tun. Auch zeigt Wagner ein geradezu funkelndes Dresden.

In Dresden tut sich der Abgrund des Erwartbaren auf

Womit sie zu tun hat, darauf kann man bald kommen; auch wenn immer wieder die falsche der beiden Fährten ins Spiel gebracht wird (natürlich kann hier nicht verraten werden, welche das ist). Manchmal kommt dieser zweite Dresden-Fall mit Cornelia Gröschel als Leonie Winkler dem Abgrund des Erwartbaren sehr nahe. Manchmal schafft er dann doch noch eine erstaunliche Wendung.

Jedenfalls ist er auf der Höhe einer in manchen Dingen empfindlicheren Zeit, wenn Schnabel schließlich zugibt, seine Essensrechnungen einst „nicht sauber bezahlt“ zu haben. Wie übrigens gerade Plácido Domingo, beruft er sich zu seiner Entschuldigung auf „andere Zeiten, damals“.

„Tatort: Nemesis“: ARD, So., 20.15 Uhr

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