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Moderatorin Maybrit Illner.

„Maybrit Illner“, ZDF

Deutsche Krokodilstränen

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Maybrit Illner wollte wissen, ob die Bankenkrise zurückkomme – die Mehrzahl ihrer Gäste sah die Gefahr nicht.

Das war mal ein schöner Abend für Jörg Eigendorf. Der Pressesprecher, pardon: Kommunikationschef der Deutschen Bank durfte bei Maybrit Illner darlegen, wie gut sich doch alles entwickele beim größten deutschen Geldhaus, und das mit den überraschend guten Quartalszahlen im Rücken. „Gier statt Reue – kommt die Banken-Krise zurück?" lautete Illners Thema, und  sie begann die Sendung mit dem Satz, die Banken selbst seien „offenbar“ das Problem. Eigendorf bestätigte ihr das bereitwillig – aber nur mit Blick auf die Vergangenheit. Gewiss, damals, in der Bankenkrise, habe die Kontrolle gefehlt, damals habe man, anspielend auf die exorbitanten Boni für die Führungskräfte,  „immer die Stürmer bezahlt, aber die Verteidigung vergessen“. Alles vorbei? Gewiss doch, aktuell ist man in Frankfurt erwartungsgemäß natürlich „auf dem richtigen Weg“.  Und schließlich sei die Deutsche Bank heute „das einzige Pendant zur deutschen Industrie“.

Da musste es den Kommunikationschef  bei seiner verkappten Pressekonferenz nicht mehr groß stören, was er über die vergangenen  Fehler und Machenschaften seines Hauses noch zu  hören bekam, etwa in einem Einspieler, der von „zwei Jahrzehnten Größenwahn“  berichtete und  Konzernchefs wie Kopper und Ackermann mit ihren Sprüchen zeigte. Und den Hinweis auf die Verwicklung der Bank in mehr als 7000 Rechtsstreitigkeiten konterte Eigendorf mit dem Argument, Unternehmen wie seines hätten eben „immer mehrere Rechtsfälle“. Da sind 7000 Prozesse offenbar peanuts...

Von den anderen Teilnehmern der Runde ging nur Oskar Lafontaine hart mit der Deutschen Bank ins Gericht; er sah sie in einer „extremen Schieflage“. Doch weder der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss noch die Wirtschaftsjournalistin Carolin Roth sahen die Bank in Gefahr, zumal das Eigenkapital ausreichend sei.

Lafontaine mit berechtigten  Zornesausbruch

Bayerns Finanzminister Markus Söder war ganz auf das Nationale gepolt; die Deutsche Bank sei schließlich „die Seele der deutschen Wirtschaft“ gewesen und müsse wieder deren Teil werden. Allgemein hätten aber die Banken in den vergangenen 15 Jahren nicht für die Kunden gearbeitet. Das haben Politiker dann wohl auch so lange nicht gemerkt. Außer Markus Söder selbstredend, der die Gelegenheit nutzte, um seine Reform der Bayerischen Landesbank hervorzuheben.

Dass nun alles anders und besser werden soll bei der Deutschen Bank, müssen aber leider die Angestellten (da benutzte Eigendorf lieber nicht nicht das Fußballbild vom Verteidiger)  büßen: Illner erwähnte, dass 188 Filialen geschlossen werden sollen und 10000 ihren Job verlieren könnten. Was Volkstribun Lafontaine zum berechtigten  Zornesausbruch trieb: Rund 50 Milliarden an Boni hätten die Manager der Deutschen Bank kassiert, die Zocker müssten ins Gefängnis, es könne nicht sein, dass der Steuerzahler wieder herhalten müsse. Denn trotz der Behauptungen Ackermanns habe sehr wohl der Staat in der Bankenkrise auch der Deutschen Bank unter die Arme gegriffen. Von „Reue“ war übrigens nicht die Rede an diesem Abend.

Beim zweiten Thema, der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank, erklärte Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des Finanztip, dass die Sparer derzeit ein „Minusgeschäft“ machten. Dagegen verteidigten Roth und Voss die Strategie Mario Draghis. Erhöhte Zinsen hätten massivem Werteverlust in Spanien, Italien und Portugal geführt – was wieder Wasser auf die nationalen Mühlen Söders war. Die Politik der EZB sei unfair, weil sie die deutschen Sparer benachteilige und weil sie den ohnehin nicht großen Reformeifer der „Südländer“ bremse. . Ins gleiche Horn stieß Eigendorf. Voss störte sich zurecht daran, die Süeuropa  zum Buhmann zu machen. Söder verschwieg  dabei geflissentlich, was er unter „Reform“ versteht: Kürzungen bei Renten, Löhnen und Sozialleistungen. Darauf wies Lafontaine hin: Wer die Kaufkraft schwäche, erweise auch den Unternehmen einen Bärendienst.

Moderatorin Illner verwies schließlich auf die deutschen „Krokodilstränen“ über Draghis Politik:  Schließlich könne nur so Finanzminister Schäuble seine „schwarze Null“ halten – auf Kosten auch der Sparer. Was Söder veranlasste, kurz mal Wahlversprechen zu machen: Der Staat müsse etwas zurückgeben; er werde das mit einer Steuerrefom tun, die den Bürgern zwischen zehn und 15 Milliarden Euro bringe.

Und wer’s glaubt, wird selig. 

„Maybrit Illner“, ZDF, von Donnerstag, 27. Oktober, 22.15 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

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