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„Deutschland sucht den Superstar“: Brot und Spiele

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Von: Martin Benninghoff

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DSDS-Jury: Leony (l-r), Katja Krasavice, Pietro Lombardi und Dieter Bohlen, Jury-Mitglieder der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“.
DSDS-Jury: Leony (l-r), Katja Krasavice, Pietro Lombardi und Dieter Bohlen, Jury-Mitglieder der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“. © dpa

„Deutschland sucht den Superstar“ soll mit der 20. Staffel enden.

Wenn Dieter Bohlen an diesem Samstag zur 20. und angeblich letzten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ („DSDS“) wieder Platz hinter dem Jury-Pult nimmt, schließt sich der Kreis um ein bemerkenswertes Stück Fernsehgeschichte. „Mit einem Dieter, wie ihr ihn kennt“, verspricht der RTL-Trailer, und natürlich hat Bohlen im „Stern“ (gehört ja auch zu RTL) in dieser Woche gleich mal durchblicken lassen, dass „DSDS“ ohne ihn selbstverständlich nicht funktioniert – und zumindest hierbei muss man ihm recht geben. Dabei wollte RTL in der 19. Staffel mit Florian Silbereisen statt Bohlen das Publikum verjüngen, doch der farblose Volksmusikant passte so gut ins Format wie Sylvester Stallone aufs „Traumschiff“.

Der 68 Jahre alte Musikproduzent und frühere Modern-Talking-Kopf Bohlen hingegen personifiziert „DSDS“, seit die erste Staffel 2002 über den Sender ging. Laut, ordinär, derb, die Kandidatinnen und Kandidaten teilweise vor laufender Kamera in Grund und Boden stampfend, aber auch schillernd, mitunter witzig. Pure Straße statt Bildungsfernsehen. Für die Jungs und Mädels aus deutschen Hochhaussiedlungen ein glaubwürdiges Angebot als Sprungbrett für den sozialen Aufstieg durch Pop.

Nichts davon ist Feuilleton, vieles irgendwie prollig, und das oberste Role Model ist Bohlen selbst, die fleischgewordene Inkarnation des zu Geld gekommenen Underdogs mit blondierten Haaren, ausgeprägter Solariumsbräune und den Segnungen der Männerkosmetik. Ein Meister des schlechten Geschmacks bei maximalem Selbstbewusstsein.

Für das um Distinktion bemühte Bürgertum – und linksintellektuelle Kreise ohnehin – war und ist das die pure Provokation. So wie „Big Brother“ oder das „Dschungelcamp“, die zu ihren Anfangstagen ähnliche Reaktionen hervorriefen. „DSDS“ war vor 20 oder 15 Jahren umstritten, zuletzt aber – in Zeiten von Instagram und Tik-Tok-Videos – zunehmend egaler. So oder so ist das Format aber prägend gewesen, für RTL und die Fernsehlandschaft.

2002, als die Show startete, war sie mit bis zu 15 Millionen Zuschauer:innen ein unglaublicher Straßenfeger. „DSDS“ war zwar nicht die erste Musik-Castingshow (zwei Jahre zuvor hatte die RTL-II-Sendung „Popstars“ die „Spice Girls“-Kopie der „No Angels“ auf den Markt geworfen), aber die, die eine komplette Vermarktungskette inklusive allumfassender Boulevardberichterstattung in und um RTL herum lostrat. Selbst Dritt- und Viertplatzierte wurden irgendwie berühmt, darunter der tragisch im Atlantik verschollene Daniel Küblböck. Unter den Siegern waren Köpfe wie Alexander Klaws, Mark Medlock, Beatrice Egli oder Pietro Lombardi.

Tatsächlich sprechen die Zahlen eine klare Sprache: eine zweistellige Zahl von Nummer-Eins-Hits, mehr als drei Millionen Singles verkauft und knapp drei Millionen Alben. Anfänglich waren in der Jury um Bohlen echte Branchenkenner wie Manager Thomas Stein vertreten, heute sind es mehrheitlich Klamauk-Promis, die bunt daherkommen, aber keine musikindustriellen Kompetenzen aufweisen. Die Musikindustrie jubelt auch so, weil solche Zahlen mit natürlich aufzubauenden Künstlerinnen und Künstlern im Streaming-Zeitalter niemals zu erreichen wären, zumal Südkoreas K-Pop-Szene seit Jahren zeigt, wie Crossvermarktung geht: Ein TV-Format kreiert ein Popsternchen, das wiederum in Serien mitspielt und in den Pausen Musik auf den Markt wirft – unter reger Anteilnahme der Werbeindustrie. Die Zeiten, da Sänger wie Westernhagen oder Grönemeyer erst einmal Alben produzieren durften, die keiner kaufen wollte, sind längst vorbei. So viel Risikokapital investiert kein Label mehr – „DSDS“ ist da die sicherere Bank.

Allerdings mit abnehmender Relevanz, seit das lineare Fernsehen an Bedeutung verliert: Die letzte Staffel wollten gerade einmal knapp zwei Millionen Menschen im Durchschnitt sehen, und auch der Sieger, der Schlagersänger Harry Laffontien, ist alles andere als ein „Superstar“. Wer kennt ihn schon?

Aber der Begriff „Superstar“ relativiert sich ohnehin, wenn man sich die Karrieren der vorherigen Siegerinnen und Sieger anschaut. „DSDS“ hat im besten Falle talentierte Musikdienstleister hervorgebracht, so wie Alexander Klaws, dessen Sieg bei Staffel eins der Startschuss seiner beachtlichen Karriere als Musicaldarsteller in Hamburg und anderswo war. Eine eigene Stimme und Handschrift als ernstzunehmender Künstler sucht man allerdings vergeblich, vielleicht hätte noch am ehesten der Frankfurter Mark Medlock das Zeug gehabt.

Dennoch wäre es zu wenig, den Erfolg von „DSDS“ auf das eigene Format zu reduzieren. Nicht nur Bohlen, sondern das gesamte Setting der Show, die teils erniedrigenden Auditions, das Zurschaustellen talentfreier Anwärterinnen und Anwärter (der wiederkehrende Showrunner Menderes Bagci ist das beste Beispiel) hat zu einer Gegenbewegung im Fernsehen beigetragen, die mehr sein wollte als Brot und Spiele im Dienste der Unterhaltung.

Stefan Raabs Casting-Sendungen „SSDSGPS“ („Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star“) und „SSDSDSSWEMUGABRTLAD“ („Stefan sucht den Superstar, der singen soll, was er möchte und gerne auch bei RTL auftreten darf“) sind schon im Namen Verballhornungen. Max Mutzke und Lena Meyer-Landrut sind zwei typische Raab-Entdeckungen. Aber vor allem ebnete er den Weg für die heutigen Live-Sendungen, in denen es ernsthaft um Musik ging oder geht (und natürlich auch um Unterhaltung): „Sing meinen Song“ und „The Voice“, die ebenso wie „DSDS“ auf ausländischen Konzepten basieren, aber viel mehr Wert auf Musik legen und weniger auf private Mätzchen. Das allerdings würde Bohlen wohl nur am Rande interessieren.

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