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„Der goldene Handschuh“: In der gruseligen Dachwohnung des Frauenmörders.

Deutsche Filme auf der Berlinale

Fatih Akin blickt auf das Tabu

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Filme von Maryam Zaree, Marie Kreutzer und Fatih Akin erzählen Geschichten aus Deutschland.

Nach einer Überlieferung im Talmud schwebt über jedem Kind, das geboren wird, eine Kerze, die das Wissen der Welt in sich trägt. Im Augenblick der Geburt aber wird sie ausgeblasen. Die in Frankfurt aufgewachsene Schauspielerin und Autorin Maryam Zaree stellt dieses Bild an den Anfang ihres autografischen Regiedebüts „Born in Evin“, uraufgeführt in der Berlinale-Reihe „Perspektive Deutsches Kino“. Nur durch die Indiskretion einer Tante erfuhr sie als Kind, dass sie im berüchtigten Teheraner Foltergefängnis zur Welt kam, das sie erst mit zwei Jahren zusammen mit ihrer Mutter verlassen konnte. Auch ihr leiblicher Vater überlebte, kam jedoch erst Jahre später frei.

Als Zaree ihrer Mutter, der Frankfurter Psychologin und Grünen-Politikerin Nargess Eskandari-Grünberg, eine erste filmische Skizze zu ihrer Spurensuche zeigt, rührt sie diese zu Tränen. Sprechen aber kann sie über das Trauma noch immer nicht. Noch oft in dem Film von Maryam Zaree findet das Unsagbare ähnlich schmerzlich Ausdruck in der Sprachlosigkeit der Überlebenden.

Auch von Seiten ihres Stiefvaters Kurt Grünberg ist Zaree der theoretische Kontext des Schweigens, das ihre frühe Kindheit und das Leiden ihrer Eltern umgibt, gut vertraut: Als Nachkomme von Shoah-Überlebenden forscht er über psychosoziale Spätfolgen der Judenvernichtung. Auch er kommt im Film zu Wort, doch Zaree hat keinen theoretischen Film gedreht. Auf der Suche nach weiteren Gefängniskindern und Evin-Überlebenden sammelt sie Bausteine zu einem Gebäude des Vergessens. Auf Kongressen von Exil-Iranern kann sie wenige, blitzlichhafte Eindrücke sammeln, Folter- und Todesbilder. Dann ist da aber auch das irreal-tröstliche Szenario von 60 Frauen in einer Gefängniszelle die das neugeborene Baby mit Liebe überschütten.

Musik als Teil der Folter

Einmal ist Maryam Zaree selbst einem kleinen, eigenen Erinnerungsfragment begegnet, einem Stück religiöser Musik bei einer Busfahrt in Marokko. Solche Musik, erfährt sie später von ihrem Vater, sei Teil der Folter gewesen.

Es hat in den letzten Jahren eine Reihe wegweisender Dokumentarfilme über Folter und Traumata gegeben, „Das fehlende Bild“ etwa, Rithy Panhs Puppenfilm-Nachstellung seiner Haft in Kambodscha. Zaree verzichtet weitgehend auf Illustration – und bricht gerade dadurch das gesellschaftliche Schweigen über das, worüber die Opfer nicht sprechen können. Zugleich aber weckt sie Respekt für dieses Schweigen und appelliert auch an eine gesellschaftliche Verantwortung: Wann immer über das Schicksal von Geflüchteten gesprochen wird, muss man sich in Erinnerung rufen, dass vielen Opfern dafür selbst die Stimme fehlt. Zaree, die in einer Atmosphäre größter Offenheit aufwuchs und zugleich auf ein solches Tabu stieß, zeigt Wege dazu auf; eine große Filmemacherin kündigt sich an.

„Der Boden unter den Füßen“.

Auch der Wettbewerb bietet innovatives, psychologisches Kino. In „Der Boden unter den Füßen“ erzählt die Österreicherin Marie Kreutzer von zwei ungleichen Schwestern; die eine ist eine erfolgreiche Unternehmensberaterin, die andere Psychiatriepatientin. Als die Hilferufe der Kranken geisterhaft in den Geschäftsalltag der vermeintlich Unfehlbaren hallen, verschieben sich die Parameter.

In einer Berufswelt, die nichts mehr fürchtet als den sogenannten Burn-Out – dieses andere Wort für Depression – gehen Funktionieren und Verdrängen Hand in Hand. In ausgefeilten Dialogen konstruiert Kreutzer eine faszinierende Balance aus Außen- und Innenwelten. Bemerkenswert auch der unverbrauchte Blick der Österreicherin auf Spielorte im deutschen Osten.

„Der goldene Handschu“ - Ausstattungsfilm von Retro-Chic

Fatih Akin führt dagegen an ein filmisch wohl vertrautes Stückchen Hamburg, den Kiez wie ihn Heinz Strunk in seinem Tatsachenroman „Der goldene Handschuh“ über einen berüchtigten Frauenmörder aus den siebziger Jahren verewigt hat. Es ist ein Ausstattungsfilm von typischem Retro-Chic.

Sicher, Akin hat sich sehr genau an Polizeifotos von der gruseligen Dachwohnung Fritz Honkas gehalten, die er stolz im Abspann ausbreitet. Doch der zweite zentrale Spielort, die titelgebende Kiez-Kneipe, ist nicht von ungefähr noch heute im dargestellten Zustand auch im heutigen Sankt Pauli ein Szenemagnet, von der Afri-Cola-Tafel vor der Tür über die Auswahl an urigen Rachenputzern bis zur Juke-Box und ihrem deutschen Schlager-Repertoire. Fatih Akin hat sich einige der finstersten Ohrwürmer ausgesucht, von Adamos „Es geht eine Träne auf Reisen“ bis zu Christian Anders’ „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“.

Einer der ersten, die im deutschen Film dem kollektiven Sentiment im Schlager nachspürten war Rainer Werner Fassbinder, an dessen „Angst essen Seele auf“ mit Brigitte Mira gleich mehrere der wunderbar besetzten Alkoholikerinnen mittleren Alters erinnern. Auch wenn sie nicht die Liebe finden sondern einem scheußlichen Verführer in seine verdreckte Wohnung folgen. Doch anders als bei Fassbinder ist da doch ein unangenehmer Ton des Makabren, der durch die Musikauswahl noch einmal besonders pointiert wird.

Man muss sich erinnern, dass Schlagermusik in den siebziger Jahren eng mit der Arbeiterklasse verbunden wurde. In Filmen wie „Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“ vermittelte Fassbinder die unartikulierte Emotionalität von Menschen der unteren Bildungsschicht ohne Herablassung über die Brücke der Schlagermusik. Anders Fatih Akin; er würde es wohl bestreiten, aber sein Film ist voller Stereotypen, die wir skurril finden sollen und vielleicht auch etwas kultig.

Fassbinder-Darsteller Hark Bohm gelingt es in einer Gastrolle als Kneipengast noch am besten, über das Klischee hinweg zu spielen. Jonas Dassler, der den Frauenmörder spielt, ist das unter seinem schweren Make-Up leider nicht mehr möglich. Bucklig schleppt er sich durch die wenigen Spielorte wie der Glöckner von Sankt Pauli, zwei Stunden lang muss man ihm bei seinem Sadismus über die Schulter schauen.

Die Gewaltdarstellungen sind zwar nie so deutlich, dass sie die Freigabe „ab 18“ begründen, die der Film bereits erhalten hat. Aber sie wirken deshalb oft nicht weniger selbstzweckhaft. Und wenn dann noch eines der potentiellen Opfer als ehemalige Zwangsprostituierte aus einem Konzentrationslager vorgestellt wird, wirkt diese Information wie ein weiteres billiges Element des Exploitation-Kinos.

Es ist schon eine merkwürdige Mischung. Ein wenig mehr Verfremdung, ein wenig mehr surreale Überhöhung und Akin wäre eine Art Hamburger Antwort auf den Schweden Roy Andersson gelungen. Ein wenig weniger Deutlichkeit und stattdessen pointiertere Andeutungen, und man hätte einen Hauch von Aki-Kaurismäki-Filmen verspüren können.

So aber bleibt es äußerlich, ein Schwelgen im Ekel, in den weiblichen Nebenrollen vorzüglich gespielt, aber mehr auch nicht. Diesem „Goldenen Handschuh“ fehlt es an einem goldenen Händchen.

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